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Eifersucht

Die minutiöse Darstellung des Seelenlebens einer betrogenen Frau

© Die Berliner Literaturkritik, 01.03.10

MÜNCHEN (BLK) – Der Carl Hanser Verlag hat im Februar 2010 das Buch „Eifersucht“ von Cathérine Millet veröffentlicht. Es wurde von Vagt Sigrid aus dem Französischen übersetzt.

Klappentext: Ein Briefumschlag auf dem Schreibtisch ihres Mannes, darin ein eindeutiges Foto einer nackten Schwangeren: Catherine Millets Leben ändert sich schlagartig. Systematisch sucht die Betrogene nach weiteren Beweisen für Jacques’ Untreue. Ihre Eifersucht wird umso qualvoller, je mehr sie in Erfahrung bringt, und schließlich stürzt sie in eine tiefe Krise, deren einziger Ausweg die Erkundung des eigenen Ichs wird. Sieben Jahre nach ihrem Skandalerfolg „Das sexuelle Leben der Catherine M.“ beschreibt die Autorin aus Frankreich nun die andere Seite der Liebe. Ihr Buch ist die minutiöse Darstellung des Seelenlebens einer betrogenen Frau und zugleich eine zutiefst bewegende Liebesgeschichte.

Catherine Millet wurde 1948 in Bois-Colombes geboren und lebt heute in Paris. Sie ist als Kunsthistorikerin und Chefredakteurin des avantgardistischen Kunstmagazins „Art Press“ tätig. Zu ihren Veröffentlichungen zählen etliche Bücher und Essays über zeitgenössische Kunst. 2001 erschien ihr autobiographischer Roman „Das sexuelle Leben der Catherine M.“, der weltweit übersetzt wurde und Millionenauflagen erreicht hat. (kör)

 

Leseprobe:

© Carl Hanser Verlag ©

Unser Haus in Paris ist um einen großen Raum herum angeordnet, der wie in Bauernhäusern für unterschiedliche Zwecke genutzt wird. Besucher betreten diesen Raum als ersten; dort setzt man seine Tasche ab und zieht den Mantel aus; dort wird gekocht und gegessen; ein Bücherregal nimmt die gesamte hintere Wand ein. In der Mitte dieses Durchgangsraums steht ein sehr großer ovaler Tisch, auf dem sich ständig Post, Pressemappen, Kataloge und Bücher, Zeitschriften und aufgeschlagene Zeitungen häufen, die man vor den Mahlzeiten immer beiseiteschieben oder abräumen muss. In diesem Haufen bemerkte ich mehrere Tage lang ein Kuvert, das, wie ich sofort erkannt hatte, aus einem Fotolabor kam. Es lag dort zwischen anderen Briefen. Jacques macht sehr viele Fotos, lässt sie aber nicht gleich entwickeln. Wenn er schließlich irgendwann mit den Kontaktabzügen kommt, ist es immer ein Spaß, sie aus dem Kuvert zu nehmen und Aufnahmen zu entdecken, bei denen ich mich nur mit Mühe an die jeweiligen Orte und Situationen erinnern kann. Schon mehrmals hatte ich Jacques vorschlagen wollen, dieses herumliegende Kuvert zu öffnen, war dann aber durch eine andere Beschäftigung davon abgelenkt worden.

