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Die Melancholie eines alten Mannes

Der Roman „Reise zu Lena“ von Alfred Neven DuMont

© Die Berliner Literaturkritik, 26.03.09

 

Von Jürgen Hein

Hier schreibt ein „alter Wilder“. Frech und tabulos, wie man es sonst von jungen Wilden kennt, aber durchdrungen von der Erfahrung eines langen Lebens. „Reise zu Lena“ heißt der Roman von Alfred Neven DuMont (81), bekannt als einer der großen deutschen Verleger der Nachkriegszeit. Aber die Zeitungsbranche kommt gar nicht vor in diesem Buch. Und der „alte Mann“, wie Neven DuMont seinen Protagonisten nennt, tritt nicht als strahlender Unternehmer auf oder als erfolgreicher Machtmensch. Sondern als zerbrechlicher, von Ängsten und Trauer gefesselter Mann, der einen Ausbruch wagt und dabei zwar nicht das Glück, aber doch ein wenig Freiheit erlangt.

Wenn Neven DuMont diesen melancholischen Mann beschreibt, das Erleben seiner Grenzen, die Ungeduld mit sich selbst, die Reue, da gelingen ihm großartige Passagen. Albert, der „alte Mann“, reißt aus von seiner Frau Ann, fährt mit der Freundin seiner toten Tochter zu deren Mutter, Lena. Der Aufbruch gibt ihm Kraft. „Wenn ich zu schnell für euch bin, dann bleibt halt zurück“, ruft er den beiden Frauen bei einem Spaziergang übermütig zu. Und zahlt den Preis. Schwach und orientierungslos wacht er am nächsten Morgen auf. „Wo bin ich?“, fragt er. „Ich weiß nicht, wo ich bin. Ich glaube, ich muss zu Ann.“

Ebenso leise schildert der Autor die verdorrte Liebe zwischen Ann und Albert. Wie sie einander aus Gewohnheit missverstehen, Vorwürfe sich in alle Gespräche schleichen. „Mein Leben ist einfach so an deiner Seite vorbeigegangen“, resümiert Ann. Sie umsorgt ihren Mann, erinnert ihn an seine Medikamente, aber mehr aus Pflichterfüllung als aus Liebe. Als sie ihn ins Bett bringt, ihm sagt, sie lasse die Tür einen Spalt offen, damit etwas Licht ins Zimmer kommt, bedankt sich Albert nicht, er sagt nur: „Ich bin kein Kind.“

Aber das Buch besteht nicht nur aus zurückhaltenden und zugleich eindringlichen Szenen. Es erzählt auch eine dramatische Geschichte. Und da haut Neven DuMont seinen Lesern Unerhörtes um die Ohren: Das Versagen eines Vaters, der seine Tochter über alles stellt und ihr doch nicht helfen kann. Erotische Gefühle eines Mannes beim Anblick seiner erwachsen gewordenen Tochter. Liebe und Zärtlichkeit im Alter, Depression und Todessehnsucht eines Kindes. „Ich habe mir gesagt: Nenne es beim Namen, halte nichts zurück, schreibe wie es ist, ohne wenn und aber“, meint Neven DuMont. „Im Alter ist man freier.“

Eingewoben in Alberts Reise zu Lena ist die Geschichte seiner toten Tochter Glorie, erzählt nicht von ihr selbst, sondern von ihrer Freundin Christie. Es ist eine Mischung aus Brief und Tagebuch, das Christie Albert vorliest. Diese lange Rückschau unterbricht in mehreren Teilen die aktuelle Erzählebene, in einer Diktion, die eher zum „alten Mann“ passt als zu einer jungen Frau. Aber Christie sei durch ihre Lebenserfahrung älter als sie scheine, meint Neven DuMont. „Und man darf nicht vergessen, sie hat es aufgeschrieben. Und die Schriftsprache ist doch anders als die gesprochene Sprache.“

Neven DuMont, der 1995 einen ersten Roman unter Pseudonym und 2001 Erzählungen veröffentlichte, schreibt mit der Hand, meist auf Reisen. „Sollte jemand es anzweifeln, dass ich den Roman selbst geschrieben habe, dann bring ich diese Stöße Papier“, sagt er und lacht dabei. Von der Melancholie seines Protagonisten Albert ist bei Alfred Neven DuMont nichts zu spüren. Aber lachend in einem Apfelbaum gesessen wie Albert im Roman hat er auch noch nicht.

Übrigens ist „Reise zu Lena“ fast zeitgleich mit dem Roman „Die Villa“ erschienen, verfasst von Alfred Neven DuMonts jüngerem Bruder Reinhold Neven Du Mont (sie schreiben ihre Nachnamen verschieden), dem früheren Eigentümer des Literaturverlages Kiepenheuer & Witsch

Literaturangaben:
NEVEN DUMONT, ALFRED: Reise zu Lena. Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2009. 255 S., 19,90 €.

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