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„Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher“

Ruth Sprengers Kulturgeschichte des eleganten Herrn

© Die Berliner Literaturkritik, 04.06.10

Von Thomas Hajduk

Maßgeschneidert. Im Zeitalter globaler Massenfertigung hat das Wort einen unwiderstehlichen Reiz: Von Genen bis zu Großraumflugzeugen versprechen clevere Unternehmen und Exportweltmeister alles auf die Bedürfnisse ihrer Kunden „zuzuschneiden“ oder, im Jargon der Wirtschaft, zu „customisen“. Das ist das große Stich- und Zauberwort, ein Versprechen von Qualität, welches den fallenden Preisen der Massenware entgegengehalten wird.

Während es für alles maßgeschneiderte Lösungen gibt, hat der Maßanzug als Inbegriff individuell angepasster Waren rapide an Bedeutung verloren. Von seiner einstigen Größe im 18. und 19. Jahrhundert, als es für die besitzenden Klassen praktisch keine Alternative gab, ist er zu einem Luxus der Gegenwart geschrumpft. Der Maßanzug gilt längst nicht mehr als Ausdruck besonderer Kunstfertigkeit oder eines guten Geschmacks, sondern als Ausweis einer mitunter zwielichtigen Elite; der feine Zwirn fällt besonders am Hedgefonds-Manager oder dem „Teflonminister“ ins Auge. Anderswo dagegen hat die kostspielige Konfektionsware den echten Maßanzug verdrängt – es ist nicht lange her, da hierzulande ein „Brioni-Kanzler“ regierte.

Auf den ersten Blick wirkt Ruth Sprengers Buch von der „hohen Kunst der Herrenkleidermacher“ entsprechend anachronistisch. Denn es ist kein praktischer Ratgeber für den Mann mit höheren Ambitionen oder im höheren Auswärtigen Dienst. Stattdessen feiert die philosophisch gebildete Schneiderin darin den Maßanzug als Kulturprodukt. Sie lädt ihre Leser zu einem Gang durch das Schneideratelier ein und zeigt ihnen, wie ein klassischer Anzug gefertigt wird und was genau das Handwerk von der Massenfertigung unterscheidet.

Als Beispiel für einen Schneider alter Schule führt sie nicht wie zu erwarten wäre einen der großen Namen aus der Savile Row in London an, wo noch heute die maßgebliche britische Tradition beheimatet ist. Stattdessen nennt Sprenger Alfred Konsal. In dritter Generation nimmt der Schneidermeister Maß an seinen Kunden und gilt als vornehme Adresse auch über Wien hinaus. Die Autorin weihte er einst in die Kunst der Herrenkleidermacher ein und so ist das Buch in weiten Teilen eine Verbeugung vor dem Meister – eine lehrreiche.

Gleich nach dem historischen Abriss über die Vorgeschichte des Anzugs kommt eine kleine Überraschung. Der Maßanzug, das ist aus Schneidersicht zunächst das perfekte Sakko. Hose, Hemd und Accessoires haben ihren Platz, sind jedoch in der Herstellung nicht vergleichbar aufwändig. Der Schneider widmet sein Augenmerk allein dem vollendeten Sakko. Für Sprenger heißt das, sich von zwei Seiten an ein Ideal anzunähern. Zum einen ist da die Idee eines männlichen Körpers, die sich im Anzug abstrakt widerspiegelt; nicht umsonst ziert Michelangelos David eine der ersten Seiten des Buches. Zum anderen gilt es, die körperlichen Besonderheiten und Unregelmäßigkeiten des künftigen Trägers zu berücksichtigen. Schließlich entsprechen laut Autorin drei Viertel aller Menschen nicht den standardisierten Konfektionsgrößen, die überdies von Land zu Land unterschiedlich seien.

Wie ein Schneider und allzumal ein Meister vom Schlage Konsals vorgeht, das erläutert Sprenger sehr genau. Menschenkenntnis ist dabei ebenso wichtig wie ein geschickter Umgang mit Nähnadel und Schere. Die exakten Schritte sind jedoch in einem sehr technischen Schneiderjargon erläutert. Es ließe sich leicht der Überblick verlieren, wären da nicht die reiche Bebilderung und das mit fast 50 Seiten sehr ausführliche „Schneider-Stichwortverzeichnis“.

Während der Jargon aber noch vertretbar ist, gehen Sprengers kulturphilosophische Anmerkungen und Exkurse über das gebotene Maß hinaus. Die langen, akademisch schwerfälligen Textzitate rücken das Buch oft in die Nähe unbeholfener Seminararbeiten. Schlimmer noch: Die Zitate färben auf die Sprache der Autorin ab. So reiht sich Substantivierung an Substantivierung und Sätze werden so sehr mit hohlen Adjektiven überladen, dass die Leser ihre liebe Müh haben, Aussagen von Wortpomp zu scheiden. Hier wäre die Autorin gut beraten gewesen, das Prinzip der Abstraktion nicht nur auf den Stoff, sondern auch den Text anzuwenden. Dies gilt umso mehr, als das Buch an manchen Stellen auch in der Darstellung überzeugen kann. So weiß die „kleine Philosophie der Herrenschneiderei“ zu gefallen.

Sie besteht aus verschiedenen Stichworten, die Aspekte der Herrenkleidermacherkunst beleuchten und durch Querverweise mit einander verbunden sind. Ebenfalls gut gelungen ist das kurze Kapitel über Maßanzug und Konfektion. Ab dem späten 19. Jahrhundert wurde in den USA der Anzug von der Stange preisgünstig hergestellt und läutete so das lange Ende des Maßanzugs ein. Es bleibt die Nische und ein Hauch von Melancholie über ein weiteres Handwerk und Kulturgut, das nahezu bedeutungslos geworden ist. Zwar können heute Software und Laser den menschlichen Körper präziser vermessen als jedes menschliche Auge. Die Erfahrung und die Menschenkenntnis, die den guten Schneider auszeichnen, können sie aber nicht ersetzen.

Insofern ist Ruth Sprenger trotz Mängeln im Ausdruck ein wunderbares Kleinod geglückt. Kein Ratgeber für den Dandy und Berufsdarsteller. Die greifen wohl weiterhin am besten zu Alan Flussers Klassiker „Dressing the man“ – und lesen spätestens danach bei Sprenger nach, was den Maßanzug zur Kunst macht.

Literaturangabe:

SPRENGER, RUTH: Die hohe Kunst der Herrenkleidermacher. Böhlau Verlag, Wien 2009. 242 S., 35 €.

Weblink:

Böhlau Verlag


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