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Fotografenpaar neu belichtet

Fotografien von Lillian Bassmann und Paul Himmel

© Die Berliner Literaturkritik, 22.01.10

Von Thomas Hummitzsch

Künstlerpaare sind in der Kunstgeschichte keine Seltenheit. Ob Camille Claudel und Auguste Rodin, Frida Kahlo und Diego Rivera oder Niki de Saint Phalle und Jean Tinguely – es war bei weitem keine Seltenheit, wenn zwei Kunstschaffende aneinander und an des anderen Werk eine tiefe Faszination fanden und sich gegenseitig inspirierten. Oftmals konnte sich in solchen Künstlerbeziehungen einer der Partner nur auf Kosten des anderen komplett entfalten. Nur selten fanden die Künstler in ihren Beziehungen ein Gleichgewicht von Dauer. Meist trennten sie sich nach einigen Jahren der Gemeinsamkeit. Bis zum Februar des vergangenen Jahres widmete das Kölner Wallraf-Richartz-Museum dreizehn solcher Künstlerpaare eine eigene Ausstellung. Die Kuratorin dieser Ausstellung Barbara Schaefer hatte anlässlich der Schau insgesamt 170 Künstlerpaare seit der Renaissance gezählt. Ob Sie dabei auch das Fotografenpaar Lillian Bassman und Paul Himmel bedacht hat, ist nicht bekannt. In der Kölner Ausstellung kamen beide nicht vor.

Im Haus der Photografie in den Hamburger Deichtorhallen widmet sich noch bis Ende Februar eine Schau den Bildern von Bassman und Himmel. Dem Betrachter eröffnet die Ausstellung damit die Möglichkeit, ein Künstlerpaar wiederzuentdecken, das völlig zu Unrecht in Vergessenheit geraten ist. 75 Jahre lang waren Bassman und Himmel ein Paar, das sich gegenseitig anspornte und motivierte, das sich aber auch gegenseitig über Durststrecken hinweghalf und füreinander da war. Beide bildeten eine Gemeinschaft, in dem jedem ausreichend Freiheit blieb, um ein eigenständiges Werk unabhängig vom Schaffen des Anderen zu schaffen. Eine Verbindung, in der sich beide immer wieder an das Schaffen des Anderen annäherten, um sich dann wieder davon zu trennen. Sie betonten stets, dass sie sich nie gegenseitig beeinflussten, doch dies kann eigentlich nur im direkten Sinn gemeint sein. Zu keinem Zeitpunkt versuchte einer der beiden den anderen in seine Kunst hineinzuziehen, ihn vom eigenen Stil zu überzeugen. Zuweilen erlebten sie das Schaffen des Partners sogar nur am Rande. Dennoch muss das kreative Schaffen Seite an Seite nahezu zwangsweise dazu geführt haben, dass sie die Werke des Lebenspartners nicht nur kannten, sondern sich diese auch in ihren Arbeiten niederschlugen – auch wenn sie dies in dem im Ausstellungskatalog abgedruckten Interview verneinen. Die Treffpunkte ihrer Bilder legen dies jedoch nahe.

Beide Fotografen haben jüdische Wurzeln. Die Eltern beider lernen sich als Neueinwanderer in Amerika kennen und schätzen. Die Kinder Paul und Lillian verlieben sich im Sommer 1932 ineinander, er gerade 18 Jahre alt, sie noch drei Jahre jünger. Ihr gemeinsamer Sohn Eric Himmel schreibt in seinem sehr lesenswerten, weil in den privaten und künstlerischen Alltag Einblick bietenden Beitrag zum Ausstellungsband: „Sie (Lillian, A.d.A.) erinnerte sich, dass sie am Abend ihrer Ankunft im Wohnzimmer den Teppich zusammenrollten und tanzten, und dass sie Paul den restlichen Sommer lang nicht mehr aus den Augen ließ.“

Beide begannen früh, sich mit der Welt der Kunst auseinanderzusetzen. Während sich Paul Himmel von der gesellschaftlich-politischen Seite an die Fotografie annäherte, beschäftigte sich Lillian Bassman vor allem mit Mode und Modemalerei. Sie arbeitete schon bald nach ihrem Studium für Alexey Brodovitch, den legendären künstlerischen Leiter von Harpers Bazaar. Himmel versuchte sich derweil als Reportagefotograf, nach einem Sommerjob als Assistent bei Vogue wand er sich dann der Modefotografie zu. Hier treffen sich erstmals Bassmans und Himmels künstlerische Linien, doch sie sollten sich noch oftmals auseinander entwickeln, um sich dann doch immer wieder anzunähern oder zu kreuzen.

