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„Die Tyrannei der Liebe“

Kinder, Liebe und eine perfekte Erziehung?

© Die Berliner Literaturkritik, 10.06.09

„Die Tyrannei der Liebe“ lautet der Titel des Buches. Kein Ratgeber soll es sein. Das wird von der Autorin Caroline Thompson, Psychoanalytikerin und Familientherapeutin, betont. „Viele Bücher für Eltern wie für Kinder wollen der Erziehung also eine Richtung geben, nehmen sie aber gleichzeitig den Hauptbetroffenen aus der Hand. Getrieben von der Angst, etwas falsch zu machen und ihrer Aufgabe nicht gewachsen zu sein, verschlingen viele Eltern unermüdlich diese Ratgeber, konsultieren Psychologen, Logopäden und sonstige Spezialisten in der Hoffnung, es gäbe ein Geheimrezept.“ Und doch werden viele Eltern gerade dieses Buch auf der Suche nach einem solchen Geheimrezept aus dem Buchhandelsregal ziehen. Aber vielleicht finden sie das Rezept und es lautet: Habt keine Angst, eure Kinder zu erziehen!

Und es gibt noch mehr direkte und indirekte Ratschläge, wie etwa diese: Kinder können und sollen nicht dauerhaft vor Konflikten bewahrt werden. Die Eltern sollen Kinder an ihrem eigenen Scheitern wachsen lassen. Die ebenso wie der Titel provozierende Ausgangsthese „Liebe ist das falsche Mittel für die Erziehung“ wird durch diese—ja doch—Ratschläge schon bald relativiert. Es geht eben nicht, wie vermutet werden kann, darum, dass es grundsätzlich falsch ist, Kinder mit Liebe zu erziehen. Auch der Untertitel führt zum gewissen Grad in die Irre: „Wenn Eltern zu sehr lieben: Perfekte Erziehung und die Ambivalenz unserer Gefühle.“ Vielmehr bezieht Thompson sich auf die Erwartung der Eltern, von ihren Kindern wiedergeliebt zu werden, welche in den direkten Gegensatz zu einer konsequenten und regulierenden Erziehung gebracht wird. Es geht um den gesellschaftlichen Druck, den Eltern spüren und meinen, sie müssten perfekte Kinder haben.

Und noch einmal widerspricht Thompson ihrem Titel. „Nicht die Ambivalenz ist also das Problem, sondern dass wir heute aufgrund einer idealisierten Vorstellung von der Liebe zunehmend unfähig sind, sie anzuerkennen.“ Hier liegt ein Problem des Buches: Durch Wiederholung der gleichen oder ähnlicher Thesen Thompsons auf unterschiedliche Art und Weise und mit teilweise unterschiedlichen Konsequenzen, die daraus gezogen werden, fällt es dem Leser schwer, dauerhaft dem zu folgen, worauf es der Autorin tatsächlich ankommt.

Mit der „Tyrannei der Liebe“ scheint vielmehr die Überforderung der Eltern in diversen Erziehungsfragen gemeint zu sein. Und die Tatsache, dass Liebe allein—als freilich wandlungsfähige und daher nicht garantierbare Emotion, zumal auch Gegenspieler und Mitspieler des Hasses— nicht der Grundstein für die Erziehung sein kann. Wie wahr, wie wahr. Warum dann aber der reißerische Titel, der auch in der französischen Originalausgabe („La violence de l’amour“) nicht weniger brutal klingt?

Sicherlich richtig deckt Thompson auf, dass die Familie des 20. und 21. Jahrhunderts—im Gegensatz zu früheren Jahrhunderten—allein über Kinder definiert wird und gute Erziehung über Liebe. „Brave“, intelligente, musikalische oder sportliche Kinder gelten als Beweis für korrekte Erziehung. Daraus entsteht der Leistungsdruck der Eltern, den die Kinder ausbaden müssen. Sie müssen die Leistungen erbringen, von denen die Eltern glauben, dass sie richtig oder vielmehr erwünscht sind. Gleichzeitig aber scheuen Eltern der heutigen Zeit sich davor, Kindern Verbote auszusprechen. Aus Angst—und hier kommen wir zur Liebe zurück nicht mehr oder weniger geliebt zu werden vom eigenen Kind.

