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Hilde Domin zum 100. Geburtstag

Einblicke in Emotionen der Lyrikerin Hilde Domin

© Die Berliner Literaturkritik, 27.07.09

Von Marion van der Kraats

HEIDELBERG (BLK) – „So lange man noch Neugierde in sich hat und staunen kann, ist das Alter egal.“ Ihrem Leitspruch ist die Lyrikerin Hilde Domin bis zu ihrem Lebensende 2006 treu geblieben. Voller Tatendrang arbeitete die vielfache Literaturpreisträgerin noch mit 95 Jahren an Erinnerungen ihrer frühen Kindheit und hielt bis zum Schluss bundesweit Lesungen. Zu ihrem 100. Geburtstag an diesem Montag (27. Juli) ermöglicht ihr Nachlass emotionale Einblicke in das Leben der Wahl-Heidelbergerin, deren mädchenhaft Jugendlichkeit und Lebenslust noch heute auf Fotos besticht.

Der S. Fischer Verlag hat zu dem Jubiläum neben einem neuen Gedichtband leidenschaftliche Briefe der Dichterin an ihren Ehemann Erwin Walter Palm veröffentlicht. Unter dem Titel „Die Liebe im Exil“ gibt der Schriftwechsel Einblicke in die bewegten Jahre auf der Flucht vor dem Nazi-Regime in Deutschland und liefert anrührende Zeugnisse von Heimatlosigkeit und Verlassenheit.

Auch die Biografie „Dass ich sein kann, wie ich bin“ von Marion Tauschwitz, die im Palmyra Verlag erscheint, liefert Einblicke in die unkonventionelle und konfliktreiche Ehe mit dem Kunsthistoriker. Die Heidelberger Autorin — in den letzten Jahren eine enge Vertraute Domins — stützt sich dabei auf bislang unveröffentlichten Quellen und die erstmalige Auswertung von über tausend Briefen aus dem Deutschen Literaturarchiv in Marbach.

Engagiert und streitbar“ sei die Dichterin gewesen, erinnert sich Heidelbergs frühere Oberbürgermeisterin Beate Weber (SPD) in ihrem Vorwort zu der Biografie. Sie habe sich kraftvoll eingemischt und energisch ihre Stimme erhoben. „Unsere Kultur braucht Dichterinnen wie Hilde Domin, die mit ihren Worten berühren und bewegen, weil die Worte von ihrer Wahrhaftigkeit leben“, so Weber.

Heidelberg war seit 1961 Wahlheimat der gebürtigen Kölnerin jüdischer Herkunft. Die Universitätsstadt dankte es ihr und ernannte sie 2004 zur Ehrenbürgerin. Zu ihrem 80. Geburtstag erhielt Domin als erste Autorin den Preis „Literatur im Exil“, der nach ihrem Tod ihr zu Ehren umbenannt wurde (Hilde-Domin-Preis für Literatur im Exil) und alle drei Jahre vergeben wird. „Sie hat das kulturelle Leben der Stadt unendlich bereichert“, sagt Heidelbergs Oberbürgermeister Eckart Würzner (parteilos). Zu Ehren der Schriftstellerin lädt die Stadt an ihrem Geburtstag zu einem Festakt ein.

Hilde Domin, die zunächst Jura, später Nationalökonomische Theorie, Soziologie und Philosophie studierte, floh während der Nazi- Diktatur mit ihrem Ehemann um die halbe Welt. Während des Exils in Italien, Großbritannien, der Dominikanischen Republik und den USA arbeitete Domin als Übersetzerin, Fotografin und Dozentin. Mitte der 50er Jahre kehrte sie nach Deutschland zurück, als ihr Mann einen Lehrstuhl an der Heidelberger Universität annahm.

Ihr erstes Gedicht schrieb sie 1951 in Santo Domingo, der Hauptstadt der Dominikanischen Republik. In Anlehnung an den Namen der Stadt änderte sie ihren Namen von Palm in Domin. Innerhalb von zwei Jahren folgten 200 weitere Gedichte. Die Sehnsucht nach der Heimat wurde zum tragenden Motiv ihrer einfühlsamen Lyrik.

1968 veröffentlichte Domin ihren autobiografisch angelegten Roman «Das zweite Paradies», der ihre Erfahrungen im Exil widerspiegelt. Es folgten weitere Gedichte und wichtige Abhandlungen über Lyrik. Ihre Werke wurden in mehr als 20 Sprachen übersetzt und mit zahlreichen Literaturpreisen geehrt. Unter anderem wurde Domin mit dem Großen Bundesverdienstkreuz ausgezeichnet.

Schreiben und Lesungen halten — das war das Lebenselixier für die Dichterin. „Es ist für mich eine Freude und keine Arbeit, dass ich diese Lesungen halten kann“, versicherte die Schriftstellerin immer wieder. Auf ihr Alter angesprochen zu werden, war ihr fast unangenehm. „Für mich ist man entweder präsent oder man ist nicht präsent — dann ist es egal, ob man 70 oder 90 Jahre alt ist“, betonte sie mehrfach.


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