Ein Dorf der Gewalt

Stefan Kiesbyes „Hemmersmoor“

© Die Berliner Literaturkritik, 10.01.12

STUTTGART (BLK) – Der Klett-Cotta Verlag hat im Februar 2011 der Roman „Hemmersmoor” von Stefan Kiesbye herausgegeben. 

Klappentext: Was, wenn die Vergangenheit nicht vergehen will und die Toten keine Ruhe finden? „Hemmersmoor“ ist ein Schauerroman über vier junge Freunde, deren unschuldige Spielereien in die dunkelsten Winkel der menschlichen Seele führen.

Ein kleines Dorf im norddeutschen Teufelsmoor, Jahre nach dem Krieg. Eine Kneipe, wo die Alten von Wiedergängern und Irrlichtern reden. Ein Gutshaus, dessen Besitzer die Menschen im Dorf verachten und manipulieren. Eine alte Fabrik, nach der niemand zu fragen wagt. Hier wachsen Christian und seine Freunde auf, in einer verwunschenen Atmosphäre aus Aberglauben, Inzest und Brutalität. Tiefschwarz und erschreckend direkt schildert Stefan Kiesbye das Leben dieser jungen Menschen und des Dorfes. Dabei macht er uns vertraut mit den Abgründen, die hinter jedem Fenster und am Ende jedes Feldweges lauern können.

Stefan Kiesbye, geboren 1966 in Eckernförde an der Ostsee, studierte Schauspiel, danach Amerikanistik, Englisch und Vergleichende Literaturwissenschaften an der FU Berlin, in Buffalo, New York und der University of Michigan. Er unterrichtet Kreatives Schreiben im UCLA Extension Writers’ Program. 2009 erschien sein Roman „Nebenan ein Mädchen“. Kiesbye ist verheiratet und lebt in Los Angeles.

Leseprobe:

©Klett Cotta Verlag©

PROLOG

Die Zeit spielt keine Rolle. Ich bin nach Hemmersmoor zurückgekehrt und lebe heute in demselben Haus, in dem ich aufwuchs, demselben engen Haus, in dem mein Vater und meine Schwester Ingrid starben, als ich noch ein Schuljunge war. Ich schütte Wasser aus blechernen Kannen auf ihre Gräber und jäte das Unkraut und senke Klusternelken in die Erde. Manchmal sprechen mich alte Dorfbewohner auf die beiden an, erinnern sich an die Vorfälle von vor über vierzig Jahren. Ihre Nasen beginnen dann zu zucken, als ob sie einen Brand witterten. Ihre Lippen zittern, aber die Worte wollen doch nicht kommen und sie lassen das Thema schnell fallen. Niemand hat mich je mit ihrem Tod behelligt. Es ging alles mit rechten Dingen zu.

Unser Dorf ist größer geworden. Reiche Bremer haben sich Ferienhäuser gebaut, und ihre blank geputzten Autos parken morgens vor Meiers Bäckerei. Der Lärm ist noch immer ungewohnt, das Leben scheint sich beschleunigt zu haben. Als ich ein Junge war, bestand Hemmersmoor aus einer Hauptstraße und ein paar kleinen Gassen und Feldwegen. Die Häuser waren alt und verkrümmt, die Türen und Fenster niedrig, die Balken verzogen. Das Straßenpflaster war bucklig, und niemand fuhr aus reiner Freude durch unser Dorf. Sogar das Sonnenlicht schien anders, dunkler, niemals ohne Argwohn.

