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„Du sollst nicht lügen!“

Jürgen Schmieder im Selbstversuch 40 Tage lang nicht zu lügen

© Die Berliner Literaturkritik, 07.04.10

MÜNCHEN (BLK) – Im März 2010 ist Jürgen Schmieders Buch „Du sollst nicht lügen!“ im C. Bertelsmann Verlag erschienen.

Klappentext: Lügen haben kurze Beine. Wenn dieser Kindheitsspruch stimmen würde, liefen wir auf Stummelbeinen durch die Welt. Denn wir lügen, sagt die Wissenschaft, bis zu 200-mal – am Tag. Aus Höflichkeit, aus Diplomatie oder weil es einfacher ist. Jürgen Schmieder sagt in einem Selbstversuch vierzig Tage lang nichts als die Wahrheit. Das Ergebnis: blaue Flecken, Nächte auf der Couch, diverse Beleidigungen, ein verlorener Freund. Manchmal fühlt er sich befreit und mutig, manchmal deprimiert und verunsichert. Privat („Findest du meinen Hintern fett?“) und beruflich („Mach doch deinen Scheiß alleine!“) gerät er in ungemütliche, aber auch witzig-erhellende Situationen.

Jürgen Schmieder, Jahrgang 1979, ist Redakteur für sueddeutsche.de sowie Reporter und Autor für die Süddeutsche Zeitung. Er schreibt regelmäßig über Sport und ist Autor verschiedener erfolgreicher Kolumnen, u.a. „Mein Bauch gehört mir“ (auch als Buch in der Süddeutschen Zeitung Edition erschienen).

 

Leseprobe:

© C. Bertelsmann ©

 

Soll ich sie eine beschissene Schlampe nennen? Oder eine verdammte Schnepfe? Oder reicht blöde Kuh? Ich weiß es nicht.

Es ist mein erstes Mal - und ich will beim ersten Mal keinen Fehler machen. Niemand will beim ersten Mal einen Fehler machen, obwohl jedes erste Mal im Nachhinein betrachtet eines der unwichtigsten Ereignisse im Leben eines Menschen ist, aber das weiß man ja vorher nicht, weshalb ein erstes Mal mindestens so geplant sein muss wie der Start einer Rakete oder das Weihnachtsessen bei meinen Eltern.

Sie müssen überlegt sein, diese Worte, die ich gleich aussprechen werde, sie müssen ins Schwarze treffen, einen Fehlschuss darf ich mir nicht erlauben - und diese drei erwähnten Beleidigungen kommen mir als Erstes in den Sinn. Meine Kinderstube taugt zwar nicht als Vorbild für ein Kinderbenimmbuch, verbietet mir aber dennoch den übermäßigen Gebrauch von Schimpfwörtern und Beleidigungen. Meine Eltern haben mir in den wenigen Momenten, in denen ich ihnen erlaubt habe, mich tatsächlich zu erziehen, beigebracht, von den etwa 300 Schimpfwörtern, die mir täglich durch den Kopf gehen, höchstens 15 auszusprechen, und davon höchstens fünf für andere Menschen hörbar.

Meine Erziehung ist mir jetzt allerdings egal, denn es geht um höhere Ziele.

 

Es ist Aschermittwoch. In der Empfangshalle des Münchner Bahnhofs riecht es nach verschüttetem Alkohol, halb und rückwärts verdauten Cheeseburgern. Der Boden ist klebrig, jeder Schritt hört sich an, als würde man einen Klettverschluss öffnen. Ich muss daran denken, wann der Boden wohl das letzte Mal gewischt wurde und wie viele Keime bei jedem Schritt am Schuh kleben bleiben und so in meine Wohnung gelangen und dort eine lustige Kommune starten, weil ich zu faul bin, die Zimmer zu putzen. Überall liegen Luftschlangen und Bierflaschen und Cheeseburger-Papier. Hin und wieder rülpst einer. Ich frage mich immer, warum Menschen in Großstädten einfach alles auf den Boden werfen. Sie schnippen Zigaretten auf die Straße, sie lassen benutzte Papiertüten einfach fallen, und aus ihren CO2-reduzierten Autos werfen sie so ziemlich alles, was durch das halb geöffnete Fenster passt - was ziemlich viel sein kann, wenn man gut genug knüllen kann. Vielleicht glauben die Menschen in Metropolen, dass es schon irgendjemand wegräumen wird, wenn schon so viele Leute da sind. Da, wo ich herkomme, in einem kleinen Städtchen zwei Stunden nördlich von München, liegt jedenfalls nicht so viel Müll auf der Straße. Vielleicht haben die Menschen dort nicht so viele Sachen zum Auf-die-Straße-Werfen, oder es gibt einen anderen Grund dafür.

