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Die Söhne des Schuhmachers

Duncan Shiels europäisches Familiendrama „Die Brüder Rajk“

© Die Berliner Literaturkritik, 22.04.09

Von Roland H. Wiegenstein

Dieses Buch, für das Duncan Shiels, ein englischer Reuters-Korrespondent, auch während seines dreijährigen beruflichen Aufenthalts in Budapest von1995-1998 recherchierte, enthält im Kern die tragische Geschichte Osteuropas im 20. Jahrhundert, paradigmatisch ausgebreitet am Schicksal der „Brüder Rajk“, die zusammen mit ihren neun Geschwistern in der Familie eines leidlich wohlhabenden Schuhmachermeisters in Székelyudvarhely geboren wurden, einer Kleinstadt im östlichen Teil Ungarns, der nach dem von den „Mittelmächten“ verlorenen Ersten Weltkrieg 1920 im Vertrag von Trianon Rumänien zugeschlagen wurde. Damals verlor Ungarn zwei Drittel seines Territoriums an die Nachbarstaaten, vor allem an Rumänien. Die in diesen Ländern wohnenden Ungarn, die bald, vor allem in Rumänien, Repressionen ausgesetzt waren, wollten sich damit so wenig abfinden wie die Bewohner von Rumpf-Ungarn, in das vor allem viele Siebenbürger Ungarn flohen. Dies um so viel kleinere, verarmte Land kam – nach einem missglückten kommunistischen Putsch von Bela Kun – 1919 unter die Herrschaft des sich pompös mit seinem alten Titel schmückenden Admirals Miklós Horthy, der sich als Monarchist verstand und darum als „Reichsverweser“ agierte. Auf den kurzen „roten“ Terror folgte der (sehr viel längere) „weiße“, der nationalistischen Regierungen. Nach 1933 schloß sich Ungarn an Hitler-Deutschland an, wobei es Horthy gelang, sich militärisch aus dem Zweiten Weltkrieg herauszuhalten, bis deutsche Truppen 1944 das Land besetzten und die Unterstützung der Wehrmacht gegen die vordringenden Sowjet-Armeen auch durch ungarische Verbände erzwangen – und den Abtransport der ungarischen Juden, den Eichmann von Budapest aus organisierte.

1945 galt Ungarn als Verbündeter Hitlers und damit zerschellten alle Hoffnungen auf die Wiederherstellung des 1920 verlorenen „Groß-Ungarn“ an den Vereinbarungen zwischen den westlichen Alliierten und der Sowjetunion: Ungarn wurde dem „Ostblock“ zugeschlagen. Horthy ging nach Portugal ins Exil.

Nach einem kurzen Aufatmen in einem Mehrparteienstaat begann das Terror-Regime des Mátyás Rakosi, gegen das sich 1956 zuerst Studenten, später ein nicht geringer Teil der Bevölkerung erhob. Zwar ging Rakosi ins Moskauer Exil, aber die Sowjets beendeten den Aufstand gleichwohl mit Gewalt und die gerade mit dem Suez-Krieg beschäftigen westlichen Demokratien, England und die USA vor allem, ließen sie gewähren. Imre Nagy, für kurze Zeit Ministerpräsident, wurde hingerichtet, sein alter Freund und Genosse, der erpressbare Janos Kádár, wurde sein Nachfolger und führte, mit vielen Verzögerungen, einen „Gulasch-Kommunismus“ in der „fröhlichsten Baracke des östlichen Lagers“ ein, der nur noch einmal ins Wanken kam, als 1967/68 die Revolten in Polen und der Tschechoslowakei auch sein Regime für kurze Zeit ins Wanken brachten. Erst nachdem Gorbatschow in Moskau Erster Sekretär der KPdSU geworden war, löste die ungarische KP Kádár ab, seine Nachfolger öffneten 1989 die Grenzen zu Österreich und der Tschechoslowakei, und leiteten damit den Zusammenbruch des russischen „cordon sanitaire“ ein, der mit der Wiedervereinigung Deutschlands endete.

