MÜNCHEN (BLK) – Im Carl Hanser Verlag erscheint „Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte“ von Amelie Fried und Peter Probst.
Klappentext: Amelie Fried auf den Spuren ihrer Familiengeschichte in der NS-Zeit. Frieds Großvater lebte als Jude und Österreicher in Ulm und besaß dort das Schuhhaus Pallas. Nach 1933 gerät er ins Visier der Nationalsozialisten: Nahe Verwandte des Großvaters werden im KZ ermordet. Er selbst überlebt nur durch einen unglaublichen Zufall. Nach dem Krieg führt die Familie wieder ihr gutbürgerliches Ulmer Leben. Amelie Frieds Vater wird der große Zeitungsverleger seiner Heimatstadt – trotzdem schweigt dieser Mann des Wortes sein Leben lang über die Nazizeit. Warum, das unter anderem versucht seine Tochter in diesem Buch zu ergründen. Sie selbst musste nach ihrer Familiengeschichte erst forschen. Sie erzählt sie, weil ihre eigenen Kinder sie erfahren sollen – sie und alle anderen, die wissen wollen, was damals gewesen ist. (mar/wip)
Leseprobe:
© Carl Hanser Verlag ©
Vorwort
7. November 2004. Mein Mann Peter ruft aus New York an, wo er beim berühmten New York Marathon mitgelaufen ist – ein Ereignis, auf das wir alle wochenlang hingefiebert haben. Aufgeregt frage ich, wie es gelaufen ist, welche Zeit er erreicht hat, ob auch seine Freunde gut ins Ziel gekommen sind. Er berichtet mir, wirkt aber merkwürdig abwesend.
Plötzlich fragt er: „Sagt dir eigentlich der Name Max Fried etwas?“
„Nie gehört“, antworte ich.
„Komisch. Dieser Max Fried hat dieselben Eltern wie dein Großvater.“
Ich verstehe nicht gleich. „Was meinst du damit, er hat dieselben Eltern wie mein Großvater? Dann wäre er ja …“
„… ein Großonkel von dir.“
„Ich weiß nicht, ob mein Opa Geschwister hatte“, sage ich.
„Eigentlich weiß ich gar nichts über ihn.“ Ein ungutes Gefühl beschleicht mich. „Wie kommst du überhaupt darauf?“
„Ich war im Leo Baeck Institut“, erklärt Peter, „dort habe ich im Gedenkbuch der Münchner Juden herumgeblättert. Dabei stieß ich auf Max Fried, verheiratet mit Lilli Fried, geborene Schwarzschild.“
„Und dafür musstest du bis nach New York fahren?“, sage ich spöttisch, denn das Gedenkbuch ist von Mitarbeitern des Münchner Stadtarchivs zusammengestellt worden. Dann fällt mir ein, dass die meisten Menschen, an die das Gedenkbuch erinnert, die Nazi-Zeit nicht überlebt haben.
Einen Moment ist es still in der Leitung.
Schließlich sagt Peter: „Max und Lilli Fried wurden am 13. März 1943 deportiert und in Auschwitz ermordet.“
Nach diesem Anruf bin ich einigermaßen verstört.
Wie ist es möglich, dass ich keine Ahnung davon gehabt habe? Gibt es vielleicht noch mehr, was ich nicht weiß? In meinem Elternhaus ist wenig über die Nazi-Zeit und den Krieg gesprochen worden, also habe ich immer geglaubt, es sei wohl auch nichts Wissenswertes vorgefallen.
Was soll ich nun machen? Wegsehen oder hinsehen? So tun, als wäre nichts, oder herausfinden, ob da noch mehr ist?
Ich entscheide mich fürs Hinsehen und beginne die Geschichte meiner Familie zu erforschen. Fast täglich erfahre ich von nun an durch meine Recherchen in Archiven (bei denen mich von Anfang an mein Mann Peter Probst intensiv unterstützt) und in Gesprächen mit den wenigen noch lebenden Zeitzeugen Erschütterndes über das Schicksal meines jüdischen Großvaters und seiner Familie.
Es dauert fast drei Jahre, bis ich die Ereignisse dieser Recherche geordnet und einigermaßen verarbeitet habe. Noch immer ist das Erschrecken über das Entdeckte groß. Das Schweigen all jener, die darüber hätten sprechen können und es nicht getan haben, hinterlässt Ratlosigkeit, Trauer, aber auch Wut.
