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„Die Schätze des Aga Khan Museum“

Der Katalog bietet einen Einblick in die Vielfalt und Pracht „islamischer Kunst“

© Die Berliner Literaturkritik, 14.10.10

Von Behrang Samsami

Das Interesse in westlichen Staaten für Länder mit einer mehrheitlich muslimischen Bevölkerung, für ihre Geschichten und Kulturen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen. Insbesondere seit den Anschlägen auf das New Yorker World Trade Center am 11. September 2001 hat sich ein Bewusstsein für die Notwendigkeit entwickelt, sich intensiver mit den Lebens- und Denkweisen der Muslime auseinanderzusetzen. Die Beschäftigung vor allem mit den orientalischen Staaten, ihren sozio-ökonomischen und sozio-kulturellen Situationen wird allerdings nicht selten in engen Zusammenhang gebracht mit der nach dem Fall des Ostblocks von Samuel P. Huntington (1927-2008) aufgestellten These eines „Clash of Civilizations and the Remaking of World Order“ (1993/96). Der US-Politologe sprach damals davon, dass die Weltpolitik des 21. Jahrhunderts nicht von Konflikten politischer, ideologischer oder ökonomischer Art, sondern von denen zwischen Angehörigen verschiedener Kulturkreise bestimmt sein werde.

Eine solche Betrachtungsweise führt jedoch nicht selten dazu, dass „der“ Islam aus westlicher Sicht als Antipode, als das „Andere“ bzw. „Fremde“ wahrgenommen wird und die von ihm geprägten Kulturräume zu einem scheinbar einheitlichen Block vermengt werden. Die Neugierde und Faszination für diese verschiedenen Länder mit ihren jeweils ganz eigenen Ethnien, Kulturen und Historien werden dadurch von Negativbildern verdrängt. Dabei sind diese, oft auf Unkenntnis und Furcht basierend, stark von Klischees und Vorurteilen geprägt. Jedoch gibt es demgegenüber im Westen auch große Bemühungen, den von Stereotypen dominierten Blick auf die islamische Religion und muslimische Länder durch vielfältige Arten der Aufklärung zu korrigieren – insbesondere im Bereich der Kulturarbeit.

Zu diesen Bemühungen um Objektivierung und Differenzierung zählen beispielsweise Studienreisen, Dokumentationsfilme, Übersetzungen religiöser, philosophischer und literarischer Werke in westliche Sprachen und Ausstellungen von kostbaren Kulturgütern aus dem Bereich der Kunst und Wissenschaft. Nun fand eine eben solche Schau vom 17. März bis 6. Juni 2010 im Berliner Martin-Gropius-Bau statt. Dort wurden erstmalig in Deutschland mehr als 200 Meisterwerke aus dem Besitz vom Karim Aga Khan gezeigt. Dem Oberhaupt der Ismailiten, einer muslimischen Gemeinschaft mit etwa 20 Millionen Gläubigen in vielen Teilen der Welt, gehört eine große und wertvolle Sammlung mit illuminierten Manuskripten und Gemälden, Zeichnungen und Inschriften, Metallgefäßen und Keramiken, Holz- und Elfenbeinarbeiten. Nach der Schau in der Bundeshauptstadt soll diese Schätze ab 2013 dann in einem eigens für sie errichten Museum im kanadischen Toronto in einer Dauerausstellung allen Interessierten zugänglich sein.

Im Vorwort zum Katalog, der unter dem Titel „Schätze des Aga Khan Museum. Meisterwerke der islamischen Kunst“ im Berliner Nicolai Verlag erschienen ist, wird es als eine „kulturelle Herausforderung“ bezeichnet, den Reichtum islamischer Kunst intensiver kennen zu lernen und zu würdigen. Die Ausstellung wie der dazu veröffentlichte Katalog stellen in diesem Zusammenhang einen Versuch dar, die im Westen zumindest einem Großteil des Publikums noch immer wenig bekannten Seiten der unter dem Begriff der „islamischen Kunst“ zusammengefassten Epochen und Stile in den verschiedenen Ländern zu präsentieren. In seiner Gesamtheit gelingt es dem beinahe 300 Seiten starken Band mit seinen über zwanzig Essays sowie den zahlreichen Abbildungen der Exponate, einen lebendigen Eindruck von der überwältigenden künstlerischen Spannweite und der außergewöhnlichen Vielfalt der Kunstschätze zu vermitteln. Diese entstanden in gut tausend Jahren, bis hinein ins 19. Jahrhundert, in einem weiten Kulturraum, der sich einst von Nordafrika und Südwesteuropa bis nach Ostasien erstreckte.

Es sind dabei deutsche wie internationale Islamwissenschaftler und Archäologen, Orientalisten und Kunsthistoriker, die am Katalog mitgearbeitet und die Texte zu den einzelnen Themenfeldern verfasst haben. Gegliedert ist der Band in drei größere Abschnitte. Im ersten großen, titellosen Kapitel sind es Texte, die dem Leser Grundlagenwissen über die Entstehung und Entwicklung der von der islamischen Religion beeinflussten Künste vermitteln. Von zentraler Bedeutung ist hierbei, dass keine eindeutige Trennlinie zwischen sakraler/religiöser und profaner/weltlicher Kunst gezogen werden kann. Ferner wird auf eine starke Wechselwirkung zwischen dem Islam, der sich ab dem 7. Jahrhundert ausbreitet, und den bis dahin in Vorderasien und Nordafrika bestehenden unterschiedlichen Kulturen verwiesen. So haben einerseits die Sprache des Korans, das Arabische, sowie seine Ge- wie Verbote, beispielsweise die Ablehnung bildlicher Darstellung von Menschen, einen großen Einfluss auf die fremden Künste und Wissenschaften. Doch andererseits sind die anderen Kulturkreise, so das persische Reich der Sassaniden mit seinem späteren Zentrum in Bagdad, derart weit entwickelt, dass sie umgekehrt eine ungeheure Strahlkraft auf die in der Folge unter dem Begriff der „islamischen Kunst“ zusammengefassten Entwicklung haben.

