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Ein „anderer“ Joseph Beuys

Private Einblicke eröffnet ein Bildband über Beuys' Leben

© Die Berliner Literaturkritik, 21.10.09

Von Gerd Korinthenberg

DÜSSELDORF/LEIPZIG (BLK) - Wissenschaftliche Bücher über den Künstler Joseph Beuys (1921-1986) füllen laufende Regal-Meter: Gut zwei Jahrzehnte nach seinem Tod droht der Meister von Filz und Fett zum entrückten Mythos zu werden. Der erste Bildband über das Leben des Düsseldorfer Kunstprofessors zeichnet nun ein fast privates Bild des oft verrätselten Ausnahme-Künstlers. Mit akribischer Recherche und Reporter-Neugierde hat sich die Düsseldorfer Journalistin Christiane Hoffmans dem Mann mit dem Filzhut genähert, in Privatarchiven wie Schubladen unbekanntes Fotomaterial und Briefe gefunden und in ihrem Buch „Beuys - Bilder eines Lebens“ (E.A. Seemann-Verlag, Leipzig, 29,90 Euro) manche Legende widerlegen können.

So gehört der von Beuys selbst genährte Kriegs-Mythos über den Abschuss seines Flugzeuges im März 1944 auf der Krim zu den bekanntesten Künstler-Erzählungen überhaupt: Tataren hätten ihn schwer verletzt mit Filz umhüllt und Fett gesalbt - die Bedeutung der beuysschen Lieblingsmaterialien war damit schlüssig erläutert. Hoffmans fand einen Augenzeugen und Kriegskameraden, der vom gebrochenem Nasenbein des Niederrheiners und rascher Lazarett-Aufnahme berichtete - von Krim-Tataren keine Spur.

Die dramatische Nachkriegs-Depression, die Beuys angeblich ausschließlich auf den Äckern seiner Freunde van der Grinten bei Kleve mit harter Arbeit kuriert haben will, führte ihn durchaus auch ins Elternhaus und in ein Sanatorium. Dies belegen bislang unveröffentlichte Briefe im Besitz von Sonja Mataré, Tochter seines Akademie-Lehrers Ewald Mataré.

Eine „lang entbehrte Beuys-Biografie“ nennt die Direktorin des Beuys-Museums Schloss Moyland am Niederrhein, Bettina Paust, den Band, der die vom Künstler eingeforderte Gleichung „Kunst = Leben“ eindrucksvoll darstelle.

„Es geht nicht darum, Beuys als Schwindler zu entlarven“, sagt Christiane Hoffmans über ihr Buch: „Im Gegenteil: Jetzt wird endlich klar, was Wirklichkeit und was seine ‚Wahrheit’ ist. Damit wird das immense Werk klarer.“ So gehe ab sofort die Wahl von Filz und Fett nicht mehr auf biografische Gründe, sondern auf eine „ganz eigenständige künstlerische Entscheidung“ zurück, argumentiert die Autorin, die rund 20 Zeitzeugen bis hin zum Düsseldorfer Lieblings-Taxifahrer des Kunstprofessors aufgespürt hat.

Ebenso enthüllen viele der Fotografien einen „anderen“ Beuys. Gut ein Viertel der rund einhundert Motive - vom 11-Jährigen im Kreis der Cousinen bis zum vertrauten Freund der Grünen-Politikerin Petra Kelly 1980 - waren bislang unbekannt. Und wer konnte sich bisher den Weltkünstler in knapper Badehose und ohne Filzhut am kenianischen Badestrand vorstellen, wo ihn 1974 der damalige Werbe-Guru Charles Wilp abgelichtet hat. Selbst am Kaffee-Tisch mit Pflaumenkuchen im bürgerlichen Garten-Ambiente konnte sich Beuys sichtlich wohlfühlen, wie ein undatiertes Foto aus dem Album einer befreundeten Familie beweist.

Jeder, der den charismatischen Künstler bisher allein mit streng-knochigem Gesicht, grauem Filzhut und Angelerweste vor Augen hatte, muss sein Klischee-Bild jetzt erweitern. „Wir sehen jetzt einen authentischeren Beuys“, meint Museumschefin Paust. Der optische Denkmalsturz „kann vielleicht manchen Kunst-Liebhaber ermutigen, sich unbefangener dem ‚Monument Beuys’ zu nähern“, meint Christiane Hoffmans. Dass der Grünen-Mitbegründer Beuys dem süßen Luxus-Leben absolut nicht abhold war, zeigt das Titelbild des Buches: Selbstbewusst hockt der Künstler auf der chromblitzenden Stoßstange seiner britischen Nobelkarosse, die der frischgebackene Professor 1966 für damals überaus stolze 25.000 Mark gekauft haben soll.

Weblink:

Seemann-Verlag


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