Ich bin an diesem Morgen in der U-Bahn neun verkleideten Personen begegnet, von denen mindestens sieben stolz auf einen Fahr- und Gehuntüchtigkeit bewirkenden Promillegehalt sein konnten. Drei hielten sich aneinander fest und veranstalteten ein menschliches Extrem-Jenga. Bei jedem Halt stieß es einen der drei auf, als würde man einem Säugling auf den Rücken klopfen. Die anderen beiden fanden das lustig und applaudierten. Zwei der Betrunkenen knutschten wild miteinander. Ich habe grundsätzlich nichts gegen betrunkene Menschen, die sich einander festhalten und miteinander knutschen, aber an diesem Morgen muss ich meinem Gehirn doch 30 Sekunden Zeit geben, um wieder mit den Augen auf einer Wellenlänge zu sein. Ich meine, auf so etwas ist der verheiratete Endzwanziger nicht vorbereitet an einem Aschermittwoch.

Nun stehe ich in der Schlange vor dem Ticketschalter, für dessen Dienste die Deutsche Bahn tatsächlich einmal 2,50 Euro Schalter-Service-Gebühr verlangen wollte, um die Kunden dazu zu zwingen, beim Fahrkartenkauf lieber mit einer Maschine als mit einem anderen Menschen zu kommunizieren - und dann sämtliche Schalterangestellte entlassen zu können, weil so ein Automat natürlich weniger kostet als ein Mensch. Meiner Meinung nach diente diese Aktion eher dazu, Kulturpessimisten und jenen, die behaupten, dass früher sogar die Zukunft besser war, weitere Argumente für ihre Haltung zu liefern. Erst als die Bürger heftig protestierten und Angela Merkel höchstselbst beim damaligen Bahnchef Hartmut Mehdorn anrief, nahm die Bahn den unsinnigsten Aufpreis seit dem Topzuschlag für ein Spiel gegen Schalke 04 zurück.

Ich stehe in der Schlange, weil zwei Automaten defekt sind und an den anderen noch mehr Menschen anstehen als an den Schaltern - außerdem tippen die noch verwirrt auf dem Touchscreen herum, weil die Bahn zur Umsatzsteigerung durch die geplante Schalter-Service-Gebühr die Automaten bedienerunfreundlich programmiert hat. Und natürlich tue ich das auch deshalb, um die erwähnten Pessimisten, die jeden Computer und das Internet als Vorstufe zur Hölle betrachten, in ihrer Auffassung zu bestätigen.

Ich bin im Hauptbahnhof, weil mich mein Arbeitgeber nach Stuttgart schickt und bei Reisen auf öffentliche Verkehrsmittel setzt, was weniger mit Umweltschutz zu tun hat als vielmehr mit den Einsparmöglichkeiten durch das Bahn-Dauer-Spezial. Die Angestellten bekommen keine Bahncard, weil eine Bahncard ja zum Reisen animiert - und eigentlich soll ja nur im Notfall gereist werden. Also bin ich gezwungen, bereits um diese Uhrzeit am Bahnhof zu stehen, auch wenn ich nicht vor 18 Uhr in Stuttgart sein müsste. Ich möchte das Dauer-Spezial für 19 oder 29 Euro. Ohne Bahncard.

Es ist sechs Uhr morgens, was meine physischen und psychischen Fähigkeiten deutlich einschränkt, weil ich zum Leistungssternzeichen Hamster gehöre und meine besten und hellsten Momente nachts habe. Ich stehe am Anfang der Schlange und verlange das Dauer-Spezial nach Stuttgart. „Warten Sie einen Moment“, sagt die Frau am Schalter. Ich warte einen Moment. Sie hämmert auf die Tastatur ein, wie sonst nur das Bodenpersonal der Lufthansa auf Tastaturen einhämmert. Ich denke kurz daran, wie rasch eine Umschulung von Bahn auf Bodenpersonal möglich wäre, da antwortet sie: „Dauer-Spezial ist ausgebucht.“ Ich kann nicht behaupten, dass ich sauer wäre. Vielmehr bin ich ernüchtert - als würde einem jemand erzählen, dass es auf der Geburtstagsparty regnen würde.

„Was kann ich sonst machen?“ – „Warten Sie einen Moment.“ Ich warte einen Moment. Sie hämmert auf die Tastatur ein. Ich bewundere kurz ihre Turmfrisur, bei der die Haare dreimal um den Kopf geschlungen und schließlich mit einer goldenen, tellergroßen Schmetterlingsspange festgezurrt sind. Ich bewundere die Frisur, weil ich mir zum einen kaum erklären kann, wie man einem Friseur beschreibt, was man gerne haben möchte.

 

© C. Bertelsmann ©

Literaturangabe:

SCHMIEDER, JÜRGEN: Du sollst nicht lügen! Von einem, der auszog, ehrlich zu sein. C. Bertelsmann, München 2010. 336 S., 14,95 €.

Weblink:

C. Bertelsmann


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