Thompson gründet diese Ideen und Analysen auf gesellschaftsgeschichtliche Betrachtungen darüber, was Liebe und Familie überhaupt sind (und waren), und auf ihre eigene praktische Erfahrung, die sie unter anderem in Fallbeispielen schildert. Ihr geschichtlicher Abriss über das Wesen der Liebe beginnt bei den alten Griechen und endet—leider—bei Freud. Und auch im Folgenden bleibt Thompson immer wieder bei Freud stecken und vermittelt so den Eindruck, es habe seit dem Begründer der Psychoanalyse keine weiteren bedeutenden Analytiker oder auch Psychologen anderer Fachrichtungen gegeben.

Und gerade auf dem Gebiet der (früh)kindlichen Entwicklung, die bei Erziehungs- und Beziehungsfragen eine nicht unerhebliche Rolle spielen dürfte, gibt es diverse und aktuellere Theoretiker. Doch diese Forscher betrachtet Thompson mit einiger Skepsis. Dass besonders Säuglinge und deren Kompetenzen seit einigen Jahrzehnten in den Fokus der Forscher gerückt sind, kommentiert sie so: „Niemand würde ein Loblied auf den erwachsenen Menschen singen, weil er hören und sehen kann.“ Es ist für Thompson gerade nicht erforderlich, dass sich Institutionen und Einrichtungen oder Teile der Gesellschaft auf Kinder einstellen oder an Kinder anpassen sollen. Hier weist Thompson als Ausweg aus der Krise zwischen Eltern, Kind und Lehrern zurück in die Vergangenheit, in der es in der Schule strikt um die Vermittlung von Wissen ging, nicht um Fähigkeiten der Kinder selbst.

Ein grober Kunstfehler, der Thompson in ihrer Studie unterläuft, ist die Betrachtung der menschlichen Beziehungen anhand von Romanfiguren, die freilich fiktiv und also von Menschen geschaffen sind. Thompson aber behandelt sie wie Fallbeispiele, aus denen direkte Schlüsse gezogen werden können. So erarbeitet sie sich das Wesen der Liebe in der Familie zum Teil aus Romanbeziehungen, die sie zuvor reflektiert und in die sie sich gebrochen hineingearbeitet hat. Überhaupt greift Thompson nicht nur in die Gebiete der Literaturwissenschaft über—dies wohl eher unbeabsichtigt und mit den falschen Konsequenzen—, sondern verlässt das Feld der Psychoanalyse auch in Richtung Soziologie, Gesellschaftskritik und Philosophie. Und hier durchaus interessant und unterhaltsam.

Immer wieder zeichnet Thompson ein Bild von Eltern, die Angst haben, dass ihr Kind sie weniger liebt, wenn sie ihm Regeln und Zwänge auferlegen. Eltern, die sich bei kleinsten Schwierigkeiten mit dem Kind selbst in Frage stellen, zu Experten laufen oder Ratgeber wälzen, um selbst Verantwortung abgeben zu können. Oder sie geben die Verantwortung schlimmstenfalls an die eigenen Kinder ab, indem sie diese regellos sich selbst überlassen, um nur keinen Verlust an Liebe zu riskieren. Den Kindern wiederum fällt die Rolle der Tyrannen zu, die in dem Rollenverhältnis zwischen Eltern und Kind fälschlicherweise auf den Thron gesetzt wurden und von dort nun nicht mehr herunterwollen. Oder herunterfinden? Und dann kommen wieder die vielen Experten, Therapeuten und Ratgeber zum Einsatz. Sicher ein Bild, das wir alle kennen und in dem wir uns wohl zum Teil auch wiedererkennen können.

Jedoch in einer Zeit, in der beinahe wöchentlich verwahrloste Kinder aus zerrütteten Familien gerettet werden müssen, erscheint dieses Bild in Reinkultur doch vorrangig das des Klientels der Familientherapeutin selbst zu sein. Nicht jeder kann es sich leisten, seine Kinder mit Therapeuten und Experten geradebiegen zu lassen. Nicht jedes Kind, das Probleme hat, leidet unter zu viel Liebe von der einen oder anderen Seite. Und schließlich lebt Caroline Thompson als Familientherapeutin genau von diesen Eltern, die nur das Beste für ihre Kinder wollen, über ausreichende Mittel verfügen und ihre Kinder zu Logopäden, Ergo- und anderen Therapeuten schicken.

Von Anja Karen Kölling

Literaturangabe:

THOMPSON, CAROLINE: Die Tyrannei der Liebe. Wenn Eltern zu sehr lieben: Perfekte Erziehung und die Ambivalenz unserer Gefühle. Übersetzt aus dem Französischen von Ursel Schäfer. Verlag Antje Kunstmann, München 2008. 192 S., 16,90 €.

Weblink:

Antje Kunstmann Verlag


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