Als ich vom Tod meiner Mutter hörte, lebte ich in Buffalo, im Staat New York. Ich hatte mich im Jahr zuvor zur Ruhe gesetzt und seit Jahrzehnten nichts von meiner Familie gehört. Ich hatte sie an den Rand des Vergessens getrieben und dort gefangen gehalten, wie wilde Tiere. Der Brief des Notars aus Groß Ostensen erreichte mich zu spät, um es zum Begräbnis zu schaffen. Wie ich erfahren habe, hatte nicht einmal meine ältere Schwester Nicole die Reise angetreten, und sie ist auch seit meiner Ankunft dem Dorf ferngeblieben. Warum ich zurückkam, vermag ich nicht zu denken. Es mag mit dem Tod meiner Frau zusammenhängen. Sie war es, die mir in der neuen Welt ein Zuhause gab, sie war mein Kontinent, und ohne sie war ich ein zweites Mal heimatlos geworden. Vielleicht war es die Aussicht, mein Elternhaus als Herr zu betreten. Vielleicht dachte ich, dass die wilden Tiere mit meiner Mutter gestorben waren und dass ich vor ihnen sicher sei. Ich hatte geplant, nach zwei Wochen in die Staaten zurückzukehren.

Alex Frick, mein Jugendfreund, lebt wie ich wieder in unserem Heimatdorf. Seine Jugendsünden sind vergeben – oder vielleicht nur vergessen. Er hat die Gaststätte seines Vaters übernommen, er ist ein wichtiger Mann im Dorf. Jetzt sind wir die alten Leute, niemand sonst erinnert sich mehr an seine Jahre in der Anstalt oder an seinen Bruder, der ihn fast die Erbschaft kostete und irgendwann für immer verschwand.

Wenn wir uns auf der Straße begegnen, nickt Alex mir zu. Wir sprechen nicht oft über die Vergangenheit, es besteht kein Grund. Unsere Geheimnisse waren stets offen und wohlbehütet. Dieser Tage hüten wir die Geschichten unseres Dorfes; wir sind ihre Verwalter und können sie jederzeit verändern. Alex sieht noch immer den bleichen Christian in mir, dessen Brauen so hell waren, dass sein Gesicht ganz nackt schien. Er erinnert sich an meinen Vater, der sich einst zu Tode soff, und dass meine Schwester ein uneheliches Kind gebar. Er weiß, dass vieles ungesagt blieb. Aber er hat Besseres zu tun, als in alten Geschichten zu kramen, und er erwartet, dass ich es ebenso halte.

Die jungen Leute im Dorf arbeiten in den Bremer Fabriken oder in den Geschäften und Fabriken in Groß Ostensen. Die Landwirte haben aufgegeben, und die Torfkähne, die einst unsere Kanäle befuhren, sind heute Attraktionen für zahlende Ausflugsgäste. Hemmersmoor sieht bunt und makellos aus, als ob alles nur für Hobbyfotografen aufgestellt worden wäre. Töpfer und Maler bieten ihre Waren an.

Die Apotheke, die früher stets ordentlich gestrichen war, über- sieht auch heute noch den Dorfplatz. Das alte Schulhaus steht noch immer, aber zwei Familien leben nun darin, der sandige Schulhof ist ein Mehrzweckgarten, und eine junge Frau bestellt das Gemüse. Ihre Kinder machen einen Höllenlärm.

Ein kleines Stück außerhalb von Hemmersmoor, in der Nähe des Drosteufers, stand Brümmers Maschinenfabrik. Ein niedriges Gebäude, das im letzten Krieg der Munitionsproduktion gedient hatte. Brümmers Fabrik besaß das einzige Bahngleis, das je nach Hemmersmoor verlegt worden war, und nachmittags saßen wir Jungen an den nach oben gebogenen Gleisenden, die die Waggons davor bewahrten, in den Fluss hinabzurollen, und warteten auf die Ankunft eines Zuges.

Es gab keinen Fahrplan, und an den meisten Tagen warteten wir vergeblich. Dennoch hielt uns die bloße Aussicht, die kleine, schwarze Dampflokomotive mit zwei oder drei niedrigen Waggons zu sehen, gebannt.