Ungarn versteht sich heute als Demokratie im westlichen Sinn, was heftige Parteienkämpfe nicht ausschließt, in denen sich die Bruchlinien eines über ein Jahrhundert währenden politischen Konflikts immer noch finden lassen (wenn schon oft überlagert von aktuellen Problemen). Dass sie nicht aus dem Ruder laufen, hängt neben einer veränderten Situation in Europa auch mit einer gewissen Friedfertigkeit (oder Indolenz) der Bevölkerung zusammen, die zu viele politische und ideologische Umbrüche erdulden musste.

Duncan Shiels Buch beschreibt diese Geschichte (nur manchmal journalistisch in ihrer Komplexität verkürzt) in dem es die Familie Rajk und vor allem zwei ihrer Mitglieder porträtiert – es sind die richtigen: Endre Rajk, geboren 1899, der sich, mit dem Verlust seiner Heimat hadernd, früh den „Pfeilkreuzlern“, einer nationalistischen, antisemitischen Gruppierung angeschlossen hatte, auf die sich Horthy stützte und in der es Endre für kurze Zeit, nach dem Einmarsch der deutschen Truppen, zu einer hohen Position brachte – er starb als Exilant 1960 im Rheinland und Lásló Rajk, geboren 1909, der ebenso früh zum kommunistischen Agitator wurde, immer wieder ins Gefängnis kam und auf abenteuerlichen Wegen (nach einem kurzen Studium in Besançon) zu den „Internationalen Brigaden“ stieß, die in Spanien gegen Franco kämpften. Er wurde in Frankreich interniert und nach seiner Rückkehr nach Ungarn gleich wieder eingesperrt. Seine Stunde kam erst 1945, als er nach der kommunistischen Machtübernahme zuerst Innen-, dann Außenminister wurde und sie endete bereits 1949, als Rakosi, (der die Nazijahre in Moskau verbracht hatte) sich seiner und aller anderen „Westemigranten“ entledigte. In einem spektakulären stalinistischen Schauprozess ließ der Diktator im September 1949 den beim Volk beliebten Rivalen als „Titoisten, Trotzkisten und westlichen Agenten“ anklagen, zum Tode verurteilen und hängen. László Rajk wurde nur vierzig Jahre alt.

Er ist so etwas wie die Hauptfigur dieser Geschichte. Er war ein begnadeter Agitator und ein Idealist, der nicht einmal als Innenminister von seiner illusionistischen Vorstellung einer sozialistischen Befreiung der Menschheit ablassen wollte; einer der Genossen half, wo immer es ging, der Phantasie entwickelte, wenn es darum ging, Häschern zu entkommen, Mut, wenn es galt, Widerstand zu leisten. Noch in dem grotesken Geständnis in seinem Prozess (Shiels zitiert es ausführlich), das die Staatssicherheit durch Folter, mit der Drohung, seinen kleinen Sohn und seine Frau Júlia zu verschleppen und dem Versprechen erzwang, ihn nachher nach Russland (!) emigrieren zu lassen, hat er Widerhaken angebracht, die seinen Freunden und Verwandten andeuteten, dass all das, dessen er sich beschuldigte, gelogen war.

Rajk und sein kurzes Leben, das in der Finsternis endete, mag den Hauptstrang von Shiels Buch bilden, dessen eigentlich Heldin ist jedoch Júlia Földi, die László in der Emigration in Frankreich getroffen und später geheiratet hatte. Kommunistin wie ihr Mann, tollkühn und zielgerichtet, hat sie sich nie aufgegeben, nicht bei der dramatischen Rückkehr nach Ungarn 1945 (in einem Ruderboot auf der Donau), nicht nach der Ächtung und auch nicht in einer zweijährigen Verbannung. Sie war es, die im Herbst 1956, wenige Wochen vor Beginn des Aufstands, die völlige Rehabilitierung ihres Mannes und ein feierliches Staatsbegräbnis seiner Überreste in Budapest durchsetzte, sie nahm nach Nagys Sturz und Hinrichtung wiederum den Kampf um historische Gerechtigkeit auf. Auch Nagy erhielt nach 1989 eine würdige Trauerfeier, für die Júlias und Lászlós einziger Sohn, geboren 1949, ein Architekt, der seines Vaters Vornamen trägt und sich wiederum – als Student und Demokrat – gegen die Obrigkeit gestellt hatte, die Trauer-Dekoration entworfen hat.

