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Benjamin Stein „Die Leinwand“

Über die Unzuverlässigkeit der Erinnerung und das Ringen um Identität

© Die Berliner Literaturkritik, 21.05.10

Von Armin Steigenberger

Vorab sei gesagt: Dieses Buch ist es unbedingt wert, gelesen zu werden. Wer ein Buch lesen will, das ihn tagelang in Atem hält, das ihn beschäftigt, selbst wenn er es nicht zur Hand hat und wo er sich zwischendurch immer wieder beim Rätseln ertappt, wie sich dieser extrem verzweigte Irrgarten an Handlungssträngen jemals auflösen wird – der ist bei Benjamin Steins Neuerscheinung „Die Leinwand“ genau richtig.

Rein formal schon ist es eine kleine Sensation: Das Buch ist von zwei Seiten lesbar, hat also kein Hinten und Vorne; hinter jedem Buchdeckel entspinnt sich eine Geschichte. Ein Buch mit zwei Ich-Erzählern: Amnon Zichroni und Jan Wechsler. Zwei Protagonisten, die zunächst einmal überhaupt nichts miteinander zu tun haben. In beiden Romanteilen tauchen bald gewisse rätselhafte Details und verblüffende Parallelen auf. Binnen kurzem kommt es in beider Leben zu Komplikationen, die schließlich in immer absurdere Verwicklungen münden; das Leben beider Protagonisten gerät sehr bald aus den Fugen, das Geschehen verdichtet sich weiter und gewinnt an Fahrt. Ein Buch mit zwei separaten Lebensbeschreibungen, die zu ihrem Ende hin hart aufeinanderprallen. Ein Buch, das von Anfang an aufwartet mit immer neuen und schier unglaublichen Wendungen. Ein Buch, das garantiert nicht langweilig wird.

Beide Anfänge sind auf dem Einband in großen Lettern abgedruckt, was die Frage, womit man beginnen soll, umso spannender macht. So lässt sich also schon einmal ein Blick wagen und mit dem Part beginnen, der einem spontan mehr liegt.

Jan Wechsler, geboren in Ost-Berlin und wohnhaft in München, bekommt einen Pilotenkoffer zugestellt, der ihm angeblich bei einer Israelreise verlorenging. Der Koffer gehört ihm nicht, das Namensschild daran aber trägt seinen Namen und ist handschriftlich von ihm selbst ausgefüllt … Neben rätselhaften Objekten wie weißen Baumwollhandschuhen und einem großen Halbedelstein ist auch Oscar Wildes Buch „Das Bildnis des Dorian Gray“ in dem geheimnisvollen Koffer. Allerdings ist es nicht seine eigene Ausgabe – diese steht bei Wechslers Frau im Schrank. Eine Verwechslung also?

Bald stellt sich auch heraus, dass es einen zweiten Jan Wechsler gibt, der – wie er selbst –Verlagsinhaber und Autor ist und ein Buch „Maskeraden“ verfasst hat: Auch dieses Buch ist im Pilotenkoffer. All das ließe sich erklären, bis Wechslers Tochter auf einem Zeitungsfoto, das sich im Koffer befand, ihren Vater zu erkennen glaubt. Die Indizien verdichten sich und Wechsler macht sich auf die Suche nach seinem – unter Erinnerungen verschütteten – Zweitleben. Und findet Unglaubliches über sich selbst heraus. Dinge, die ihn selbst vor der Welt als Betrüger bloßstellen.

Seine Frau und die Kinder verlassen ihn. In seinem Pass steht, er sei gebürtiger Israeli, wo er doch sicher war, in der ehemaligen DDR geboren zu sein. Er selbst ist, wie er nun erkennen muss, der Autor des Buches „Maskeraden“, in welchem Minsky, der erfolgreiche Autor des Buches „Aschentage“, als Hochstapler entlarvt wird, der mit fingierten Erinnerungen an das NS-Vernichtungslager Majdanek Kasse machen wollte. In Folge des Medienwirbels wurde dieser Autor, der mit seinen angeblich verschütteten Holocaust-Erinnerungen reüssiert (die diesem bei seiner Adoptivfamilie verboten waren), per DNA-Test als Kind einer Berner Familie ausgemacht

Minsky ist somit auch nicht verwandt mit jenem Israeli, der ihn nach vielen Jahren als seinen im Lager Majdanek vermissten Sohn erkannt und wiedergefunden hat. Minskys Existenz als erfolgreicher Autor und glaubhafter Holocaustüberlebender sind damit vernichtet. Zentrale Figur dieser Medienkampagne: Jan Wechsler. Der davon aber nichts mehr weiß. Als Wechsler sich letztlich aufmacht, Minsky zu treffen, nimmt die Tragödie ihren unabwendbaren Lauf. Schließlich reist er nach Israel und gerät dort unter Mordverdacht am vermissten Amnon Zichroni.

