WIEN (BLK) – Allerhand amüsante oder auch nachdenklich stimmende Kolumnen bringt die freie Autorin Elfriede Hammerl mit „Alles falsch gemacht“ unter die Leselampe.
Klappentext: Elfriede Hammerls Kolumnen, die seit 25 Jahren in der Zeitschrift „profil“ in Österreich erscheinen, sind mittlerweile ein Stück Zeitgeschichte; mit großem Engagement für sozial Benachteiligte und Randgruppen - wie zum Beispiel die Spezies Frau - kommentiert die Autorin darin mit Humor Szenen aus unserem Alltag. Gerne widmet sich Elfriede Hammerl auch medialen Erfindungen wie der „Power-Frau“, an der man vor allem eines gut zeigen kann: Frauen, denen es nicht spielend gelingt, Job und Familie unter einen Hut zu bekommen, und die bei gleicher Leistung weniger verdienen als ihre männlichen Kollegen, haben eben einfach nur - alles falsch gemacht!
Elfriede Hammerl wurde 1945 in Prebensdorf, Österreich geboren. Mit ihrer Tochter lebt sie in der Nähe von Wien. Sie absolvierte eine journalistische Lehre bei österreichen Tageszeitungen und im ORF Fernsehen. Hammerl verfasst Kolumnen für diverse Magazine, unter anderem „stern“, „Vogue“, „Cosmopolitan“, „marie claire“ und „Kurier“.
Leseprobe:
©Paul Zsolnay Verlag©
Wie viele Heimaten kann ein Mensch haben? Mindestens zwei, sagt meine Freundin Nurten. Neun war sie, als sie hierher kam, aus der Türkei. Wo bist du jetzt zu Hause? Hier, sagt Nurten. Und dann: Hier und dort. Dort auch. Was meint sie mit hier? Österreich? Irgendwie hab ich’s bis jetzt verpasst sie zu fragen, aber ich glaube nicht, dass sie, sagen wir mal, im Pustertal daheim ist. Ich übrigens auch nicht. Das sagt nichts übers Pustertal, sondern nur was über die Tatsache, dass ich bis jetzt wenig Gelegenheit hatte, dort heimisch zu werden. Es gibt Gegenden in diesem meinem Heimatland, die sind mir fremder als Grado. Nochmals: Ich distanziere mich nicht von ihnen. Aber sie haben sich von mir distanziert. Also: fern gehalten. Bisher. Wie das Leben so spielt.
In Grado fühle ich mich nicht sehr fremd. Ich gehöre zu der Generation, die praktisch an der italienischen Adria aufgewachsen ist. Naja, mehr oder weniger. Ich eigentlich weniger, weil ich viele lange Kindheitssommer auch in dem zugebracht habe, was jetzt das steirische Thermenland heißt. Damals the middle of nowhere, vornehm ausgedrückt. Mannshohe Kukuruzfelder. Flirrend heiße Nächte. Viel später gab’s eine Phase, in der war das Salzkammergut angesagt. Unglaublich schön, das Salzkammergut, aber ich habe lange gebraucht, bis ich aufgehört habe, mir darin verirrt vorzukommen.
Eine Gegend, in der der Mais höchstens kniehoch wird! Eine Gegend, in der es Augusttage auf nicht mehr als zwölf Grad bringen können, von den Nächten ganz zu schweigen! Dafür Triest. Venedig. Oder die verschlafenen kleinen ehemaligen Garnisonstädtchen im Banat: auf Anhieb vertraut, vielleicht wegen Joseph Roth. Und wegen der k. u. k. Architektur, die unsereins mit der Muttermilch. Hingegen, sagen wir mal, mitteldeutsche Kleinstädte: fremdes Ausland. Schmucke Häuser, aber fremd.
Gelegentlich auch Liebe auf den ersten Blick. Sofort Nähe und Verbundenheit. Als wäre man immer schon. Als hätte man einander nie nicht gekannt. Wohlgemerkt, ich meine Städte, Orte, Landschaften. Du kommst zum ersten Mal hin und gehörst her, obwohl du vielleicht kein Wort von dem verstehst,
was sie rund um dich reden. Ist mir schon passiert, und dabei bin ich extrem sprachfixiert. Aber: Wenn Sprache Heimat ist, kommt es ohnehin auf die Klangfärbung an. Ich rede jetzt gar nicht vom hohen deutschen Norden, wo sie mich beim Bäcker verständnislos anstarren, obwohl ich eh Brötchen statt Semmeln verlangt habe. Mir genügt Bayerisch, um zu wissen, dass ich in der Fremde bin. Wer dem Münchnerischen (behäbiger, ländlicher Dialekt) eine die Gefahr des Verwechselns bergende Ähnlichkeit mit dem Wienerischen (leichtfüßig, städtisch) ablauscht, muss Schweinsohren haben.
Anderswo braucht es Menschen. Was mich anlangt, so bin ich in Berlin mehr daheim als in, sagen wir jetzt mal, St. Veit an der Glan, weil in Berlin Leute wohnen, die ihr Heim mit mir teilen, wenn ich in Berlin bin, während ich in St. Veit an der Glan abends allein in einem Hotelzimmer sitzen müsste. Keine einzige, ein Staatsgebiet umfassende Heimat also, sondern viele kleine Heimaten, heimatartige Stützpunkte innerhalb und außerhalb der Staatsgrenzen. Na und? Ich bin insofern fein heraus, als mir niemand ansieht, dass ich gar nicht im ganzen Land daheim bin, wenn ich sage, ich bin in diesem Land daheim. Und ich bin insofern fein heraus, als mir niemand Illoyalität diesem Land gegenüber unterstellt, weil die Frage, ob ich mich auch noch anderswo daheim fühle, gar nicht zur Debatte steht.
Manche haben es da schwerer. Weil man ihnen ansehen will, dass sie sich hier gar nicht daheim fühlen, auch wenn sie sich hier daheim fühlen. Weil ihnen abgesprochen wird, sich hier daheim fühlen zu dürfen, obwohl sie sich hier daheim fühlen. Oder weil man ihnen abverlangt, sich gegen jede andere Heimat zu entscheiden, wenn sie hier daheim sein wollen. Als ob geteilte Loyalität nicht auch auf Konfliktvermeidung statt auf Konflikte hinauslaufen könnte. Andererseits: das geeinte Europa. Bin ich Europäerin? Naja. Siehe oben. Rotterdam hat sich mir noch nicht erschlossen. Zum Beispiel. Wofür Rotterdam nichts kann. Ich aber auch nicht. Die jungen Menschen in meiner Umgebung: Auslandssemester da, Studienjahr an internationaler Einrichtung dort. Nachher pflegen sie Freundschaften zwischen Stockholm und Barcelona, haben Stützpunkte von Boston bis Rom. Ausweitung des Heimatbegriffs? Zugegeben, in den höheren Schichten ist immer schon Weltläufigkeit vorgekommen. Und für die Kinder aus wirklich armen Verhältnissen ist Boston nach wie vor weit weg. Aber sehen wir das Positive: Insgesamt haben mehr Jugendliche mehr internationale Kontakte als früher. Und vielleicht stehen Freundschaften von Prag bis Lissabon eventuellen nationalen Feindschaften ja doch im Weg.
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Literaturangabe:
HAMMERL, ELFRIEDE: Alles falsch gemacht. Paul Zsolnay Verlag, Wien 2010. 240 S., 17,90 €.
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