Die Botschaft der Bilder

Das 20-bändige „Bildlexikon der Kunst“ als Taschenbuch

© Die Berliner Literaturkritik, 17.03.09

 

Wie oft schon hat der Kunstkenner wie Interessierte verzweifelt nach einem Thema oder Motiv der Kunstgeschichte gesucht: Welche Rolle spielt die tragische Figur der Ophelia, Sinnbild des unschuldigen und unwissenden Opfers, in der bildenden Kunst? In den Visionen der Bibel vom Ende der Zeiten und dem Jüngsten Gericht blasen sieben Engel nacheinander sieben Posaunen und begleiten so Gottes Urteil über die Welt. Wo und wie ist dieses Thema in der bildenden Kunst dargestellt? Seit wann sind denn die Alpen ins Blickfeld der Künstler gerückt und welche Künstler haben dieses „Arkadien im Herzen Europas“ gemalt? Wie werden Terrakotten, die zu den ältesten Kunsttechniken der Welt zählen, hergestellt? Warum gibt es so viele Künstler-Selbstbildnisse im vertrauten Dialog mit dem Tod? Sollen sie in einem Memento mori an die Kürze des menschlichen Lebens und die Endgültigkeit des Todes erinnern?

Gewiss, letztendlich bekommt man nach geduldigem Recherchieren in Lexika, Handbüchern der Kunstgeschichte und im Internet die Antwort. Aber könnte das nicht schneller, gezielter und umfassender zu erkunden sein? Italienische Kunsthistoriker haben, vornehmlich auf den reichen Beständen der Sammlungen und Museen ihres Landes –aber nicht nur - fußend, ein 20-bändiges Bildlexikon der Kunst erarbeitet, das 2002-2007 bei electa in Mailand erschien und nun in deutscher Übersetzung von Band zu Band auch hierzulande aufgelegt wurde. Vor kurzem ist mit dem letzten, dem 20. Band „Der Tod, die Auferstehung und das ewige Leben“ die Ausgabe abgeschlossen worden.

Nach Themen geordnet werden hier die wichtigsten Motive der Kunst vorgestellt und ihre bildliche Darstellung anhand berühmter Gemälde aus der Kunstgeschichte – von der Antike bis zur Moderne – erläutert. Man hätte die Bildbeispiele noch durch bedeutende Werke aus deutschen Museen, ja aus weiteren Sammlungen aus Europa und Übersee erweitern können, aber das wäre dann doch ein zu aufwendiges Verfahren gewesen. So handelt es sich um einen deutschen Nachdruck ohne jede Veränderungen oder Zusätze.

Alle Bände sind nach demselben Prinzip aufgebaut: Ein einleitender Satz fasst die signifikanten Merkmale des jeweiligen Themas zusammen. Der Haupttext erläutert dann knapp und präzise die kultur- und kunstgeschichtliche Bedeutung des Themas. Dabei ist jedes Kapitel zusätzlich durch ein einprägsames Motiv gekennzeichnet. Zudem illustriert auf der Textseite ein einschlägiges Beispiel aus der Kunstgeschichte das jeweilige Thema (die Bildunterschrift enthält die notwendigen Angaben zu Künstler und Werk). Pfeile weisen auf einzelne Details hin, die kurz und prägnant beschrieben sind. Außerdem finden sich in einer Rubrik am Rand des jeweiligen Haupteintrags alle grundlegenden Informationen auf einen Blick. Die anschließenden Illustrationen veranschaulichen, wie das Motiv dann künstlerisch durch andere Künstler und in späteren Perioden weiter verarbeitet wurde. Ein Stichwortverzeichnis und ein Künstlerregister im Anhang erleichtern die Orientierung im Buch.

Sehen wir uns einige Bände unter dem Aspekt an, wie dieses System jeweils funktioniert. Zum „schauenden Lesen“ lädt Band 2 ein, der die Geschichten und Legenden vorstellt, die sich um die Heiligen ranken. Man begegnet hier biblischen Gestalten wie Hiob aus dem Alten Testament, Johannes dem Täufer oder Josef und den Aposteln aus dem Neuen Testament, dem Riesen Christophorus, der das Jesuskind auf seinen Schultern trägt, Antonius dem Einsiedler, Bernhard von Clairvaux, dem Gründer des Zisterzienserordens, Franziskus von Assisi, dem Gründer des Ordens der Minderen Brüder (Minoriten), dem Dominikanermönch und Theologen Thomas von Aquin, Johanna von Orléans, die, von geheimnisvollen Stimmen berufen, für Frankreich und gegen die Engländer kämpfte und König Karl VII. auf den Thron führte, Elisabeth von Thüringen, die sich freigebig der Armenfürsorge zuwandte, und vielen anderen, insgesamt 370 Personen, die nicht nur in ihrem Äußeren, sondern auch auf ihre Symbolik und ihren religiösen oder historischen Stellenwert hin beschrieben werden. Die umfassende und komplexe Ikonografie von Jesus und Maria ist einem Folgeband vorbehalten.