Amnon Zichroni wird in Israel geboren und wächst im streng orthodoxen Jerusalemer Stadtteil Geula auf. Fast noch ein Kind, dringt er mit einem zufällig gefundenen Schlüssel ins verbotene Zimmer seiner Eltern ein und entwendet dort ein Buch: „Das Bildnis des Dorian Gray“. Dieses liest er im Studiersaal der Jeschiwa und wird dabei erwischt. Sein Vater schickt ihn nach Zürich zu seinem Onkel Nathan. Zichroni studiert nach der Schule in den USA Psychologie und arbeitet später in Zürich. Dort begegnet er dem Geigenbauer Minsky. Als Freund ermuntert er ihn, seine Erinnerungen an das KZ Majdanek schriftlich festzuhalten. In Israel begegnet Minsky seinem Vater – oder dem, der ihn für seinen Sohn hält.

Zichroni ist in der Lage, sich in seine Mitmenschen hineinzuversetzen, kann also kraft körperlicher Nähe und Berührungen in das Erinnern anderer Menschen eintauchen, es körperlich mitfühlen. So erlebt er deren Erinnerungen ganz wie die eigenen, die sich auch in seinen eigenen Träumen niederschlagen. Um Distanz zu wahren, trägt er weiße Baumwollhandschuhe.

Der Leser steht bald vor einem Vexierbild des Erinnerns und weiß nicht mehr, was echt, was eingebildet, zugewandert oder fremd ist. Wer nun denkt, es handle sich um eine Art Verwechslung und triviale Doppelgängerstory, und Zichroni sei nun am Ende eben dieser andere Wechsler, der hat das Buch weit unterschätzt; die eigentliche Story ist noch viel ideenreicher, gewitzter und raffinierter, als man es sich während der Lektüre auszumalen imstande ist.

Man weiß heute längst, dass sich Erinnerungen im Laufe der Zeit verändern können; sie werden also im Gehirn nicht auf ewig archiviert, sondern sind veränderlich, werden komplett oder in Teilen vergessen, inhaltlich umgearbeitet und ständig überschrieben und sind somit also bei weitem nicht das objektive Instrument, für das wir es gemeinhin halten. Trauma, Amnesie und Verdrängung führen zudem zur systematischen Modifikation und Auslöschung von Erinnerungen. Wenn aber das Erinnern derart unzuverlässig ist: Worauf fußt dann unsere Identität? Das fragt man sich bei der Lektüre des Buches immer von neuem. Hiermit treibt Benjamin Stein ein grandioses und innovatives Spiel.

Es geht in Benjamin Steins „Leinwand“ auch um nicht wissenschaftlich erklärbare Phänomene im Zusammenhang mit Religiosität; beide Protagonisten sind streng gläubig, beide suchen nach ihrem Lebenssinn zwischen weltlicher Wissenschaft und religiöser Mystik. Beim Lesen wird einem bewusst, wie wenig man eigentlich über jüdische Religion weiß. Ganz selbstverständlich erfährt man eine Menge über jüdischen Alltag, jüdische (Glaubens-) Riten und religiöse Inhalte, was allein der reichhaltige Glossar zeigt, der als „Trennwand“ zwischen beiden Büchern fungiert.

Um zu verstehen, was im Ganzen wirklich geschehen ist, muss man beide Teile bis auf die allerletzte Seite gelesen haben. Eine erstaunliche Konstruktion, die beide Teile mit großartiger Erzähl- und Fabulierkunst zu einem schlüssigen Ende führt. Dabei ist es völlig unerheblich, dass man nie erfährt, woher Wechslers lebhafte Kindheits- und Jugenderinnerungen an Ost-Berlin genau stammen, was aus Wechslers Frau und Kindern geworden ist oder woher nun eigentlich der Koffer kam. Hat ihn Jan Wechsler bei seiner Israelreise doch selber aufgegeben und das hinterher – vergessen?

Benjamin Stein ist 1970 in Ost-Berlin (DDR) geboren, veröffentlichte bereits 1992 den Roman „Das Alphabet des Juda Liva“, nahm 1993 am Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. Er studierte in Berlin Judaistik und Hebraistik, arbeitete später als Redakteur und Korrespondent einiger Computerfachzeitschriften, war freiberuflicher Berater im IT-Bereich, Geschäftsführer einer Computerfirma und ist heute freischaffender Autor. Er betreibt das literarische Weblog „Turmsegler“ und lebt in München.

Literaturangabe:

STEIN, BENJAMIN: Die Leinwand. Verlag C.H. Beck, München 2010. 416 S., 19,95 €.

Weblinks:

C.H. Beck

Lesung mit Benjamin Stein


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