Die vergessenen Dichterinnen

Ines Geipel über Autorinnen, deren Schreiben in namenlose Leere fiel

Von: ROLAND H. WIEGENSTEIN - © Die Berliner Literaturkritik, 17.07.09

„Wer in seinen Texten das Sprachidiom der DDR anerkannte und benutzte, wurde bedankt mit gesteuerter Öffentlichkeit, Reputation und Förderung. Das war die Demarkationslinie, über die jeder, der mit Schrift zu tun hatte, vollkommen im Bilde war. Das Schreiben derer, die sich – als ‚die Künste in den Kampf um den Sozialismus geführt wurden’ – nicht integrieren ließen, fiel in namenlose Leere. Ihre Texte wurden nicht gedruckt. Ihre Leben erfuhren fast durchweg karstige Einschnitte. Es sind heute die, die niemand mehr kennt.“

So bilanziert es Ines Geipel in ihrem Buch „Zensiert, verschwiegen, vergessen – Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989“. In der Tat: Keine der sechzehn Schriftstellerinnen (Geipel nennt sie „Dichterinnen“) findet sich zum Beispiel bei Wikipedia in einer Liste, die DDR-Autoren aufzählt. Wenn überhaupt im wiedervereinigten Deutschland Texte von ihnen veröffentlicht wurden, blieben sie ohne sonderliches Echo. Könnte es sein, dass es sich bei ihnen um Autorinnen handelte, die einfach den Säuretest der Zeit nicht bestanden haben?

Im Gegensatz zu den anderen, die auch jetzt noch gelesen werden, obwohl auch sie sich den Zumutungen des Regimes mit List und Hartnäckigkeit entzogen haben: Christa Wolf, Sarah Kirsch und Barbara Honigmann etwa? Die eine wurde in Westdeutschland mit dem „Geteilten Himmel“, mit „Kindheitsmuster“, „Kein Ort. Nirgends“, „Kassandra“ und vielen anderen Büchern zu einer Art auch international bekannter Ikone, das hat sie in der DDR trotz ständiger Überwachung gerettet, die beiden anderen haben das eingeschlossene Land frühzeitig verlassen. Andere, die man heute noch in den Buchhandlungen finden kann, die in den neunziger Jahren sozusagen wiederentdeckt wurden, wie Brigitte Reimann, Irmtraut Morgner oder Maxi Wander, starben früh, im Literaturbetrieb wurde ihnen eine Nische eingeräumt.

Die meisten aber, deren Biografien sich Ines Geipel widmet, fanden nicht einmal die. Wer kennt Ursula Adam, Hannelore Becker, Edeltraut Eckert, Elisabeth Graul, Heidemarie Härtl, Eveline Kuffel, Sylvia Kabus, Raja Lubinetzki, Jutta Petzold? Ein paar Spezialisten vielleicht, das Lesepublikum kaum, auch wenn sie später doch einiges veröffentlichten. Selbst Christa Reinig (1926-2008), deren sperrige, gescheite, ironische Texte in den siebziger, achtziger Jahren eine gewisse Aufmerksamkeit fanden, sind heute nahezu vergessen. Inge Müller (1925-1966), gewiss eine der stärksten Begabungen in der DDR, wurde jahrzehntelang nur als Ehefrau und Mitarbeiterin Heiner Müllers erwähnt, erst in den letzten Jahren hat man sie (immer noch im Schatten Müllers) wiederentdeckt. Helga M. Nowak (geboren 1935), deren widerspenstige Arbeiten nur in Westdeutschland veröffentlicht wurden, lebt heute irgendwo in Polen, immerhin ist einiges von ihr greifbar. Und dies sind noch die bekannten „Fälle“.

Aber die anderen? Von den meisten, die zum Schweigen verurteilt wurden, zum Teil jahrelang in DDR-Gefängnissen zubrachten: fast keine Spur. Wir wissen nach den wenigen Textproben, die Geipel zitiert, nicht, wie bedeutend sie sind oder waren (viele sind schon tot). Sie fielen durch die Maschen. Was von ihnen bleibt, sind die Lebensläufe, sind zerbrochene Existenzen, sind ihre Versuche, die „Demarkationslinie“ zu überschreiten, ihren Eigensinn zu bewahren.

