Werbung

Werbung

Werbung

Die gefährlich erotischen Verstrickungen eines Geschwisterpaares

Der Roman „Kingpeng“ von Linda Stift

© Die Berliner Literaturkritik, 30.09.08

 

MÜNCHEN (BLK) – Der Roman „Kingpeng“ von Linda Stift ist im September 2008 im btb Verlag erschienen.

Klappentext: Die Geschwister Kinga und Nick leben in Wien symbiotisch zusammen in einer Wohnung mit Balkon. Außerdem betreiben sie noch gemeinsam einen Partyservice. Von ihrem Balkon aus beobachten die beiden fasziniert die reichen, schönen Menschen auf der Terrasse gegenüber. Und plötzlich werden sie um kalte Platten gebeten und dürfen teilhaben an jener Glitzerwelt. Kinga geht ein Verhältnis mit einem Mann ein, dessen Frau mit Nick schläft. Ein rätselhafter Mord geschieht. Kinga kann sich an nichts erinnern …

Linda Stift, geboren 1969 in der Südsteiermark, Studium der Germanistik und Philosophie, lebt als freie Schriftstellerin in Wien. Zahlreiche Preise und Stipendien, Veröffentlichungen in Anthologien und Zeitschriften. „Kingpeng“ ist ihr erster Roman. (bah/dan)

Leseprobe:

© btb Verlag ©

Wir nennen die Terrasse gegenüber Terrakottainsel. Bei Anbruch der Dunkelheit schalten sie die Scheinwerfer ein. Die gestreifte Hollywoodschaukel und die Rattankorbsessel sind in der Dämmerung jetzt meist besetzt. Gegen Mitternacht tauschen sie die Scheinwerfer durch Kerzenlicht aus. Dann kann man drüben außer den unruhigen Lichtflecken nichts mehr erkennen.

Eigentlich ist diese Wohnung in der Innenstadt zu teuer für meinen Bruder Nick und mich. Unser Partyservice wirft nicht viel ab. Jeden Monat wird mehr vom Konto abgebucht als draufgebucht. Trotzdem ziehen wir in keinen Außenbezirk. In den Sommernächten sitzen wir auf unserem winzigen Balkon, unbemerkt zwischen Küchenkräutern und Tomatenstauden. Ringsherum breitet sich eine verbeulte Dächerlandschaft aus. Wo immer es möglich ist, halten sich Menschen im Freien auf. Wir schauen durch die schmiedeeisernen Stäbe auf die andere Seite. Unser Balkon liegt ein halbes Stockwerk höher als die Terrasse, sodass wir Einblick auf die gesamte Fläche haben. Zwischen den Häuserfronten verläuft eine schmale Straße, kaum befahren. Wir denken uns Dialoge aus, die wir als Besitzer der Terrasse führen würden.

Unsere Gläser stehen am Boden. Nick verwendet den Suppenteller auf seinen Oberschenkeln als Aschenbecher. Die Spaghettireste vom Abendessen vermischen sich mit Zigarettenstummeln und Asche. Ich benutze einen richtigen Aschenbecher.

Wir beneiden die Leute von gegenüber um ihre Terrasse mit den wuchernden Kübelpflanzen. Man hört Cooljazz und manchmal erklingt ein Männerlachen, das Schwingungen in die warme Abendluft wirft, so wie ein ins Wasser geschleuderter Kieselstein Kreise auf der Wasseroberfläche erzeugt. Vermutlich essen sie kaltes Geflügel oder Meeresfrüchte auf geeisten Endivien und trinken Chablis aus langstieligen Gläsern. Nick und ich trinken kühlen Rotwein und zerbeißen Tütenhummerchips mit einem Hummeranteil von 0,5 Prozent. Die Chipsbrösel kleben auf Zunge und Gaumen und erinnern an das Kribbeln, das entsteht, wenn man Explosiv-Brause im Mund zerplatzen lässt.

Als Kinder haben wir uns diese Brause aus einem langen Plastikröhrchen auf die Zunge geschüttet, voneinander abgeschleckt und gegenseitig die Oberflächen unserer Zungen studiert. Die Untersuchungen waren genauso wichtig wie die Explosionen und das Abschlecken der Brausekristalle. Ich wollte immer an Nicks Zunge riechen und er an meiner. Der Geruch des sich an der Luft zersetzenden Speichels beim Herausstrecken der Zunge mischte sich mit dem metallischen Geschmack der Brause. Selbstvergessen standen wir da und schleckten und rochen an unseren Zungen. Meine sah danach immer aus, als wäre jemand mit einem gewellten Messer darauf abgerutscht. Nicks Zunge ist immer glatt geblieben.

Wir stoßen mit unseren Haushaltsgläsern an, die den Senfgläsern unserer Kindheit ähneln. Manchmal rieche ich noch den Senf heraus.