Rückblickend könnte man meinen, Jacques sei ebenso gutgläubig wie vertrauensvoll gewesen, denn er selbst bat mich, ihm etwas aus seinem Arbeitszimmer zu holen. Auf seinem Schreibtisch fand ich das inzwischen dorthin gelangte Kuvert wieder. Auch ein Notizheft lag dort. Ich bin mir ziemlich sicher, dass das Kuvert geöffnet auf den Fotos lag und sie teilweise verdeckte, ob das Heft aufgeschlagen war oder nicht, weiß ich allerdings nicht mehr, obwohl ich Jacques gegenüber behauptet habe, es sei aufgeschlagen gewesen; ich weiß aber, dass von diesem Moment an in meinem Umgang mit ihm Wahrheit und Lüge ständig und unvermutet miteinander wechselten, so dass mein Gedächtnis manchmal außerstande ist, sie klar zu trennen. Die Aufnahmen zeigten eine junge Frau, die mit dem Fotoapparat, den sie in ihren Händen hielt, ihr eigenes Spiegelbild foto grafiert hatte; sie war nackt, saß auf dem Boden, die Beine gespreizt, ihr Bauch der einer Schwangeren. Auf der letzten Aufnahme dieser Serie hatte das Kind zwischen ih66 ren Beinen Platz genommen. Ich erkannte eine Freundin von Jacques, der ich ein paar Mal begegnet war. Ob das Heft nun aufgeschlagen war oder nicht, ich hätte es wahrscheinlich nicht weiter beachtet, wenn es sich um Fotos anderer Art gehandelt hätte. Auf der zuletzt geschriebenen Seite war von einer geplanten Reise in die Provinz die Rede, und Jacques äußerte sein Bedauern, dass Blandine – das war nicht die Freundin, deren Fotos ich gerade gesehen hatte, sondern eine andere – ihn nicht begleiten könne. „Wie schön dieses Mädchen ist!« schrieb er und dann, wie sehr er sie begehre.

 

Bei einigen wenigen Gelegenheiten glaubte ich, ein sexuelles Einverständnis zwischen Jacques und einer Frau ausgemacht zu haben, entweder weil es sich diskret vor meinen Augen manifestierte oder weil ein unbedeutender Vorfall oder eine dritte Person mir einen Fingerzeig gaben. Aber die dadurch ausgelöste Unruhe oder Besorgnis hatte bei mir nie dauerhafte Spuren hinterlassen. Jacques nahm einen klar umrissenen Platz in meinem Leben ein und unsere Beziehung lief so glatt, dass sich Unruhe und Besorgnis nirgends festmachen und ausbreiten konnten. Und keine jener Situationen fiel mir wieder ein, als ich den Akt mit dem Spiegel betrachtete und die Zeilen über das nicht zum Zuge kommende Begehren las. Unbewusst hütete ich mich davor zu sagen: „Das habe ich mir doch schon immer gedacht.« Einen solchen Schmerz, der deshalb so heftig ist, weil man entdeckt, dass seine Ursachen bereits lange bestehen und man nichts davon geahnt hat, ließ ich in dem Moment noch nicht aufkommen. Die Heftigkeit des Schmerzes, so will es die Regel, steht im Verhältnis zur Dauer der Blindheit. Ich  glaube sagen zu können, dass ich angesichts jener Bilder und Zeilen nichts gefühlt habe: Betäubung ist der beste Schutz, den die Psyche bereitstellt, sobald von einem Ereignis ein allzu brutaler Schmerz droht.

Ich hatte eine schematische Vorstellung im Kopf, die ich bis dahin noch in keiner Krise hatte revidieren müssen: Jacques setzte meiner Zügellosigkeit eine ausgeglichenere, ruhigere Persönlichkeit entgegen. Sicher hatte diese Vorstellung zum Teil mit den Briefen zu tun, die er mir kurz vor Beginn unseres Zusammenlebens geschrieben und in denen er mich vor den Auswirkungen meiner sexuellen Freizügigkeit gewarnt hatte. Aber auch diese Quelle war verschüttet und vergessen; seit vielen Jahren dachte ich nicht mehr an die Briefe und hätte sicher auch in diesem Moment nicht sein gesamtes Wesen, wie ich es dort herauszulesen geglaubt hatte, gegen die fatale Verbindung von Fotos und Tagebuch ins Feld führen können. Zurzeit der Ereignisse, von denen ich hier berichten will, lebten wir schon seit vielen Jahren so friedlich zusammen, dass ich mein Bild von Jacques niemals hatte korrigieren müssen. Ich hatte auch keinen Grund gesehen, nach einem möglichen Hintersinn seiner Worte und seines Verhaltens zu suchen.

