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Die Vivisektion einer Stadt

Über den Wahnsinn der Stadt Wien und die Suche nach Alltag

© Die Berliner Literaturkritik, 25.03.10

Von Klaus Hammer

Was ist diese Sammlung von literarischen Spaziergängen durch die Vergangenheit und Gegenwart Wiens – eine Reportage, ein Reiseführer, ein Stadt-Porträt, eine zeit- und kulturgeschichtliche Darstellung, eine Essayfolge (als solche ist sie auch wirklich schon in verschiedenen Zeitschriften veröffentlicht worden), das Tagebuch eines Wien-Forschers oder gar ein Realität und Imagination gleichermaßen mischender Roman? Auf alle Fälle ein Kompendium der heterogensten Stile und Schreibformen und vor allem  ein enzyklopädisches Werk, die geistreiche Verschmelzung verschiedener Diskursweisen, der fiktionalen und der wissenschaftlich spekulativen.

Schon in seinem siebenbändigen Monumentalwerk „Die Archive des Schweigens“ (1980-91) hatte sich der gelernte Mediziner Gerhard Roth als Anthropologe, Ethnograf, Zoologe, Archäologe, Anatom, Pathologe, Psychoanalytiker, Historiograf, Kriminalist, Archivar, Sammler, Chronist, Reporter, Stadtführer, Essayist, Literatur- und Kunsthistoriker erwiesen. Er wollte hier ein Psychogramm von ganz Österreich geben. Einen zweiten Zyklus hat er dann 1995 mit „Die See“ begonnen und in eigenständigen Themenkomplexen mit „Der Plan“ (1998), „Der Berg“ (2000), „Der Strom“ (2002) fortgesetzt. Auch in seinem Roman „Das Labyrinth“ (2004) stieg Roth herab in die Katakomben Wiens und der österreichischen Geschichte, betrieb eine Art „Gebäude-Archäologie“ mit der Wiener Hofburg und anderen bedeutenden Bauwerken, die er hinterfragte. Er öffnete ebenso die Räume der Realität, wie er kühne Entdeckungsfahrten in die Traum-, Vorstellungs- und Erinnerungswelt unternahm, sich mit Begriffen wie Wahnsinn und Normalität oder Schuld und Unschuld auseinandersetzte. Da Roth die Wirklichkeit als Fälschung oder die Widerspiegelung von Wirklichkeit als Täuschung erscheint, will er aus der Täuschung in der Fälschung und der Fälschung in der Täuschung eine Art poetischer Wahrheit herausfiltern.

Nun also „Die Stadt“, ein Gang durch die Magazine des Naturhistorischen Museums, die Kunst- und Wunderkammern der Habsburger, das Wiener Uhrenmuseum, das Josephinum und das Museum der Gerichtsmedizin, in das k.k Hofkammer-Archiv, die Österreichische Nationalbibliothek, das Blindeninstitut und das Bundes-Gehörloseninstitut. Aber es geht auch in das Flüchtlingslager Traiskirchen, an den Neusiedler See und schließlich auf den Zentralfriedhof in Wien. Was heißt hier aber schon „ein Gang“? Der Autor taucht förmlich ab in die Archive, Keller und Magazine dieser Institutionen, dorthin, wo Fremden der Zutritt gewöhnlich verwehrt ist. In Begleitung eines Beamten, und dazu auch noch nachts, der unaufhörlich Geschichten, Anekdoten, Begebenheiten erzählt und die der Verfasser weiterspinnt, ergänzt, ins Skurril-Phantastische ausschmückt, durchschreitet er die von den Habsburgern über Jahrhunderte angelegten Sammlungen des Naturhistorischen Museums. „Wir waren von Tod und Schatten umgeben und beinahe zur Gänze in den Tiefen der Geschichte versunken, die uns jetzt gegenwärtiger erschien als das Leben draußen“. Bei seinen tagelangen Studien im Augustiner-Lesesaal glaubte er schon „Arcimboldos aus Büchern bestehender Bibliothekar zu sein, mit einem aufgeschlagenen Buch als Frisur, Staubwedeln als Bart, Lesezeichen als Finger und einem Körper aus Folianten“. In den chaotisch anmutenden Sammlungen der Kunst- und Wunderkammern der Habsburger erkennt er eine schlüssige Grundidee: „Der Erdball selbst mit allem, was ihn bevölkerte, war für Fürsten, Könige und Kaiser, später auch für Wissenschaftler, Apotheker und Ärzte eine Kunst- und Wunderkammer Gottes, die sich in der eigenen Sammlung widerspiegeln sollte“.