Auf der Terrakottainsel lehnt nun eine Frau an der Balustrade und sieht zu uns herüber. Sie steht im Lichtkegel eines Scheinwerfers und trägt ein helles bodenlanges Kleid. Mit einer Hand stützt sie sich ab, in der anderen hält sie ein Glas. Sie erinnert an eine Barbiepuppe. In ihren Haaren glitzert etwas. Man weiß nicht genau, sieht sie uns wirklich an, oder ist ihr Blick auf etwas anderes gerichtet, etwas, das wir nicht sehen können. Plötzlich hebt sie den Arm und macht eine Bewegung, als würde sie uns mit dem Glas zuprosten.

Nick steht auf und beugt sich über das Geländer. Dabei rutscht der Spaghettiteller von seinen Oberschenkeln und zerbricht in zwei glatte Teile. Die von der Spaghettisauce verschmierten Zigarettenstummel und die grauen Nudelreste bilden am Boden ein Nest wie von einem schlampigen Vogel, dem die Lust am Bauen vergangen ist.

Ohne sich darum zu kümmern, winkt Nick zurück und hält dann eine Hand trichterförmig an sein linkes Ohr, mit der anderen hebt er ebenfalls sein Glas. Die Musik verstummt. Einige Leute versammeln sich an der Balustrade. Sie schreien und winken.

Die Frau ruft etwas. Es scheint eine Einladung zu sein. Nick dreht sich zu mir und schaut mich von oben bis unten an. Er blickt auf meine ausgebleichten Jeans und ein schwarzes Leibchen ohne Ärmel. „Okay“, murmelt er, „okay.“

„In Ordnung“, ruft er auf die andere Seite, ohne mich zu fragen, ob ich das auch will. Ich hasse es, wenn er mich so ansieht. Früher hat er jeden Tag die Kleidungsstücke, die ich anziehen sollte, auf mein Bett gelegt. Oft kaufte er mir enge Schlauchkleider, die ich sofort probieren musste.

Im Badezimmer starre ich auf mein Spiegelbild, obwohl mir die Lust vergangen ist, irgendetwas in meinem Gesicht zu verändern. Ich wühle in den Haaren und taste nach der knöchernen Verdickung hinter meinem linken Ohr. Sie ist leicht geschwollen.

Die Terrassenbesitzer wohnen in einem Stilaltbau. Es ist kein heruntergekommener Altbau wie unser Haus. Mattglänzend polierter Marmorboden statt angeschlagener Steinfliesen, üppige Stuckdecke statt rostig-gelblicher Wasserflecken.

Ein Portier in Fantasieuniform weist uns den Weg zum Lift. Hinter einem schwarz lackierten Gitter öffnet sich eine Kabine, mit Spiegel und Sitzbank. Die Kabine gleitet mit uns in das oberste Stockwerk. Nick hat sich umgezogen und trägt jetzt eine khakifarbene Cargohose und ein schwarzes T-Shirt anstatt seiner grauen Cargohose und dem dunkelblauen T-Shirt. Wir läuten bei Ziervogel. Es gibt nur eine Wohnungstür auf dieser Etage. Die ersten Takte der Internationale ertönen. Sekunden später öffnet sich die Tür. Die glitzernde Frau, die uns zugeprostet hat, stellt sich als Ilonka Ziervogel vor. Sie steckt ein dünnes Mobiltelefon zwischen Gürtel und Taille, bevor sie Nick und mich am Arm hineinzieht. Ein ständiges Rascheln umgibt sie. Es kommt von den Glasschnüren, die sie ins aufgesteckte sandfarbene Haar gebunden trägt. Das Geräusch erinnert mich an Mutter, wie sie an Abenden, an denen sie ausging, vor ihrer Schmuckschatulle saß und darin kramte, verschiedene Halsketten und Armreifen ausprobierte, um sich dann doch wieder die alte fleckige Goldkette von ihrer Großmutter um den Hals zu wickeln. Unsere Vorschläge beachtete sie nie. Wir hätten keinen Geschmack.Von ihr hätten wir das nicht. Manchmal warf sie mir einen Ring oder eine Brosche zu und sagte, ich könne das Ding behalten, wenn es mir so gut gefalle. Ich versteckte die von ihr ungeliebten Schmuckstücke in meinem Zimmer und wechselte die Verstecke täglich. Die Schmuckstücke besitze ich noch, trage sie aber genauso wenig wie sie damals.

„Ich bin Nick, das ist meine Schwester Kinga“, sagt Nick.

Ilonka sagt „Aha“ und ruft nach einem Mann, Christian, der unter einem Türbogen zu einem Salon steht.