Die Fabrik steht nun leer, die Gleise sind mit Unkraut überwuchert. Ein Feuer hat vor einigen Jahren vernichtet, was von der Werkstatt noch übriggeblieben war. Was jenseits der Fabrik, außerhalb unseres Dorfes liegt, haben wir alle gewissenhaft vergessen. Das Kreisamt plant, dort ein Museum zu eröffnen, aber wer wird dann noch unsere Gemälde und Souvenirs kaufen wollen? Die Menschen im Dorf schütteln die Köpfe. Warum sollen wir erneut leiden? Wir hatten nichts damit zu tun.

Die Zeit spielt keine Rolle. Ich war jung und wusste nichts von unserer Zeit. Es hatte in unserem Dorf nie eine andere Zeit gegeben. In Hemmersmoor ging sie nicht mutig voran. Sie hinkte ein wenig, verlief sich oft und kam immer wieder an Fricks Tresen zum Stehen. In einer der Geschichten von Verrat, Missgunst und Hexerei.

Doch jetzt hat die Zeit einen wagemutigen Sprung getan. So sehr ich auch suche, die dunklen Ecken Hemmersmoors gibt es nicht mehr, die Häuserfassaden strahlen frisch verklinkert, und mein Gedächtnis führt mich in die Irre. Ich bin zurückgekehrt, aber nicht in das Dorf, das ich verlassen habe. Das Dorf gibt es nicht mehr, besteht nur noch in meinen Erinnerungen und Träumen. Wenn ich heute des Nachts durch die Straßen gehe, dringt blaues, flackerndes Licht aus allen Fenstern. Ich habe die letzten Jahrzehnte nicht hinter dem Mond verbracht, aber in meinen Erinnerungen an Hemmersmoor hat das Fernsehen keinen Platz.

Dass unser Dorf nun zur gewöhnlichen Welt gehört, lässt mir den bleichen Jungen von damals wie einen Geist erscheinen. Vielleicht ist das gut so, vielleicht macht es mir den Aufenthalt hier überhaupt erst möglich, vielleicht würde ich andernfalls ersticken. Aber die Abwesenheit dessen, was ich noch so klar vor mir sehe, schnürt mir auch so die Kehle ab.

Das Große Haus steht auf dem Sandhügel, unter dem der Riese Hüklüt begraben liegt. Um nicht im Moor zu versinken, streute er Sand aus einem großen Sack auf den Weg. Doch es half ihm nichts, und das Gutshaus der Familie von Kamphoff ist sein Grabstein. Die Giebel und die kleinen Türme, der gelbe Stein und die gekieste Auffahrt waren den Dorfbewohnern unverständlich.

Es ist das erste Mal, dass ich hierher hinausfahre. Der Frühlingstag ist wie ein junger Hund, unbekümmert und verspielt, und ich lasse das Fenster hinunter, die Luft ist sanft und kitzlig, und ich reibe mir unentwegt das Gesicht. Wolken hängen über dem Moor, es mag später regnen, aber jetzt schimmern sie rosig. Das Gras am Wegesrand ist schon wieder grün.

Als meine Familie noch in Hemmersmoor lebte und Johann von Kamphoff über den Besitz herrschte, war es nur wenigen Dorfbewohnern vergönnt, durch die Gärten zu schlendern oder das Gutshaus zu betreten. Von Zeit zu Zeit erschien die schwarze Limousine der von Kamphoffs in unserem Dorf, das viel zu klein für solch ein Auto zu sein schien, und meist war es der Enkel des alten Besitzers, der aus dem Wagen stieg, um dem einen oder anderen Mädchen nachzustellen.

Die Gartenanlagen sind etwas verkommen, aber die Weitläufigkeit des Besitzes gibt den Legenden Recht. Die Büsche sind mit grünen Tupfern übersät, die Rasenflächen dehnen sich vor uns aus. In der Ferne steht das Labyrinth, von dem im Dorf oft gemunkelt wurde, dass Leute darin verschwanden. Die Hecken sind dicht und undurchdringlich und übermannshoch.