Paul Himmel sollte schon bald für seine faszinierende Momentfotografie bekannt werden, in der er Bewegungen nicht einfach nur einfror, sondern durch lange Belichtungszeiten überhaupt erst sichtbar machte. Seine Aufnahmen aus dem Zirkus und dem Ballett zeigen, welche Gespür Himmel bereits als junger Fotograf für Zeit und Lichtverhältnisse hatte. Auf faszinierende Art und Weise konnte er die Inszenierung in der Zeit auf die Fotografie übertragen. Seine Bilder erinnern zuweilen an die verwischten Aufnahmen eines Eugène Atget, nur dass Himmel seine Protagonisten in den permanenten Kreislauf der modernen Metropole versetzt. Während Atget oftmals die Ruhe der städtischen Landschaft durch die Bewegung seiner menschlichen Objekte auflöst, dreht Himmel diesen Effekt um und macht die Unruhe seiner Zeit durch den Stillstand seiner Objekte deutlich, die, wie bei seinen Modeaufnahmen in der Grand Central Station in New York, von einer drängenden und verschwimmenden Masse umgeben sind. Insofern sind Himmels Bilder der ausgehenden vierziger Jahre von frappanter Aktualität.

Paul Himmel war auch ein mehr als talentierter Reisefotograf. Seine Reisebilder zielten nicht auf das Sensationelle, sondern versuchten, die Realität in all ihrer Komplexität einzufangen. In diesen Bildern ist sein Gespür für den besonderen Moment in der Normalität erkennbar. Sie steht damit in der Tradition der Magnum-Schule, auch wenn er nie in diesen Kreis der Auserwählten Aufnahme fand.

Bassmans Fotografie hat ihre Wurzeln in der Modefotografie der vierziger und fünfziger Jahre. Als Assistentin bei Harpers Bazaar arbeitete sie mit Fotografen wie Richard Avedon oder Martin Munkácsi zusammen. Als Art Director konfrontierte sie die Modefotografie in Harpers Bazaar mit sozialen und gesellschaftlichen Fragen. Unter ihrer Führung als künstlerische Leiterin hatte sich in dem Magazin eine dynamische, lebensnahe und innovative Modefotografie entwickeln können. Hier nahmen ihre eigenen Fotoarbeiten ihren Ausgang, im Experiment mit Farben und Formen, im Überschreiten der bislang bekannten Grenzen und im Brechen von Gewohntem. Sie nahm ungewöhnliche Perspektiven ein, inszenierte Kleidung auf neue Art und Weise und ermöglichte so einen frischen Zugang zur Mode.

Beide experimentierten mit ihrer Fotografie und spielten mit Belichtungen und Schärfen. Sie scheuten auch nicht den Fortschritt, der sich im Bereich der Fotografie vollzog. Beide arbeiteten mit Solarisationstechniken und beide interpretierten ihre frühen Bilder später noch einmal neu. Sie lebten ein Leben für und mit der Fotografie. Während der Planung der Ausstellung und der Auswahl der Fotografien starb Paul Himmel, der lebenslange Begleiter von Lillian Bassman. Sie brachte dennoch die Arbeiten an der Ausstellung zu Ende, setzte die Planung fort, energisch und immer mit dem Ziel der Retrospektive vor Augen.

Die besondere Beziehung dieses Künstlerpaars erfährt nun ihre Hommage in dieser einzigartigen Ausstellung und einem attraktiven Ausstellungsband. Auf mehr als 400 Seiten setzt sich dieser mit in die Tiefe gehenden Texten und Fotografien kenntnisreich und detailliert mit dem Leben und Schaffen für und mit der Kunst von Lillian Bassman und Paul Himmel auseinander, ohne sich dabei in Marginalien oder Anekdoten zu verlieren. Mit der ersten Retrospektive von Lillian Bassman und Paul Himmel erhält das Œuvre von zwei völlig zu Unrecht fast vergessenen Fotografiekünstlern die Würdigung, die ihnen zusteht.

 

Literaturangabe:

TAUBHORN, INGO; WOISCHNIK, BRIGITTE(HG): Lillian Bassman und Paul Himmel. Die erste Retrospektive (Deutsch/Englisch). Kehrer-Verlag, Heidelberg 2008. 416 S., 360 Farb- und Duplexabb., 48 €.

Hinweis:

Lillian Bassman & Paul Himmel. Die erste Retrospektive, 27. November 2009 – 21. Februar 2010, Haus der Photographie in den Deichtorhallen Hamburg.

Weblink:

Kehrer Verlag


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