Symbole und Allegorien, integrale Bestandteile eines Bildgefüges, ohne die wir nicht erkennen können, was ein Bild erzählt und welche Botschaft es vermittelt, behandelt Band 3. Ein Themenbereich beschäftigt sich mit den Darstellungsformen des Zeitbegriffs in unterschiedlichen Epochen in Europa (Welt- und Menschenalter, Jahres- und Tageszeiten, Monate, Stunden, Leben, Tod) und stellt die wichtigsten symbolischen Personifikationen der Zeit vor, während ein anderer einige Archetypen der kulturellen und anthropologischen Vorstellungswelt des Abendlandes beschreibt (Christus, Maria, Trinität, Eva, Mutter, Ei, Spiegel, Kreuz usw.). Ein dritter Bereich lädt zu Entdeckungsfahrten zu den „magischen“ Orten des Raumes ein (Chaos, Kosmos, Himmel, Sonne, Mond, Erde, Elemente, Paradies, Fegefeuer, Hölle. Reise, Traum usw.) und ein vierter erläutert die wichtigsten allegorischen Bildthemen der Kunstgeschichte (Laster, Tugenden, Fortuna, fünf Sinne, Temperamente, Liebe, Künste, Wissenschaften, Vanitas). Der Schlüssel zu diesen Sinnbildern und Zeichen ist uns heute nicht selten verloren gegangen, und so kann gerade dieser Band ein zweckmäßiger Begleiter in Kirchen, Museen und Ausstellungen sein.

Band 10 gibt einen Querschnitt durch die künstlerischen Materialien und technischen Verfahren der letzten sieben Jahrhunderte. Die traditionellen Gattungen wie Zeichnung (Kohle, Pinsel, Feder, Metallstifte, Rötel, Kreide, Bleistift, Aquarell, Pastell, Grafitstift, Mischtechniken, Vorzeichnung und Karton), Grafik (Holzschnitt, Kupferstich, Kaltnadelradierung, Schabkunst, Radierung, Aquatinta, Lithografie, Glasklischee, Mischtechniken, Siebdruck), Malerei (Seccomalerei, Enkaustik, Fresko-, Tempera-, Gouache-, Öl- und Miniaturmalerei – warum aber dann nicht auch die Wand- und Monumentalmalerei?), Plastik (Terrakotta, glasierte Terrakotta, Holzbildhauerei, Elfenbeinschnitzerei, Steinskulptur, Treibarbeit, Wachsausschmelzverfahren, Sandformverfahren, Stuckplastik, Materialkombinationen - wo allerdings bleibt die Bauplastik?), Mosaik und Intarsie, Keramik und Porzellan, Glaskunst, Goldschmiedekunst (dagegen fehlen Metallarbeiten, Möbel, Ornamentik und textiles Handwerk) werden ebenso beschrieben und dargestellt wie die Techniken zeitgenössischer Kunst (Collage, Frottage, Drip-Painting, Materialmontagen, doch Objektkunst, Environment und Videokunst kommen nicht vor). Gerade was die Bestimmung der Kunst des 20. Jahrhunderts anbelangt, wäre hier eine größere Breite wie Differenzierung wünschenswert gewesen. Die Buchillustration oder auch die Fotografie sucht man in diesem Band vergebens.

Der Band 13 geht den vielschichtigen Wechselbeziehungen zwischen der Musik- und Kunstgeschichte vom vorchristlichen bis ins 20. Jahrhundert nach und gibt in 5 Kapiteln Auskunft über Allegorien und Symbole der Musik, über mythologische Figuren, die von der Macht der Musik erzählen, über religiöse Motive bis zum kulturgeschichtlichen Wandel des Musizierens und der jeweiligen Instrumente. So kann man erfahren, wie das Konzert, Wandermusikanten, Musik und Liturgie, die Musik am Hofe wie in der Familie, die Musik im Theater, Orchester und Dirigent, die einzelnen Musikinstrumente vom Psalterium bis zum Kontrabass, von der Orgel bis zur Tuba ihre bildkünstlerische Darstellung gefunden haben.

