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Die Giftmörderin

Die Geschichte eines historischen Kriminalfalls als Comic

© Die Berliner Literaturkritik, 12.02.11

Meter, Peer; Yelin, Barbara: Gift, Reprodukt Verlag, Berlin 2010. 199 S., 20 €.

Von Jenny Schon

Schon wie sie uns anguckt auf dem Buchcover mit ihrem Augapfelweiß, darin der auffordernde Blick: Der/die Nächste bitte. Oder ist es der bittende Blick einer Verzweifelten, die endlich von ihrer Sucht, töten zu müssen, befreit werden möchte. Barbara Yelin hat es großartig geschafft, die Zwiespältigkeit dieser Giftmörderin aufzuzeichnen mit ihren stark kontrastierenden Helldunkelschattierungen.

Die Geschichte ist bekannt. In Bremen werden zwischen 1813 und 1827 eine Vielzahl Menschen von Vergiftungen durch Mäusebutter heimgesucht. Alle Todesfälle passieren im Umfeld der Gesche Gottfried. Die Mischung aus Schmalz und Arsen als Insektengift, die sie von ihrer Mutter bekam, tötet diese ebenso wie die Ehemänner der Gesche Gottfried, ihre Kinder, ihren Bruder, ihren Vater. Als die eigene Familie ausgelöscht ist, dehnt sie ihr Betätigungsfeld auf Freunde und die Nachbarschaft aus. Insgesamt müssen fünfzehn Menschen aus ihrem Umfeld sterben.

Doch warum? Als der Fall 1828 in Bremen vor Gericht kam, wurde in einem sich über drei Jahre hinschleppenden Verfahren das sogenannte Inquisitionsverfahren angewendet, das bis zum Urteilsspruch eine strenge Zensur anordnete. Dennoch kamen während des Verfahrens die Verhörprotokolle in Umlauf und bedienten die Doppelmoral des sensationslüsternen Publikums. Immerhin wurden, besonders in den protestantischen Gebieten und noch in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts, Frauen als Hexen verurteilt und hingerichtet.

Einerseits war Gesche Gottfried in Bremen aufgrund ihrer Mildtätigkeit hoch angesehen, andererseits weckte ihre frei gelebte Sexualität, sie hatte drei Ehemänner, nicht nur die Phantasien ihres streng gläubigen Anwalts Friedrich Leopold Voget. Man warf ihr vor, die Kinder umgebracht zu haben, um frei zu sein für den Geliebten. Der Anwalt Voget versuchte mit damals modernen Methoden in seiner Verteidigung, Gottfried als eine psychisch kranke und also unzurechnungsfähige Frau darzustellen, was er aber in seinen späteren Veröffentlichungen modifizierte und Gesche Gottfried nach dem offiziellen Kanon für eine Giftmischerin als heimtückische geldgierige Mörderin darstellte.

Am 21. April 1831 wird sie auf dem Bremer Domhof vor mehr als 35 000 Zuschauern durch das Schwert hingerichtet. Die Motive für ihre Taten blieben weiterhin im Dunklen.
Rainer Werner Fassbinder hat das Thema in einem Schauspiel verarbeitet, das Adriana Hölszky wiederum als Vorlage zu einem „Singwerk auf ein Frauenleben“ inspiriert hat. Beide Autoren betonen die Unterdrückung und Unfreiheit der Gesche Gottfried, die Gewalt und Gegengewalt, die ein Frauenleben in dieser Zeit erleiden musste, deren persönlicher Freiheitsdrang mit den Normen der bürgerlichen Gesellschaft unvereinbar war. Gesche Gottfried tötet, um frei sein.

Der Autor des vorliegenden Comics „Gift“, Peer Meter, hält sich im Großen und Ganzen auch an diesen Argumentationsstrang, lässt aber noch, quasi als neutrale Zeitzeugin, eine englische Reisejournalistin, zufällig einen Tag vor der Hinrichtung, nach Bremen kommen, die jetzt von außen die zunächst auch für den Leser unverständlichen Geschehnisse durchforstet und auf Abneigung ihres Bremer Umfelds stößt, weil man in ihr eine Schnüfflerin vermutet. Sie gerät gar in Verdacht, ein Buch über die Giftmörderin schreiben zu wollen.

Gut recherchiert und fast schon witzig ist die Tatsache, dass die Journalistin zunächst das Gefängnis für die neu gegründete Kunsthalle Bremen hält, ein Novum damals, der die Kunsthalle Hamburg und andere erst einige Jahrzehnte später folgen werden, jedoch auch Ausdruck des ausgeprägten Bürgersinns der Bremer ist und diese dadurch nur noch doppelbödiger erscheinen. Bei dem Gefängnis trifft die Journalistin auf die Aufseherin und kommt damit in die Nähe der Giftmischerin.

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Auch wenn die Journalistin lediglich einige Tage wegen einer Reisebeschreibung, die der Verlag Brockhaus bei ihr in Auftrag gegeben hatte, in Bremen Station macht, sie wird – ob sie will oder nicht –hineingesogen in den Mief des Spießertums, in die Verstrickungen und Händel des biedermeierischen Bremen.

Die Zeichnerin Barbara Yelin schattiert genau diese zwiespältige Stimmung. Wie mit Kamerafahrten folgt ihr Zeichenstift den Schritten der Fremden. Der Strich rast, wenn sie flüchtet, die Schatten werden bedrohlich, der Stift ruht sich aus, wenn sie nachdenklich ist oder die Menschen beobachtet. Es sind zumeist dunkle Bilder, die eigentümlich erleuchtet erscheinen. In der Modellierung des Lichts zeigt Barbara Yelin ihre Meisterschaft. Trotz der menschlichen Abgründe, die die Geschichte erzählt, als Lektüre an einem grauen Novemberwochenende bestens geeignet.


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