WEIMAR (BLK) — Für ihre literarischen Verdienste um das Verständnis deutscher Geschichte sind Erich Loest, Monika Maron und Uwe Tellkamp mit dem Deutschen Nationalpreis 2009 geehrt worden. Die drei Autoren nahmen die mit 60.000 Euro dotierte Auszeichnung am Dienstag (16.6.) im Deutschen Nationaltheater Weimar entgegen. Die Schriftsteller aus drei Generationen hätten mit unterschiedlichen Stilmitteln ihre DDR-Erfahrungen anderen zugänglich gemacht, hieß es zur Begründung.
Der Preis wird alljährlich von der 1993 in der Klassikerstadt gegründeten Deutschen Nationalstiftung vergeben. Die Stiftung, zu deren Gründungsvätern Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) gehört, will dazu beitragen, die Fremdheit zwischen Ost und West zu überwinden und die nationale Identität der Deutschen im vereinten Europa zu stärken.
Der Preis sei kein Literatur-, sondern ein politischer Preis, sagte Maron in ihrer Dankesrede im Namen aller Ausgezeichneten. Sie sprach sich dagegen aus, die ostdeutsche Literatur unter der Bezeichnung DDR-Literatur abzuhandeln. Das „ist nicht nur ein Ärgernis, sondern führt auch zu einer verengten Wahrnehmung der Texte, die vor allem auf ihren DDR-Bezug gelesen und damit ihrer Übertragbarkeit auf andere Lebenswelten beraubt werden“, sagte sie laut Redemanuskript. „Die DDR war das Ergebnis der gemeinsamen deutschen Geschichte, sie gehört zur deutschen Geschichte, und die Literatur, die in ihr geschrieben wurde, ist deutsche Literatur, gute oder schlechte, wahrhaftige und verlogene“, sagte Maron. In Romanen wie „Flugasche“, „Stille Zeile 6“, „Die Überläuferin“ und „Pawels Briefe“ hatte sich die 1941 in Berlin geborene Maron mit der Widersprüchlichkeit des totalitären DDR-Systems auseinandergesetzt. Aufgewachsen im kommunistischen Umfeld ihrer Mutter und ihres Stiefvaters, der von 1955 bis 1963 DDR-Innenminister war, trat die Theaterwissenschaftlerin und Journalistin früh in die SED ein, um nach Konflikten 1978 wieder auszutreten. Bemühungen der Staatssicherheit, sie 1976 als Mitarbeiterin zu gewinnen, scheiterten. Nach Druckverbot und beruflicher Perspektivlosigkeit siedelte sie 1988 nach Hamburg über und lebt jetzt in Berlin.
Erich Loest, 1926 in Mittweida geboren, zählt zu den bedeutenden Autoren der Nachkriegszeit in Deutschland. Unter dem Eindruck des Nationalsozialismus wurde er 1947 Mitglied der SED und Vorsitzender des Schriftstellerverbandes Leipzig. Nach dem Aufstand vom 17. Juni 1953 entfremdete er sich der Partei und wurde 1957 wegen „konterrevolutionärer Gruppenbildung“ zu siebeneinhalb Jahren Zuchthaus verurteilt. 1981 ging er in die Bundesrepublik, heute lebt er in Leipzig. In Romanen und Erzählungen wie „Nikolaikirche“, „Durch die Erde ein Riss“ und „Löwenstadt“ setzt er sich mit der jüngeren deutschen Geschichte auseinander.
Uwe Tellkamp, 1968 in Dresden geboren, ist Arzt und Schriftsteller und lebt in Freiburg. Nach dem Abitur war er Soldat der Nationalen Volksarmee NVA. Er wurde wegen des Besitzes von Texten von Erasmus von Rotterdam, westdeutscher Autoren und von Wolf Biermann „politischer Diversantentätigkeit“ bezichtigt. Sein Studienplatz wurde gestrichen. Nach 1990 studierte er Medizin in Leipzig, Dresden und New York. 2008 veröffentlichte er seinen Roman „Der Turm“, in dem er ein präzises Panorama des Dresdner Bildungsbürgertums in der Endzeit der DDR beschreibt. (dpa/mül/köh)