Mit dem Zusammenwirken von Dichtkunst und Bildkunst beschäftigt sich Band 14, er bietet einen Überblick über die großen Werke der Weltliteratur und ihre Protagonisten sowie über literarische Motive, die als Topoi Eingang in die bildende Kunst gefunden haben. Er setzt mit dem späten Mittelalter, mit Dantes „Göttlicher Komödie“, ein und führt über die Werke von Francesco Petrarca, Giovanni Boccaccio, Ludovico Ariosto, Torquato Tasso, Shakespeare, Miguel de Cervantes, Molière, Racine und Corneille, Swift, Richardson und Sterne, John Gay, Gottfried August Bürger und James Macpherson bis zu Goethe (mit einer allerdings bescheidenen Darstellung) und zu den Frühromantikern (Chateaubriand). Das Bildmaterial aus der Zeit der Romantik und dem 20. Jahrhundert – so heißt es in der Einführung – sei so umfangreich und vielfältig, dass es gesondert betrachtet wird.

In der Tat, weder Chodowiecki, der sich mit den Werken Lessings, Schillers und Goethes auseinandersetzte, noch William Blake, der seine Bücher selbst zeichnete, oder Adolph Menzel („Peter Schlemihl“), G. Doré (Dante, Rabelais, Balzac) dürfen hier fehlen, und im 20. Jahrhundert, wo das Bild nicht mehr vom Text abhängig ist, sondern diesem beigeordnet wird, sind solche Namen wie Barlach (Goethe), Bonnard (Verlaine), Kirchner („Peter Schlemihl“, Georg Heym), Chagall (Gogol), Corinth, Léger (Cendrars), Maillol (Vergil), Matisse (Mallarmé, Ronsard), Kokoschka, Kubin (E. A. Poe), Picasso (Balzac, Ovid), Redon (Flaubert), Slevogt und viele andere unverzichtbar. Aber gehören denn nicht auch die bildkünstlerischen Auseinandersetzungen mit dem „Buch der Bücher“, der Bibel, hierher? Wie überhaupt der intensiven Beschäftigung der bildenden Kunst mit den antiken Autoren (etwa den Metamorphosen des Ovid) in diesem Band nicht nachgegangen wird.

Band 15 ist der Körpersprache gewidmet, der Sprache der Gebärden, Gesten und Mimik. Die Sprache des Körpers wurde zum Ausdruck – zum Spiegel - der Seele. Dabei nehmen die Hände eine entschiedene Rolle ein. Doch um eine dargestellte Geste angemessen interpretieren zu können, muss die gesamte Körperhaltung, der Gesichtsausdruck und der Bildkontext berücksichtigt werden. Ein und dieselbe Geste kann ganz verschiedene Bedeutungen haben. So wird in diesem Band eine höchst instruktive Kategorisierung vorgenommen. Deskriptive Gesten haben vornehmlich illustrativen Charakter, expressive Gesten kennzeichnen innere Zustände, Gefühle und Empfindungen. Kommunikationsgesten stellen die Rede und das Argumentieren dar, dagegen enthüllen Gesten der Verzweiflung Gefühle und Seelenzustände, die sich aus dem Bereich des moralischen und physischen Schmerzes herleiten.

Obszöne Gesten bringen den Spott, die verbale Verhöhnung oder den Fluch zum Ausdruck, während rituelle Gesten „wirkungsmächtige Zeichen“ sind, ikonografische Symbole oder Sinnträger. Diese unterschiedlichen Arten von Gesten werden hier ebenso vorgestellt wie die Körperbewegungen vom Gebet bis zur Ekstase, die Beziehung zwischen Körperhaltung und Gesichtsausdruck, überhaupt die Physiognomik (war das Gesicht bisher Spiegel der Seele, so wird es im 20. Jahrhundert Ort des Unbestimmten, des flüchtigen Inneren, des Unbewussten) und die narrative Kraft der Gesten erläutert werden.