Sie sind Zeugen dafür, was es mit dem Staat auf sich hatte, dem heute noch so viele ehemalige DDR-Bürger mit einiger Nostalgie nachhängen. Ihre Geschichten und Gedichte sind offenbar unbequem geblieben – ihr Leben erzählt von Demütigungen, Verhören, von Freundesverrat und dem Aufwand, den die Stasi trieb, um sie zu bespitzeln, zu quälen, mundtot zu machen, es erzählt von mutigen, oft halsbrecherischen Anstrengungen, Widerstand zu leisten, von unsäglichen Haftbedingungen in den Lagern und Haftanstalten in der DDR und den miesen Jobs, in die man sie zwang.

Darum ist Geipels Buch wichtig, es stellt Frauen vor, die sich nicht beugten, und es macht mindestens bei einigen der Autorinnen neugierig auf ihre Arbeit. Etwa der von Gabriele Stötzer (geboren 1953):

„Als ich geboren wurde, war alles aufgebaut, war alles fertig, perfekt, ein schillerndes Förderband mit Richtung nach oben. Die Ideologie war sicher, der Weg war sicher, die Häuser, die Wohnungen, die Rente waren sicher. Ihr hattet die Welt gewandelt, ihr hattet euch gewandelt, die Natur aber nicht. Die Natur gab mir Augen, Ohren, Hände, Füße, Haut, doch ihr habt es nicht bemerkt. Ihr habt euren Anspruch in die Welt gestellt, eure Vernunft, eure Moral, euere Erkenntnisse. Ihr habt uns nichts übrig gelassen. So sind wir aufgewachsen im Nichts. Wir haben nichts, wir können nichts, wir wollen nichts, wir brauchen nichts. Wir halten uns nicht an eure Abmachungen, eure Gesetze besitzt ihr ohne uns, ihr habt uns nicht gefragt, ihr habt immer für uns mitgeredet. Wenn ihr über uns redet, redet ihr über uns hinweg. Wir horden uns in Gruppen und stehen an den Rändern eurer Welt. Aber übersehen könnt ihr uns nicht, überleben könnt ihr uns nicht, vergessen könnt ihr uns nicht.“

Gabriele Stötzer wurde 1977 zu einem Jahr Zuchthaus ohne Bewährung verurteilt. Sie hat nach ihrer Entlassung nicht aufgegeben, eine private Kunstgalerie aufgemacht, die bald wieder geschlossen wurde. 1989 war sie bei der Stürmung des Stasi-Gebäudes in Erfurt dabei.

 ... oder Texten wie einem Gedicht von Heidemarie Härtl (geboren 1943), die zwanzig Jahre lang zusammen mit ihrem Mann in Leipzig gemeinsam schrieb, illegale Zeitschriften herausgab, einen illegalen Verlag gründete und die, nach der Trennung von Gert Neumann-Härtl, Ibrahim Böhme zum Opfer fiel, dem Hoffnungsträger der SPD, der ein Stasispitzel war; sie kam in psychiatrische Behandlung, starb 1993 an Krebs.

„Das alles geschah um neun Uhr - Zwei dicke Männer in braunen Mänteln / Bringen einen Korb in die Wäscherei, / die Reinmachefrau rupft auf der Wiese / Löwenzahn in die Plastiktüte. / Ein Mann öffnet gehend eine Zeitung. / Die schlanke Frau aus dem Gartenhaus / in einem braunen elegischen Morgenmantel / knüpft ohne Gesten eine Leine auseinander. / Eine ältere Hausfrau mit weißer Schürze / Und Klammerbeutel hängt Wäsche auf. / Krähen und Tauben fliegen und / sitzen auf Dächern und Bäumen. / Die schwarz-braune Katze ist im Gebüsch. / Das alles geschah um neun Uhr / Obwohl es überall heißt / -und ich glaube es - / es herrscht Diktatur.“

Es herrschte Diktatur, und man kann die, die sich nicht beugten, eben doch vergessen. Aber man sollte es nicht, darum hat Ines Geipel an diese Frauen erinnert.

Literaturangabe:

GEIPEL, INES: Zensiert, verschwiegen, vergessen. Autorinnen in Ostdeutschland 1945-1989. Artemis & Winkler Verlag, Düsseldorf 2009. 288 S., 24,90 €.

Weblink:

Artemis & Winkler Verlag

Roland H. Wiegenstein arbeitet als freier Literatur- und Kunstkritiker für dieses Literaturmagazin. Er lebt in Berlin und Italien


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