1995 gab es ein Gespräch zwischen dem spanischen Widerstandskämpfer und Schriftsteller Jorge Semprún und dem jüdischen Schriftsteller Elie Wiesel, die das Konzentrationslager Buchenwald überlebt haben. 50 Jahre danach geht es um die Unmöglichkeit, über das Erlebte zu sprechen, und die Notwendigkeit, es dennoch zu versuchen.
Elie Wiesel sagt: „Es ist unmöglich, wir tun es aber trotzdem. Wir haben keine andere Wahl.“ Er spricht davon, dass sie bald nicht mehr da sein werden und wie wichtig es sei, Spuren zu hinterlassen für die junge Generation. „Die Jugend macht den Unterschied aus. Die Jungen wollen heute wissen, was damals wirklich geschehen ist.“
Die Geschichte meiner Familie ist in vielem exemplarisch für das, was damals geschehen ist und was jüdischen Familien während der Nazi-Herrschaft angetan wurde. Bemerkenswert ist aber, wie sich insbesondere mein Großvater zur Wehr gesetzt hat, wie er sich mit einem fast naiv anmutenden Glauben an das, was rechtens ist, gegen Schikanen und Demütigungen auflehnte und – als sein offener Widerstand vergeblich blieb – mit einem gleichermaßen verrückten wie listigen Plan sich und seiner Familie das Überleben sichern wollte.
Dass er am Ende des Krieges noch am Leben war, verdankt er einem unglaublichen Zufall. Wie so viele, die jahrelang verfolgt, gedemütigt und vom Tode bedroht waren, konnte oder wollte er nie mehr darüber sprechen. Die Scham, Opfer gewesen zu sein, das Schuldgefühl, überlebt zu haben, während so viele Freunde und Verwandte starben – es sind Empfindungen, die in meiner Familie dazu geführt haben, dass geschwiegen wurde.
Warum breche ich das Schweigen? Warum erzähle ich die Geschichte?
Zunächst habe ich sie nur für mich und meine Familie aufgeschrieben, besonders für meine Kinder. Ich wollte nicht, dass sie womöglich eines Tages dieselben Entdeckungen machen wie ich und sich fragen müssen, warum ihnen niemand vom Schicksal ihrer Vorfahren erzählt hat.
Familiengeheimnisse haben eine starke und unberechenbare Wirkung. Die seelischen Verletzungen werden weitergegeben, von Generation zu Generation, auch und gerade durch das Schweigen. Ich glaube fest daran, dass nur, indem wir das Schweigen brechen, indem wir fragen und zuhören, diese Verletzungen irgendwann heilen können.
Bald gibt es für die Jahre zwischen 1933 und 1945 niemanden mehr, der uns erzählen könnte, wie es damals war. Ich wollte fragen, solange mir noch jemand Antwort geben konnte. Und ich möchte andere, die Fragen haben, ermutigen, sie zu stellen.
Dieses Buch ist auch eine Auseinandersetzung mit meinem Vater, dem ich in so vielem ähnlich bin und der doch nie zugelassen hat, dass wir uns nahekamen. Als Kind und Jugendliche litt ich unter der Fremdheit zwischen uns und kämpfte um seine Zuwendung und Anerkennung, meist vergeblich. Und natürlich dachte ich, die Ursache für die Distanz läge bei mir, sei von mir selbst – auf welche Weise auch immer – verschuldet.
Heute, da ich mehr über sein Leben weiß, glaube ich ihn besser verstehen zu können und ahne, dass seine Verschlossenheit auch andere Gründe hatte. Seine Unfähigkeit, Beziehungen einzugehen, sich einem anderen mitzuteilen, Glück zu empfinden und weiterzugeben, all das hatte auch mit Erlebnissen zu tun, die er nie wirklich verarbeitet hat. Ich wünschte, ich hätte schon zu seinen Lebzeiten erfahren, was ich heute weiß – es hätte vieles leichter für mich gemacht.
Noch einmal Elie Wiesel: „Selbst in unseren Familien haben wir die Erfahrung gemacht, dass es einfacher ist, mit den Enkeln zu sprechen als mit den Söhnen.“
Mit seinen Söhnen (und Töchtern) wollte mein Vater nicht sprechen. Mit seinen Enkeln kann er es nicht mehr. Deshalb erzähle ich ihnen seine Geschichte.
Ihnen und allen anderen, die wissen wollen, was damals geschehen ist.
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Literaturangaben:
FRIED, AMELIE / PROBST, PETER: Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte. Mit Abbildungen. Carl Hanser Verlag, München 2008. 192 S., 14,90 €.
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