 

Als ich zu ihm zurückkam, war ich ohne jedes Gefühl, nur voller Erwartung. Und diese Erwartung, so viel kann ich sagen, löste in den Tagen danach ein Durcheinander erster larmoyanter Fragen aus, die ich ihm stellte, und lähmte über Monate und Jahre hin unsere Beziehung. Dabei konnte ich nie richtig formulieren, was ich erwartete, denn ich hätte mir gewünscht, er würde darauf eingehen, bevor ich über68 haupt den Mund aufmachte, ja bevor ich den Blick auf ihn richtete.

Ich sprach nur von den Fotos, von dem Heft sagte ich nichts. Jacques gab als Grund an, er habe eine väterliche Beziehung zu der jungen Frau. Ihr habe daran gelegen, ihre Schwangerschaft für ihn zu dokumentieren. Er fand dies seltsam, da er nie ein besonderes Interesse an dem Kult rund um die schwangere Frau bekundet hatte – in diesem Punkt glaubte ich ihm gern. Ein ernsthafter Erklärungsversuch kam schließlich von mir: Weil er kurz zuvor einen Roman veröffentlicht hatte, auf dessen Cover eine Reproduktion des Ursprungs der Welt von Courbet abgebildet war, habe sie sicher vor ihrem Spiegel den Ursprung der Welt darstellen wollen. Ich strich mit der flachen Hand über den Tisch, an dem wir saßen, und dachte nach.

Um das Unbehagen abzuschütteln, gingen wir essen ins Café de la musique. Ich mag diesen Ort, dieses seltsame Scharnier zwischen der Avenue Jean-Jaurès, die nachts, wenn sich der Verkehr beruhigt hat, mit ihren gewöhnlichen Häusern zu breit, zu hochtrabend wirkt, und dem Gelände des Parc de la Villette mit den wenigen verstreut darin verborgenen Gebäuden, den vereinzelten Lichtstrahlen, den Musikfetzen, die je nach Windrichtung von dort herüberwehen. Und erst recht mag ich ihn seit jenem Abend, als sich in dem düsteren, etwas gekünstelten Ambiente die Person aufl öste, die, verträumt oder verspielt, unbewusst oder naiv, alles in allem aber die glückliche Gefährtin von Jacques Henric gewesen war. Nicht, dass dieses Restaurant jetzt bei mir nostalgische Erinnerungen an diejenige weckt, die ich vor diesem Abend war. Durchaus nicht. Was ich unterschwellig als angenehm empfinde, ist eher, das mag vielleicht verwundern, die Wirkung dieses Verlusts wieder aufl eben zu lassen. Mit Wohlbehagen erinnere ich mich daran, wie sich meine Gliedmaßen lockerten und den Befehlen meines Gehirns, als ich zur Toilette gehen und dort die schwere Tür aufstoßen musste, nicht mehr recht gehorchen wollten, oder an das irreparable Zerfasern meines Bewusstseins, während wir miteinander redeten. Behutsam riss ich mich von mir selbst los, wie wenn man ein Pflaster nicht mit einem Ruck abzureißen wagt, sondern es nach und nach ablöst, wobei man jedem Zentimeter Haut die Zeit lässt, den heftigen, aber kurzen Schmerz sowie dessen Nachlassen zu spüren, ein Vorgang, bei dem man letztlich fast so etwas wie Lust empfindet. Jedes Mal wenn ich wieder an diesem Ort bin, genieße ich es, den Schmerz, den ich vor Jahren dort erlebt habe, zu reaktivieren und gleichzeitig festzustellen, wie weit er sich inzwischen abgeschwächt hat, so dass er immer leichter auszuhalten ist.

© Carl Hanser Verlag ©

 

Literaturangabe:

MILLET, CATHÉRINE: Eifersucht. Übersetzt aus dem Französischen von Vagt Sigrid. Carl Hanser Verlag, München2010. 224 S., 21.50 €.

Weblink:

Carl Hanser Verlag


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