PARIS (BLK) - So viel Deutschland-Romane wie dieses Jahr gab es zum französischen Literaturherbst nur selten. Weder der 20. Geburtstag des Mauerfalls noch das Gedenkjahr zum Kriegsausbruch vor 70 Jahren scheinen Grund für diese Deutschland-Renaissance zu sein, denn keines der Werke hat deutsche Geschichte oder deutsche Politik zum Grundthema. Die Veröffentlichungen sind meistens von Frauen geschrieben und von sehr persönlichen Deutschlandbildern geprägt, ohne Morallektion, Schuldzuweisung und den herkömmlichen Klischees.“Die Bücher sind mit viel Intelligenz und Einfühlungsvermögen geschrieben“, urteilt die französische Wochenzeitung „L‘Express“.
Vor allem das Buch “Une année étrangère“ von Brigitte Giraud findet in der französischen Presse viel Beachtung. Auf den rund 200 Seiten beschreibt die 48 Jahre alte Autorin ihr Au-pair-Jahr in der Nähe von Lübeck Anfang der 70er Jahre. „Alles erscheint mir fremd, die Bäume, die Dörfer, die Häuser und sogar die Art und Weise wie der Rauch aus dem Kamin steigt“, schreibt die ehemalige Journalistin und Übersetzerin über ihren Aufenthalt in der Familie Bergen. Eine Familie, in der die Eltern später aufstehen als die Kinder und jeder isst, wann er will. "Ein Buch, das einen Einblick in einen bundesdeutschen Haushalt bietet, der nichts mit den üblichen Stereotypen gemein hat", schreibt „L‘Express“.
Inhaltlich komplizierter und anspruchsvoller ist das Werk „Mon enfant de Berlin“ von Anne Wiazemsky. Das bei Gallimard erschienene Buch handelt von der Liebesgeschichte ihrer Eltern und spielt im Jahr 1945 vor den Kulissen eines Berlins in Trümmern. Der Vater ist französischer Armeeoffizier, die Mutter Krankenschwester beim französischen Roten Kreuz, die mit der Absicht nach Berlin kam, den Deutschen nichts zu verzeihen. Alles ändert sich jedoch mit der Geburt ihrer Tochter, der Erzählerin, die ihr Leben einem Arzt verdankt, der später als Kriegsverbrecher verurteilt wird.
Auf der Liste der Neuerscheinungen stehen als weitere lesenswerte Deutschland-Romane „Berlin 36“ von Alexandre Najjar, ein Buch über die Olympischen Spiele in Berlin, „Honecker 21“ von Jean Yves Cendrey, der das Leben eines ganz gewöhnlichen Berliners erzählt sowie „Le secret Gretl“ von Marie-Odile Beauvais, die Geschichte einer Frau, die von einem nationalsozialistischen Stiefvater erzogen wurde und in deutscher Uniform ihrem eigentlichen Vater schließlich im besetzten Paris begegnet.
Auch wenn die Romane in der französischen Presse viel Beachtung finden, scheint keiner im Rennen um einen der renommierten Literaturpreise zu sein, die in den kommenden Wochen vergeben werden. Derzeit stehen vor allem „Un voyage d‘hiver“ von Amélie Nothomb und „Un roman français“ von Frédéric Beigbeder hoch im Kurs. Typisch für das „enfant terrible“ der französischen Literatur ist der Medienrummel, der jedes Buch von ihm auslöst. Diesmal beschreibt er, wie er mitten in Paris wegen Drogenkonsums festgenommen wird und 48 Stunden in Untersuchungshaft sitzt - Zeit, um über sein Leben und seine Kindheit nachzudenken.
Von Sabine Glaubitz