MÜNCHEN (BLK) – Im September 2008 erscheinen die biografischen Erinnerungen zu „Marion Gräfin Dönhoff“, herausgegeben von Dieter Buhl, im btb Verlag.
Klappentext: Ein Leben wie ein Meisterwerk: Gräfin Dönhoff, die in der Tradition des ostpreußischen Adels aufwuchs, wurde nach ihrer Flucht in den Westen zur bewunderten Journalistin und moralischen Instanz. Dieter Buhl befragte Freunde, Verwandte und Weggefährten, wie sie Marion Dönhoff heute sehen. Die hier gesammelten, teils sehr persönlichen Erinnerungen lassen das Bild einer außergewöhnlichen Frau aufleben, die sich selbst und ihren Idealen immer treu geblieben ist und vielen ein Vorbild war.
Dieter Buhl war über dreißig Jahre lang politischer Redakteur der Wochenzeitung „Die Zeit“. Der renommierte Journalist war Stipendiat des amerikanischen World Press Institute und wurde mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. (vol)
Leseprobe:
© btb ©
Vorwort
Wir nannten sie „Gräfin“. Als Huldigung im ursprünglichen Sinne war das nicht gemeint. Auch nur ein Anflug von Unterwerfung hätte nicht gepasst zu einer Redaktion, die auf republikanische bis sanft anarchische Gesinnung hielt. Die Anrede sollte vielmehr Respekt bekunden für eine Kollegin, auf die wir stolz waren. Dankbarkeit schwang ebenfalls mit, denn viele von uns waren überzeugt, dass die Zeit die schwierigen Jahre ihrer Adoleszenz ohne Marion Dönhoff in einer entscheidenden Rolle nicht überstanden hätte.
Seit März 2002 muss das Blatt auf die prägende Anwesenheit der Gräfin verzichten. Wie sich zeigt, hat dieser Verlust nicht die Ein bußen an Ansehen und Auflage zur Folge, die manche befürchtet hatten. Die Zeit erringt neue Erfolge, die das Schreckenswort von der Zeitungskrise zumindest am Hamburger Speersort als Schimäre erscheinen lassen. Und dennoch fehlt Marion Dönhoff. Vor allem fehlt sie denen, die über Jahrzehnte mit ihr zusammengearbeitet, mit ihr gestritten oder bei ihr Rat gesucht haben. Sie wird vermisst, weil sie Maßstäbe für Unabhängigkeit und Pflichterfüllung setzte, und weil allein ihre Präsenz Ermutigung bedeutete. Ihre Persönlichkeit stand ohnehin für einen großen Teil ihrer Wirkung. Sosehr sie sich als Autorin einen Namen gemacht hatte, letztlich beeindruckte sie vor allem durch ihr Da-Sein. Zurückhaltend und doch bestimmend, bescheiden und doch anspruchsvoll, engagiert und doch tolerant, freundlich und doch auf Abstand bedacht – Gegensätze wie diese bündelten sich zu Marion Dönhoffs Ausstrahlung und Autorität. Weder ihre Artikel in der Zeit noch ihre Bücher allein können das vielschichtige Bild der Gräfin konservieren ; sie mögen jedoch die Legende bewahren, zu der sie im Gedenken ihrer weiterhin beachtlichen Verehrergemeinde längst geworden ist. Wer aber Marion Dönhoffs Unverwechselbarkeit wirklich ermessen wollte, der musste sie schon unmittelbar erleben. Weil das nicht mehr möglich ist, kam die Idee ihres Herausgeber-Kollegen Helmut Schmidt zur rechten Zeit. Er regte an, Menschen, die ihr nahegestanden haben, nach ihren Erinnerungen an Marion Dönhoff zu befragen. Noch waren die Gedanken an sie lebendig, noch sahen sich die meisten ihrer Altersgenossen in der Lage, Auskunft zu geben. Mit Unterstützung der ZEIT-Stiftung Ebelin und Gerd Bucerius und der Marion Dönhoff Stiftung habe ich schließlich zwischen Januar 2004 und März 2005 (ein Interview fand im April 2006 statt) über vierzig Familienangehörige, Freunde, Kollegen und Weggefährten auf drei Kontinenten befragen können.
Das Ergebnis ist keine Hagiografie. Wie hätte auch ein Heiligenschein überzeugen sollen bei einer Frau, die zweiundneunzig Jahre lang gelebt hat, die Irrtümern erlag und Fehler beging. Dennoch müssten die Interviews im Einzelnen wie in ihrer Summe erklären können, was Marion Dönhoff ausmachte und wodurch sie sich auszeichnete.
