Kempinski - Die Familiensaga

Horst Bosetzkys Roman „Kempinski erobert Berlin“

© Die Berliner Literaturkritik, 02.08.10

Von Claudine Borries

Als der kleine Berthold Kempinski von seinem Vater mit zwei Flaschen Sekt zu dem Regierungsreferendarius Sigismund von Schecken geschickt wird, findet er diesen mit gespaltenem Schädel im Flur seines gemieteten Hauses. Der zwölfjährige Junge bekommt einen Riesenschreck. Mit diesem Paukenschlag beginnt ein Roman, der sich der Geschichte des Hauses Kempinski, seinen Ursprüngen, Nachfahren und seinem Aufstieg und Niedergang widmet.

Aus Berthold Kempinski wurde nach sparsamen Anfängen der Gründer eines Familienunternehmens, das Weltruf besaß und das eng mit der deutschen Geschichte verbunden blieb. Aus den Anfängen der Gründerjahre stammte die Weinhandlung Kempinski in Raschkow/Posen, das damals zu Preußen gehörte. Hier wurde Berthold 1843 geboren. Sein Vater besaß eine Weinhandlung, die später der älteste Sohn Moritz übernehmen sollte. Die Familie gehörte zum aufstrebenden jüdischen Bürgertum. Erst mit dem Zeitalter der Aufklärung um 1800 hatte die langsame Eingliederung der Juden als anerkannte gleichberechtigte Staatsbürger begonnen. Vor dem Hintergrund der Geschichte liest man vom Aufstieg Berthold Kempinskis zu einem hoch angesehenen Gastronomen, der sein Restaurant Kempinski bis weit in das 20. Jahrhundert zu einem ruhmreichen Haus führte.

Zuerst aber geht Berthold noch zur Schule und spielt im elterlichen Haus „Wirt“, wobei er sich mit formvollendeten Manieren und dem Spruch seines Vaters „Essen hält Leib und Seele zusammen“ kleidet. Bei den Tischgesprächen an geselligen Abenden im Hause seiner Eltern lässt sich so ganz nebenbei etwas über die preußische Geschichte erfahren, die in ihren Anfängen im 19. Jahrhundert einem ständigen Wandel unterlag. Illustre Namen erhellen die Berichte, in denen es um die Entwicklung Preußens und das aufkeimende Bürgertum in der Hauptstadt Berlin geht.

Berthold steigt nach Beendigung der Schule in die Weinhandlung seines älteren Bruders Moritz ein. Als Berthold das einfache Dienstmädchen Helene Hesse heiratet und mit ihr nach Berlin zieht, ist Moritz nicht begeistert. Berlin war nach Gründung des Deutschen Reiches 1871 eine aufstrebende Stadt. Sie wurde zur Hauptstadt mit Sitz der Regierung, angesehener Handelshäuser und zahlreiche Auslandsvertretungen siedelten sich hier an.

Berthold fällt es nicht schwer, sich einzugewöhnen, denn man zeigt sich Fremden gegenüber offen. Zusammen mit seiner Frau eröffnet er 1872 in Berlin an der Friedrichstraße 178 Ecke Taubenstrasse eine Weinhandlung, die schon bald um eine Probierstube erweitert und kurz darauf in eine Gaststube umgewandelt wird. In den 1890er Jahren wird mit dem Umbau eines Gebäudes in der Leipziger Straße 25 die Firma vergrößert und um viele Räume erweitert.

Mit innovativen Ideen und Kreativität gelingt es Berthold, die ersten Staatsgäste und Beamten anzulocken. Dennoch ist die Weinhandlung bei Menschen unterschiedlichster sozialer Herkunft beliebt, denn der Stil des Hauses ist bescheiden, solide, anspruchsvoll, aber nie elitär. Ein Satz von Bertholds Schwiegersohn Richard Unger über sein Publikum lautete: „Die Unterschiede zwischen einer Grunewald-Villa und einer Mietwohnung im Wedding bleiben bestehen, aber wir machen sie erträglich.“ Und weiter: „Wir sind luxuriös, aber nicht exklusiv.“ Auf diese Weise wird das Restaurant Kempinski allmählich zu einem berühmten Wahrzeichen Berlins, das noch für nachfolgende Generationen von selbstverständlichem Ruhm zeugt. Der Aufstieg des Hauses setzte sich unter der Ägide des Schwiegersohns und des Neffen Berthold Kempinskis fort. Nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und der Proklamation der Weimarer Republik sind immer neue Anstrengungen vonnöten, um das Haus zu erweitern und zeitgemäß umzugestalten.

Die Familie Kempinski-Unger gleicht einer Dynastie, in der jeweils die nächste Generation den Fortbestand des Unternehmens sicherte. Mit der Machtergreifung durch Adolf Hitler und der folgenden Vertreibung und Ausrottung der Juden begann der traurige Abstieg des Hauses Kempinski. Nach dem Krieg konnte die Erfolgsgeschichte des Hauses nicht an die Vorkriegsgeschichte anknüpfen. Zerschlagen war das Haus, und die Familie hatte sich in alle Winde zerstreut.

Horst Bosetzky hat die Geschichte des Hauses Kempinski mit vielen Details zu einem Roman verarbeitet und entwirft mit seinem Bericht einen anschaulichen Ausschnitt Berliner Lokalkolorits. Das Haus Kempinski ist eng mit der Stadtgeschichte Berlins verbunden.

Literaturangabe:

BOSETZKY, HORST: Kempinski erobert Berlin. Jaron Verlag, Berlin 2010. 366 S., 19,95 Euro.

Weblink:

Jaron Verlag


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