Das zweite Kapitel „Das Wort Gottes“ thematisiert nun die Bandbreite und Internationalität der „islamischen Kunst“. Er ist seinerseits unterteilt in mehrere Abschnitte und enthält heilige Texte und dazugehörige Objekte. Abgebildet sind unter anderem im Mittelalter entstandene und in kufischer Schrift verfasste Koranblätter aus Mauretanien, Spanien und dem Jemen, ferner äußerst prächtige osmanische, persische und moghulindische Koranausgaben aus der Frühen Neuzeit. Bei den Objekten handelt es sich unter anderem um Muscheln mit religiösen Inschriften und Talisman-Anhänger aus der Türkei und dem Iran, um Teller für Waschungen aus China sowie Pläne der Al-Haram-Moschee in Mekka aus Arabien. Besonders prachtvoll schließlich sind illustrierte Handschriften aus dem Iran und Indien beispielsweise von Werken persischsprachiger Dichter wie Jalal ad-Din Muhammed Rumi (1207-1273) und Amir Khusrau Dahlavi (1253-1325).

Was im zweiten begonnen wurde, wird im dritten Kapitel „Der Weg der Reisenden“ fortgesetzt und weiter vertieft. Die abgebildeten Objekte illustrieren die in den Essays vermittelten bisherigen Erkenntnisse über die gegenseitige Durchdringung der Künste und Wissenschaft im islamisch dominierten Kulturraum. Dabei decken sie ein weitläufiges Gebiet, nämlich vom Maghreb und „Al-Andalus“, der Iberischen Halbinsel, bis nach China ab. Zugleich spiegeln sie die unterschiedlichen traditionellen Kulturen, aus denen sie stammen, sowie die „Vielfalt ästhetischer Vorlieben“ wider. Im ersten Teil dieses Kapitels mit dem Untertitel „Von Cordoba nach Damaskus“ wird der Blick zuerst auf den „Orient im Westen“ gerichtet. Erstaunlich ist, dass eine parallele Entwicklung vonstatten läuft: Während die politischen, wirtschaftlichen und militärischen Ereignisse in Südwesteuropa und im westlichen Mittelmeerraum eine Arabisierung, Islamisierung und Berberisierung zur Folge haben, kommt es im Bereich der Kunst und Kultur primär zu einer Iranisierung, die unter anderem in der Architektur, Ornamentik und Ikonografie sichtbar wird.

Von der Iberischen Halbinsel verlagert sich das Interesse dann auf den Nahen Osten. Zwei Essays behandeln Ägypten und Syrien in der Zeit des Mittelalters, konkreter während der Herrschaftszeit der Fatimiden und Mamluken. Von da wendet sich der Blick auf das mittelalterliche und frühneuzeitliche Anatolien und das dort regierende Haus der Osmanen. Im zweiten, wesentlich umfangreicheren Unterkapitel geht es noch weiter ostwärts, nämlich „Von Bagdad nach Delhi“. Im Mittelpunkt steht der „iranisierte Osten“ von der Spätantike bis ins 19. Jahrhundert. Die zahlreichen Abbildungen der Handschriften und Miniaturen, Glas- und Keramikarbeiten, Gewänder und Schreibutensilien, Standarten und der Architekturdekors hauptsächlich aus der Herrschaftszeit der Mongolen, Timuriden, Safawiden, Zand und Kadscharen illustrieren das große Talent und die hohe Fertigkeit der Künstler zwischen Mesopotamien und Indien. Abgeschlossen wird der Band schließlich mit einem Essay und wiederum vielen Abbildungen von Objekten aus der gut dreihundert Jahre währenden Regierungszeit der turkstämmigen Moguln auf dem indischen Subkontinent.

Dem Katalog „Schätze des Aga Khan Museum. Meisterwerke der islamischen Kunst“ zur gleichnamigen Ausstellung im Frühjahr 2010 in Berlin gelingt es auf beeindruckende Weise, die Diversität und Pracht der „islamischen Kunst“ durch 1400 Jahre sichtbar werden zu lassen. Die wissenschaftlichen Texte wie die zahlreichen Abbildungen weisen auf eine friedliche wie produktive Vermischung der Kulturen vom westlichen Mittelmeerraum über Vorderasien bis nach Indien und China hin. Informativ und äußerst erkenntnisreich insbesondere für diejenigen Rezipienten, die sich bisher wenig mit dem islamisch geprägten Kulturraum beschäftigt haben, bietet der Band zuletzt neben einer Schautafel zu den islamischen Dynastien noch eine ausführliche Zeittafel, ein Glossar sowie eine lange, weiterführende Literaturliste.

JUNOD, BENOIT; DAIBER, VERENA (Hrsg.): Schätze des Aga Khan Museum. Meisterwerke der islamischen Kunst. Nicolai Verlag. Berlin 2010. 288 S.,  34,95 €.


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