Mit Reminiszenzen an Lewis Carroll, Francisco de Goya und natürlich Salvador Dali unternimmt Roth im Wiener Uhrenmuseum eine „Reise in die vierte Dimension“: Die Treppen in diesem „Zeittempel“ nach oben steigend, gelangt er in jeder Etage auf eine neue Zeitebene, in der die Automatenwelt der Uhren „in einem Mikrokosmos das Universum vortäuscht“. So wie die kleine Alice bei Lewis Carroll im Traum einem weißen Kaninchen in dessen Bau folgt und in das unterirdische „Wunderland“ gerät,  lotet Roth die absurden und monströsen Seiten der Welt der Uhren aus und hat selber das Gefühl, in ein weißes Kaninchen verwandelt worden zu sein. Das unendliche Thema Zeit setzt er mit dem Wahn der Wissenschaft angesichts der Praktiken des Gehirnforschers Franz Joseph Gall in Beziehung, der den Zeitsinn im Gehirn zu lokalisieren suchte. Er berichtet von der Uhren-Sammelleidenschaft der Schriftstellerin Marie von Ebner-Eschenbach, die selbst eine ausgebildete Uhrmacherin gewesen war, und seine „Suche nach der verlorenen Zeit“ geht schließlich in einen von vielen „Abschweifungen“ durchsetzten uhrengeschichtlichen und uhrenphilosophischen Exkurs über.

Die Wachsmodelle im Josephinum, dem Museum des Wiener Medizinhistorischen Institutes, stellen „unbeteiligt das anatomische Universum ihrer Körper“ zur Schau. Sie bilden eine einmalige Studiensammlung zur Anatomie des menschlichen Körpers. Es sind Plastiken mit Verfremdungseffekt: Die wunderschöne Frau mit der Perlenkette – die „Mediceische Venus“ - hat eine offene Bauchdecke, und dem malerisch auf dem Bett ruhenden Mann – dem „Lymphgefäßmann“ - fehlt die Haut. Aus den einstmals „kunstvollen Lehrstücken“ sind „lehrreiche Kunststücke“ geworden, die nun auch voyeuristische Bedürfnisse befriedigen konnten. Die Präsentation des Todes  regt Roth zu Exkursen in die „Anatomie als Kunst“, die Ausbildung von Ärzten in der k.u.k. Monarchie und die Wiener medizinische Schule an.

Das Flüchtlingslager Traiskirchen, zwanzig Kilometer von Wien entfernt, ist sicher kein Vorzeigeobjekt für Wien-Besucher. Die meisten Migranten haben sich bis hierher durchgeschlagen, ohne Papiere, mit einer erfundenen Lebensgeschichte, in der Hoffnung, nicht sofort wieder abgeschoben zu werden und leichter in der Illegalität untertauchen zu können. Was Roth hier im authentischen Reportagestil zu berichten weiß, gehört zu den schrecklichsten Kapiteln des Buches, schrecklicher als die Geschichten von Mord und Totschlag aus dem Gerichtsmedizinischen Museum. Den Epilog bildet der Besuch auf dem Zentralfriedhof, dem „riesigen Totenreich“, von dem es heißt, dass er „ein Mikrokosmos, ein Totenbuch“ sei, „in dem wir lesen können, solange es noch eine Zeit gibt“.

