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Donata Riggs „Weiße Sonntage“

Möglichkeiten des Daseins zwischen Provinz und Großstadt

© Die Berliner Literaturkritik, 22.06.11

RIGG, DONATA: Weiße Sonntage, Mairisch, Hamburg 2010, 144 S., 16,90 €.

Von Sandra Fluhrer

Eine aussagekräftige Inhaltsangabe für Donata Riggs Debüt Weiße Sonntage zu versuchen, führte ins Leere. Riggs Roman will nicht im eigentlichen Sinne eine Geschichte erzählen; vielmehr lotet Weiße Sonntage die Abgründe der menschlichen Psyche aus, sucht nach Möglichkeiten des Daseins, wo dieses längst ad absurdum geführt wurde. Dass es Rigg gelingt, dies in einem, wenn auch löchrigem und zerfaserndem, narrativen Netz zu tun, ist eine der großen Stärken ihres Romans. Das Fragmentarische, das zwanghaft Repetitive und das absurd Schicksalhafte, zeigt Rigg, gefährden Sinn und Sein des Menschen und sind doch gleichzeitig sein letzter Halt.

Mit dichten Worten, die mal harsch auseinanderspritzen, mal rosenkranzartig verwebt sind, erzählt Rigg vom Suchen nach einer Existenz zwischen der täuschenden Leichtigkeit des Berliner Großstadtlebens und der selbstmörderischen Öde süddeutscher Provinz. Die Erzählfäden spinnen sich um die 31-jährige Ich-Erzählerin Maria, die der Selbstmord ihrer psychisch kranken Zwillingsschwester Martha zurück in ihren Heimatort führt. Gemeinsam mit ihrem Freund Albert rekonstruiert Maria Bruchstücke des Lebens der Schwester und ihres eigenen Lebens, das dem der fünf Minuten früher Geborenen nur scheinbar entgegengesetzt verläuft.

Im fernen Berlin versucht Maria vor dem Tod der Schwester, sich die nötige Distanz zu Marthas Abgründen zu schaffen, nimmt das Telefon nicht mehr ab, versucht ein eigenes Leben. Als sich die Konstitution Marthas zunehmend verschlechtert, gelingt Maria das Entziehen von der hassgeliebten Schwester, vom Heimatdorf, den Erinnerungen, den eigenen psychischen Abgründen jedoch zunehmend weniger. Das vermeintlich so freie und leichte Berlin verschwimmt mit der Provinz. Marias Hilfe für die Schwester wird zur qualvollen Reise zu einem Teil ihres Selbst, vor dem sie sich durch Flucht zu schützen gesucht hatte; die inzestuöse Liebe zur Schwester besitzt eine Schmerzhaftigkeit, die die distanzierte Liaison mit Albert immer weiter verblassen lässt.

Das Dorf ist für die Geschichte einerseits räumlicher Ausgangspunkt und Schauplatz und verweist andererseits auf ein literaturgeschichtliches Paradigma – eine Metapher, die auf dem Abgründigen im Heimatroman gründet, auf der sumpfig-morbiden Dichte in Provinzerzählungen von Büchners Lenz bis Thomas Bernhard oder Josef Winkler. Es genügt Rigg daher, die Landschaft lose abzustecken: Die Provinz ist Alkohol, Katholizismus, Geschnetzeltes, ist ewiger Sonntag, ist das Ins-Holz-Hinausgehen der Selbstmörder.

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Die Thematik, um die Rigg ihren Roman kreisen lässt, ist daher nicht neu, doch spricht aus Riggs Roman eine eindrückliche Stimme, wie sie in der zeitgenössischen deutschsprachigen Literatur selten zu hören ist. Immer wieder hinterlassen Riggs Worte beim Leser Beklemmung und einen urwüchsigen Schmerz, dennoch entsteht am Ende des Romans ein Hauch von Hoffnung, auf eine Möglichkeit zu existieren, die durch die vorangegangene Schilderung des Schmerzes umso realer wird.

Der jungen Hamburger Autorin Donata Rigg ist mit Weiße Sonntage ein hervorragendes Debüt gelungen. Der Mairisch Verlag, der bei der Gestaltung des schmalen Buches höchste ästhetische Sorgfalt walten ließ, hat eine große Entdeckung gemacht.


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