Entdeckungen geografischer und imaginärer Welten kann man im Band 18 unternehmen. Welche Widerspiegelung hat das „Fremde“ bei den bildenden Künstlern in unterschiedlichen Zeiten gefunden? Mythologische und christliche Vorstellungen von der himmlischen Sphäre, der irdischen Welt und imaginärer Orte wurden seit der Renaissance zunehmend durch geografische und astrologische Untersuchungen ergänzt, die nach und nach das Weltbild revolutionierten. Die Entdeckung der Neuen Welt führte zu einer intensiven Beschäftigung mit der Kartografie und mit den Bewohnern, der Fauna und Flora fremder Kontinente. Schließlich wurde das Reisen zu einem bevorzugten Mittel der Erforschung der Welt. Weniger chronologisch als vielmehr thematisch wird hier das Bildmaterial vom Mittelalter bis ins frühe 20. Jahrhundert vorgestellt: der Erdball und die Himmelssphäre vom Schöpfungsgedanken bis zu wissenschaftlichen und symbolischen Darstellungsformen, die Kontinente und ihre Völker, exotische Tiere und sagenhafte Geschöpfe, ferne Reisen und ihr tiefer symbolischer Gehalt, schließlich fantastischer und realer Orte.

Das Thema Tod gehört zu den ältesten und am weitesten verbreiteten der Kunstgeschichte. Es ist mit wohl allen Bereichen und Grundwerten der Kultur verbunden. Der Glaube an das ewige Leben und den erlösenden Tod Christi und jener, die in seinem Namen lebten und starben, hat eine lange sakrale Tradition. Auch heute beschäftigt das Thema Tod, das durch individuelle und gesellschaftliche Tragödien hervorgerufen wird, die Künstler mehr denn je. Der Darstellung des Todes, der Auferstehung und Wiedergeburt geht der Band 20 unter vielfältigen Aspekten nach, so des gewaltsamen Todes durch Krieg und Mord und des Leidens überhaupt, der allegorischen Darstellung und der Vanitas-Symbole, berühmter tragischer Liebensgeschichten, des Abschiedes der Hinterbliebenen von den Toten (unter Einbeziehung der Trauerriten und -zeremonien), der Allegorien und Personifikationen des Todes, des Totenkults und der Erinnerungszeugnisse, der „Reise ins Jenseits“ und der Welt jenseits des Todes sowie des Sieges des Lebens über die Macht des Todes. Innerhalb jedes Themas sind die Werke zumeist chronologisch geordnet, um entsprechende Entwicklungen zu markieren.

Abgesehen von den Bänden, die sich angesichts einer jahrhundertelangen Themen- und Motivtradition mit einer begrenzten Bildauswahl begnügen müssen, vermisst man einen Band, der die Architektur (Architekturbilder und Fantasiekonstruktionen) in den Blick nimmt. Wie werden bauliche Gegebenheiten (Plätze, Gebäude – Sakral- und Profanbauten -, Innenräume) um ihrer selbst willen, also nicht als Hintergrund oder Staffage für ein Geschehen, wiedergegeben? Darstellungen architektonischer Elemente dienten im frühen Mittelalter zur Verdeutlichung der Situation, aber nicht als Abbild. Erst mit dem gesteigerten Interesse an der Erscheinungsform der diesseitigen Welt und dem Bestreben, Plastizität und Raum zu erreichen, werden Architekturdarstellungen als Figurengehäuse wichtige Bauelemente.

Zentralperspektivisch durchkonstruierte Fantasiearchitekturen dominieren zunächst noch gegenüber exakten topografischen Aufnahmen, der Betrachter wird durch die nahsichtige Auffassung in den Innenraum einbezogen. Das eigentliche Architekturbild entwickelte sich im 16. Jahrhundert in den Niederlanden, doch im 18. Jahrhundert dominieren dann die Italiener, vornehmlich die Venezianer. Die Architekturmalerei ist nun kaum von der Vedutenmalerei, vom Prospekt und Panorama zu trennen. Verbunden mit der Darstellung von Landschaftsteilen oder Stadtansichten nähert sie sich der Landschaftsmalerei. Der Maler wetteifert nun nicht mehr mit dem Architekten oder der Architekturzeichnung, sondern ist einzig und allein Maler.

Die Lexika des Parthas Verlages sind schnell und leicht handhabbar, vermitteln ein praktikables Wissen und werden sich zweifellos als unentbehrliche Nachschlagewerke erweisen. Aber es lässt sich in diesen visuell gut aufgemachten Bildbänden auch wunderbar blättern, ja mit sich ständig steigerndem Interesse von Anfang bis Ende lesen.

Literaturangaben:
ZUFFI, STEFANO (Hrsg.): Bildlexikon der Kunst. Bd 1-20. Parthas Verlag, Berlin 2002-2008. je Band 384 S., durchgängig vierfarbig bebildert, je 24,80 €.

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