Roths Kapitel sind in der Regel Sachtexte, die zu phantastischen Gedankenspielen ausufern, künstliche Realitäten mit short story-Charakter, ohne epische Ausgestaltung. Seine Real- und Traumwelten bewegen sich bisweilen am Rande des Alptraums. Die Zeit ist für ihn nicht linear, sondern vielfach verflochten, er hält sie einfach an und trägt, Geschichte auf Geschichte erzählend, Schicht für Schicht der Geschichte ab und dringt so bis zu den Tiefen und Untiefen des Körpers der Weltmetropole, der Wiener „Seele“ vor. Roths Buch „Eine Reise in das Innere von Wien“ (1991), der siebente Band der „Archive des Schweigens“, ist bereits als ein Reiseführer durch die Abgründe der österreichischen Seele bezeichnet worden. „Die Stadt“ setzt das fort – parabelartig können die von Roth aufgesuchten Orte und Institutionen als Bild für das Universum Wien gelesen werden – als universelles Archiv.

Es ist fast unmöglich, dem Erzähl-, Geschichten- und Bilderstrom, der immer wieder durch die verschiedensten Einschübe und „Intermezzi“ unterbrochen wird, kontinuierlich zu folgen. Die fortschreitende Lektüre führt zu einem zunehmenden Orientierungsverlust. Roth versteht ja das Schreiben als „Verbrechen-Aufdecken, das hinter und in der Sprache liegt, ein In-das-Innere-der-Sprache-Schauen“. Damit wird sein „Generalthema“ angeschlagen: Das Thema des „offen daliegenden Wahnsinns der österreichischen Geschichte und des versteckten des österreichischen Alltags“. Roth geht vom pathologischen und kriminellen Charakter der österreichischen Geschichte aus und bedient sich der Verdrängungspsychologie Freuds als Methode, um nachzuforschen, was in der Geschichte ausgespart wird – bewusst oder unbewusst. Der eigentlich Schizophrene ist nicht der Patient, sondern der Arzt, der die Kunst des Vergessens, Verdrängens, der Verstellung und Anpassung glänzend beherrscht. Wer dagegen irre an der Gesellschaft wird und an ihr zerbricht, das sind die Gescheiterten, Asylierten und Verrückten in den Anstalten. Wahnsinn und Wahrheit liegen nach Roth in Wirklichkeit dicht beieinander und sind nur schwer voneinander zu trennen.

Mit den Schichten der Geschichte will Roth auch die psychischen Tiefenschichten freilegen, auf denen der Körper und die Seele Wiens beruht. Mal benutzt er das Mikroskop, mal das Fernglas, mal die Zeitlupe und mal den Zeitraffer, wechselt zwischen Mikro- und Makrostruktur, vermischt Sichtbares und Unsichtbares, Wirklichkeit und Wahn, Alltägliches und Visionäres. Die oft nur im Geist bzw. in der Enzyklopädie existierende Welt ist für Roth ein unendliches Experimentierfeld für alle nur denkbaren Spekulationen und Häresien, Kombinationen, Kommentare und Variationen. Mitunter glaubt man als Leser einfach nicht genügend Einbildungskraft zu haben, um dem zeitreisenden Verfasser in all seinen Gängen, Assoziationen und Konstruktionen, in sein Labyrinth von Innen- und Außenspiegeln folgen zu können. Roths „Die Stadt“ ist etwas für Kenner der in Wien – in der Heimat der Psychoanalyse – entstandenen Werke, die die Verbindung von Traum und Realität als selbstverständlich hinnehmen. Der normale Wien-Besucher sollte dagegen doch eher einen der üblichen Reiseführer – und höchstens zusätzlich den Roth – in die Tasche stecken.

 

Literaturangabe:

ROTH, GERHARD: Die Stadt. Entdeckungen im Inneren von Wien. S. Fischer Verlag Frankfurt am Main 2009. 550 Seiten. 20,95 €.

Weblink: S. Fischer Verlag

 

 

 


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