Ihr „erstes Leben“ in Ostpreußen hat gewiss zum Interesse an ihrer Person beigetragen, weil es vom Glanz des Feudalen durchwirkt und von der Tragik des Verlustes umflort war. Freundinnen aus jener Zeit erinnern sich an die Comtesse und die Gutsherrin, die gelegentlich durchaus auch aus dem noblen Rahmen fallen konnte. Dass sich ihr Verhalten im Privaten nicht völlig von dem im Beruf unterschied, bestätigen mit manchen Anekdoten Verwandte und Jugendfreunde. Der Journalismus bestimmte Marion Dönhoffs „zweites Leben“, und die Zeit nannte sie ihre (neue) „Heimat“. Diejenigen, die in den Anfangsjahren des Blattes dabei waren, erklären, warum sich schon damals der Beginn einer großen Karriere abzeichnete. Die Klarheit der Aussagen, der moralische Anspruch, den sie erhoben, und das nimmermüde Interesse an den politischen Dingen haben den Ruf der Journalistin bis zu ihrem Lebensende untermauert.
Das Lob für diese Leistung spiegeln alle Gespräche wider. Die Bedeutung ihres journalistischen Engagements wird besonders deutlich in den Erinnerungen von Kollegen und Informanten aus Ländern wie Polen oder Südafrika, denen ihre ausdauernde Aufmerksamkeit galt.
Ihre Nähe zu den Widerstandskämpfern vom 20. Juli 1944 hat ihren Nimbus zusätzlich verstärkt. Einige der Befragten aus ihrer Generation haben sich zu diesem Thema geäußert. Sie bescheinigen ihr Abscheu gegenüber den Nationalsozialisten und Mut. Der Umstand, dass zwei ihrer drei Brüder (der älteste war 1942 bei einem Flugzeugabsturz umgekommen) Mitglieder der NSDAP gewesen sind, den der Historiker Stephan Malinowski in einem Spiegel-Interview vom 12. Juli 2004 publik machte, war mir bis dahin nicht bekannt. Weil ich zu jenem Zeitpunkt die meisten meiner Gespräche bereits geführt hatte, konnte ich nur noch wenige Freunde dazu befragen. Wie gründlich Marion Dönhoff Teile ihrer privaten Sphäre abzuschirmen wusste, zeigte sich besonders, wenn es um ihre Familie ging. Dann bewies sie ausgeprägte Beschützerinstinkte und neigte offenbar zu selektiver Offenheit. Geheimnisse – welche Rolle spielte die Liebe in ihrem Leben? – trugen nicht wenig zu ihrer Aura bei. Hinzu kam ein preußischer Charme aus Disziplin, Bescheidenheit und Haltung, der sie ebenso unverwechselbar wie eindrucksvoll werden ließ. Es kann deshalb nicht verwundern, wenn Persönlichkeiten wie Richard von Weizsäcker, Hildegard Hamm-Brücher, Henry Kissinger, Helmut Schmidt, Mieczys³aw Rakowski, Fritz Stern, Antje Vollmer oder Hans-Jochen Vogel ihre Verehrung, mitunter gar ihre Liebe bekunden.
„Ihr standen Türen in der ganzen Welt offen“, sagte einer der Gesprächspartner. Das ist nicht übertrieben, denn die Gräfin genoss nicht nur überall Entree, sie hatte weltweit auch viele Freunde. Nicht alle von ihnen, die ich interviewt habe, können in diesem Buch zu Wort kommen, wofür ich herzlich um Verständnis bitte. Um Marion Dönhoffs persönlicher Entwicklung zu folgen, haben wir die Interviews nach den Aussagen über ihre jeweiligen Lebens abschnitte oder Arbeitsschwerpunkte geordnet.
Mir bleibt zu bilanzieren, dass jedes der Gespräche neue Ein blicke oder überraschende Erkenntnisse bescherte. Es war eine berührende Aufgabe, den Spuren der Frau zu folgen, mit der ich zweiunddreißig Jahre zusammenarbeiten konnte. Die „Gräfin“ stand auf einmal wieder vor mir, wie ich sie gekannt hatte: aufgeschlossen, meinungsstark und furchtlos, anziehend, eigensinnig und „von strenger Güte“. Ähnlich erging es den Freunden und Weggefährten. Sie ließen Begebenheiten und Eindrücke aus vielen Jahrzehnten aufleben – zum Erinnerungsbild einer beeindruckenden Frau.
Dieter Buhl, Mai 2006
© btb ©
Literaturangaben:
BUHL, DIETER: Marion Gräfin Dönhoff: Wie Freunde und Weggefährten sie erlebten. btb, München 2008. 416 S., 10 €.
Verlag