„Ich hoffe, Sie sind keine Vegetarier“, empfängt er uns. „Der vegetarische Teil des Büfetts ist bereits restlos aufgegessen. Heutzutage sind ja selbst die Fleischesser glühende Verfechter von Gemüse und Getreidekorn und behaupten, sie seien Vegetarier im Herzen.“

„Keine Sorge“, antwortet Nick. „Wir schließen nichts aus, beim Essen nicht und auch sonst nicht.“

Christian weist mit einer ausholenden Handbewegung den Korridor entlang. Sein Gesicht hat tiefe Aknenarben. Wir folgen ihm in den Salon, von dem aus man auf die Terrakottainsel sieht. Zwei magere Männer stehen an einem weiß bespannten Tisch und beugen sich wie Kräne über das zerpflückte Büfett. Zwei dunkle Katzen liegen am Boden und maunzen uns an. Sie sehen aus wie alte Muffe, die man achtlos in eine Ecke geworfen hat. Ilonka sagt, sie hießen beide Zierkatze, nach ihrem Familiennamen, und da die Katzen ohnehin auf keinen Namen hörten, reiche ein Name für beide. Sie entschuldigt sich, jedoch nicht für die muffigen Tiere. Sie erwarte einen Anruf.

Sie entfernt sich raschelnd, zieht das Mobiltelefon aus ihrem Gürtel und drückt auf die Tasten.

Nick geht auf die Terrasse. Ich halte mich dicht hinter ihm, wie ein alter Pullover, den er sich um die Hüften gebunden hat. Nick achtet beim Gehen darauf, seine Fußballen abzurollen. Sein Körper wirkt durch den federnden Gang größer und strebt nach vorne. Es hat etwas Gespreiztes, Pfauenartiges. Ich finde es lächerlich. Er ging nicht immer so. Ich kann mich aber nicht erinnern, seit wann er so geht.

Der Lärmpegel hat seinen Höhepunkt offensichtlich überschritten. Die Hollywoodschaukel und die Korbmöbel sind alle besetzt. Die Gäste wirken angeschlagen, wie Boxer. Zwischen ihnen stehen die exotischen Kübelpflanzen. Stechpalmen, Bananenstauden, Orchideengewächse. Aus der Nähe sieht der Luxus heruntergekommen aus. Geschnitzte Specksteinkatzen aus Kenia stecken in den Pflanzentöpfen, kleine metallene Abstelltischchen mit Mosaikplatten aus Halbedelsteinen stehen herum, übersät mit Gläsern, heruntergebrannten Windlichtern und Aschen bechern. In Wasserschüsseln schwimmen zerstoßene Eisstücke.

Christian winkt einem jungen Mann mit weißen Handschuhen. „Pavel, unser Butler“, flüstert er uns mit einem strahlenden Lächeln zu. „Ein Goldstück.“

Ein leichter Essighauch liegt in der Luft. Ich finde es ziemlich exzentrisch, sich einen zwanzigjährigen Burschen als Butler zu halten.

Während ich noch über das richtige Butleralter nachdenke, hält Pavel mir mit seinen weißen Handschuhen ein Silbertablett vor die Nase. Auf dem Tablett haben gerade zwei Kristallflöten Platz. Ich nehme eine, er deutet eine Verbeugung an und wendet sich Nick zu.

Inzwischen hat Christian zu erzählen begonnen. Man habe bereits im Ersten Weltkrieg entdeckt, dass ganz ordinäre Schmeißfliegen die Heilung bei schwärenden Wunden beschleunigten. Kriege hätten ja schon immer dem medizinischen Fortschritt gedient, die Wissenschaft würde Erkenntnisse gewinnen, die sie in Friedenszeiten nie erwerben könne. Jedenfalls würden in solchen Krisenzeiten die Verletzten oft tagelang herumliegen. Die Fliegen nützen diesen Umstand, ihre Eier in die offenen Wunden zu legen. In der Folge schlüpfen die Maden, ernähren sich von abgestorbenem Gewebe und regen die Zellen an, sich zu erneuern. Gesundes Fleisch hingegen rühren die Maden nicht an. Dafür sondern sie ein Enzym ab, das Bakterien vernichtet. Dieses Phänomen hat man nun wiederentdeckt und setzt es in Fällen ein, wo andernfalls die Amputation von Gliedmaßen drohe. In England gäbe es sogar Kliniken, die sich auf die Madentherapie spezialisiert hätten.

Plötzlich zeigt Christian auf mich: „Auch in deinem Körper lauern Organismen, die nur darauf warten, dass du endlich stirbst. Dann fressen sie dich von innen auf.“

Seine Stimme überschlägt sich bei innen auf.

© btb Verlag ©

Literaturangaben:
STIFT, LINDA: Kingpeng. btb Verlag, München 2008. 160 S., 7 €.

Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: