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Dinosaurier auf Diät – Rammstedt gewinnt kürzeren Bachmann-Wettbewerb

Von einem Altbauern mit schwulem Sohn über eine Art Osteuropa-Reportage bis zu einem neugierigen Zimmermädchen spannte sich der Themenbogen der Texte

© Die Berliner Literaturkritik, 30.06.08

 

Von Miriam Bandar

WIEN (BLK) – Mit seiner traurig-komischen Familiengeschichte überzeugte der deutsche Autor Tilman Rammstedt im österreichischen Klagenfurt gleich doppelt. Die Jury kürte den in Berlin lebenden Schriftsteller zum Gewinner des 32. Ingeborg-Bachmann-Preises, der mit 25.000 Euro dotiert ist. Unabhängig davon sprachen ihm seine Zuhörer in einer Internet-Abstimmung auch den Publikumspreis (6000 Euro) des wichtigsten Vorlesewettbewerbs der deutschsprachigen Literaturszene zu. Zuletzt gelang dieser Doppelsieg 2006 Kathrin Passig.

Der bisher unveröffentlichte Auszug aus seinem Roman „Der Kaiser von China“ nahm die Jury mit Brillanz und Komik für sich ein. In dem Text berichtet ein Ich-Erzähler von seiner schwierigen Beziehung zu seinem Großvater, mit dem er eigentlich nach China fahren wollte, der dann aber alleine die längste Reise seines Lebens in den Tod antritt. Rammstedt beherrsche in seinem tragisch-komischen Werk die große und nicht häufige Kunst der literarischen Leichtigkeit, lobte Jurymitglied Ursula März bei der Preisverleihung am Samstagabend (28. Juni 2008).

Erst nach mehreren Abstimmungs-Durchgängen stand der Deutsche als Literatur-Sieger fest. Anders als bisher konnte die Jury unter dem Vorsitz des deutschen Autors und Literaturwissenschaftlers Burkhard Spinnen nicht noch einmal über ihre Eindrücke schlafen: Der etablierte und von 3sat tagelang live übertragene Literatur-Marathon wurde 2008 deutlich gekürzt.

Nach nur zwei Tagen mit Lesungen und Diskussionen mussten sich die Fachleute bereits am Samstagabend (28. Juni 2008) für einen Preisträger entscheiden. „Dem Dinosaurier unter den Fernsehformaten wurde jetzt eine Verschlankungskur verpasst, in der Hoffnung es werde ein wendigeres Tier daraus“, sagte Spinnen in seiner Abschiedsrede. Zuvor hatte es Kritik an den Einschnitten gegeben, doch Spinnen gab sich diplomatisch. Dem Spruch folgend „Nur wer sich ändert, bleibt sich treu“ könne man nun herausfinden, was man noch und was auf keinen Fall ändern dürfe. Statt wie im Vorjahr 18 traten diesmal nur 14 Teilnehmer an. Als Nachfolger von Ernst A. Grandits war der Moderator und Schauspieler Dieter Moor ein deutlich präsenterer Gastgeber.

Von einem Altbauern mit schwulem Sohn über eine Art Osteuropa-Reportage bis zu einem neugierigen Zimmermädchen spannte sich der Themenbogen der Texte. Häufig ging es um Beziehungs- oder Familiengeschichten. Einige Vorleser stießen mit ihren Werken auf herbe Kritik, andere standen schnell als mögliche Favoriten fest. Der in Karlsruhe lebende Schriftsteller Markus Orths erhielt den mit 10.000 Euro dotierten Telekom Austria Preis für seinen Romanauszug „Das Zimmermädchen“. Der Berliner Patrick Findeis gewann den mit 7500 Euro dotierten 3sat-Preis für „Kein schöner Land“ und der Österreicher Clemens J. Setz wurde mit dem Ernst-Willner-Preis im Wert von 7000 Euro für „Die Waage“ ausgezeichnet.

Obwohl in diesem Jahr mit sieben Frauen der weibliche Anteil unter den Teilnehmern höher als 2007 war, blieben alle ohne Preis. Zwölf der Autoren waren Deutsche, zwei kamen aus Österreich und einer aus der Schweiz. Der Bachmann-Preis gilt seit seiner Gründung 1977 als einer der wichtigsten Literaturpreise im deutschsprachigen Raum. Er ist nach der im österreichischen Klagenfurt geborenen Dichterin Ingeborg Bachmann (1923-1973) benannt.

Lange waren auch absolute Literatur-Neulinge unter den Vorlesern, doch in den vergangenen Jahren traten dann hauptsächlich Autoren an, die bereits einige Texte veröffentlicht oder Auszeichnungen bekommen hatten. „Dichter und Denker sind sich über Epochen hinweg einig, unabhängig von der Weltanschauung: Aller Anfang ist schwer, aber hat man ihn vollbracht, ist der Rest reine Beharrlichkeit“, gab der deutsch-bulgarische Schriftsteller Ilija Trojanow dem Nachwuchs in seiner Eröffnungsrede mit auf den Weg.

 

Die bisherigen Preisträger des Ingeborg-Bachmann-Wettbewerbs

WIEN (BLK) – Der Wettbewerb um den Ingeborg-Bachmann-Preis im österreichischen Klagenfurt gilt seit seiner Gründung 1977 als eine der wichtigsten literarischen Auszeichnungen im deutschsprachigen Raum. Die bisherigen Preisträger waren:

2008 – Tilman Rammstedt

2007 – Lutz Seiler

2006 – Katrin Passig

2005 – Thomas Lang

2004 – Uwe Tellkamp

2003 – Inka Parei

2002 – Peter Glaser

2001 – Michael Lentz

2000 – Georg Klein

1999 – Terezia Mora

1998 – Sibylle Lewitscharoff

1997 – Norbert Niemann

1996 – Jan Peter Bremer

1995 – Franzobel

1994 – Reto Hänny

1993 – Kurt Drawert

1992 – Alissa Walser

1991 – Emine Sevgi Özdamar

1990 – Birgit Vanderbeke

1989 – Wolfgang Hilbig

1988 – Angela Krauß

1987 – Uwe Saeger

1986 – Katja Lange-Müller

1985 – Hermann Burger

1984 – Erica Pedretti

1983 – Friederike Roth

1982 – Jürg Amann

1981 – Urs Jaeggi

1980 – Sten Nadolny

1979 – Gert Hofmann

1978 – Ulrich Plenzdorf

1977 – Gert Jonke

(dpa/wip)


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