So sehr sich Shiels auch dieses Familienzweigs der Rajks annimmt, so wenig vergisst er in seiner durchweg chronologischen Erzählung die anderen Kinder des Schuhmachers. Er hat mit den Überlebenden (einige sind wirklich alt geworden) so viele Interviews wie möglich gemacht, zitiert sie immer wieder wörtlich und rettet so wertvolle Aussagen. Heute sind fast alle tot.

Einmal hat Endre seinem Bruder das Leben gerettet und seine Hinrichtung während der Nazizeit verhindert, einmal hat László dafür gesorgt, dass der von den Amerikanern internierte und auf eine Kriegsverbrecherliste gesetzte ältere Bruder nicht nach Ungarn ausgeliefert wurde, wo man nach 1945 seinen unmittelbaren Vorgesetzten gehängt hatte. Ideologisch mochten die Brüder Gegner sein, mochten andere Familienmitglieder unpolitisch bleiben und nur zur Rettung einzelner Brüder, Schwestern, Neffen und Cousinen bereit sein – wenn es ernst wurde, haben sie immer zusammengehalten.

 

Shiels (der 2006 gestorben ist) war kein Historiker, er war Journalist und Reporter. Er wollte einfach vor dem Hintergrund einer ebenso wechsel- wie grauenvollen Zeit von Menschen erzählen, die etwas Besonderes waren. Das ist ihm gelungen. Sein Buch rückt Geschichten wieder ins Gedächtnis, entreißt Menschen der Vergessenheit, die alle – jeder auf andere Weise – Opfer waren und die sich häufig heroisch verhalten haben. Dabei macht er, womöglich ohne das beabsichtigt haben, klar, wie tief historische Prägungen in die Vergangenheit zurückreichen, wie sie noch die Haltungen und Taten der Enkel und Urenkel bestimmen. Der Ungarn-Aufstand, an den sich hierzulande nur wenige noch erinnern, die damals schon Radio hörten, ist den Historikern anheimgefallen und zum Mythos geworden, denn das historische Gedächtnis reicht weiter als eine schnelllebige Zeit meint. Die erlittenen Schmerzen, Zurücksetzungen, Niederlagen werden als Phantom-Narben an die kommenden Generationen weitergegeben – und diese spüren sie. Zu lernen ist aus einer Geschichte wie der der Brüder Rajk, dass Anstand und Widerstand nicht vergeblich sind, auch wenn es manchmal den Anschein hat, aber auch, dass längst widerlegte Vorurteile als neue Kränkungen schwärend fortdauern. Das Erbe der Totalitarismen des 20. Jahrhundert ist nicht in den Massengräbern zur Ruhe gekommen, es lebt weiter und was als Tragödie endete, lebt als Farce mit verzerrten Gesicht weiter: in Moskau, Budapest; Prag, Warschau – aber auch zum Beispiel in Hoyerswerda. So wie in Amerika Birmingham und Alabama weiterleben, für‘s erste zur Ruhe gebracht durch eine freie Wahl, die eine neue Ära einzuleiten verspricht. In Osteuropa ist diese neue Ära nur „in kleinen Schritten“ gekommen und der Aufbruch der spät geglückten Revolutionen ins Neue blieb irgendwo stecken. Auch davon erzählt Shiels am Ende.

Literaturangaben:
SHIELS, DUNCAN: Die Brüder Rajk. Ein europäisches Familiendrama. Aus dem Englischen von Klaus Binder. Zsolnay Verlag, Wien 2008. 351 S., geb. 24,90 €.

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