Alex Fricks Opel steht auf dem gekiesten Hofplatz, er lehnt gegen seinen Kotflügel und raucht eine Zigarette. Ein großer Mann, inzwischen etwas gebeugt, massig, aber nicht ungeschlacht. Sein dunkler Anzug ist maßgeschneidert, die Krawatte reine Seide. Alex hat sich der Witwe seines Bruders angenommen, hat sie vor langen Jahren geheiratet, und zusammen haben sie Fricks Krug ausgebaut. Im Sommer sitzen Ausflügler auf der Terrasse, bei Kaffee und Erdbeerkuchen, und unterhalten sich über die malerische Provinz. Alex’ Augenbrauen sind in der Mitte zusammengewachsen und fast weiß, aber sein Gesicht hat sich etwas Jungenhaftes bewahrt. Ein Lächeln spielt um seine fleischigen Lippen.

„Willst du den Preis hochtreiben und mir das Geschäft vermasseln?“, fragt er und lacht. „Du weißt, dass du mich nicht überbieten kannst. Mach mir das Leben nicht unnötig schwer.“

Ich schüttele den Kopf. „Sind wir die Einzigen?“

Er weist mit einem Nicken in Richtung des Dorfes. Ein kleiner Lieferwagen ist sichtbar am Horizont, wird langsam größer. Ich kenne den Wagen. Er gehört unserem Schulfreund Martin Schürholz. Sein Vater, unser Dorfgendarm, ist lange tot, und Martin führt eine Galerie im Dorf, wo er Gemälde von hiesigen Künstlern verkauft.

Das Gutshaus muss einst beeindruckend gewesen sein, doch der Hof ist mit Unkraut überwachsen, und Unkraut wächst an den Mauern empor. Das Gestein ist verfallen, grauschwarz und grün und bröckelig. Einige der Fensterscheiben fehlen, die leeren Rahmen sind mit Karton und Müllsäcken gestopft worden. Die Ställe, die etwas abseits zu unserer Linken liegen, sind eingestürzt. „Sie muss doch Geld gehabt haben“, sage ich und schüttele den Kopf.

Alex lacht kurz auf. Es klingt wie Gebell. „Hat ihre Rechnung immer bezahlt. Gott weiß, wo sie das Geld hat. Sie ist in zwanzig Jahren nicht vor die Tür.“ Auch ich habe das Gerücht gehört, nach dem das Geld noch immer im Hause versteckt liegt. Verdächtigungen machen die Runde, dass Alex das Gut nur wegen des geheimen Schatzes kaufen will.

Martin parkt seinen rostigen Lieferwagen und steigt aus, nickt uns zu. Sein Haar ist rot, glattgescheitelt, und er trägt eine goldene Brille mit runden Gläsern. Er gesellt sich widerstrebend zu uns, akzeptiert nur zögernd die Zigarette, die ihm Alex anbietet. Martin ist so alt wie wir, aber mit seinem schlanken Körper sieht er neben Alex wie ein Schuljunge aus. Manchmal sehe ich ihn in gelben Sportschuhen durchs Dorf laufen. Er und seine Frau lassen sich nie in Fricks Krug blicken und meiden Alex, obwohl sie zu jeder Feierlichkeit eingeladen werden. Wann immer ein Treffen unvermeidlich ist, kommt Martin alleine.

Doch heute erweisen wir unserer alten Freundin Anke Hoffmann die letzte Ehre und gemeinsam warten wir auf den Leichenwagen aus Groß Ostensen. Nach ein paar einfältigen Worten über Geschäft und Wetter verstummen wir, schauen auf unsere Zigaretten, als beinhaltete sie lebenswichtige Nachrichten.

Anke Hoffmann war eine stolze Frau, und sie war eine von uns. Sie ging mit uns zur Schule und ihre Mutter nahm manches Jahr am Kochwettbewerb teil. Schon als junges Mädchen hatte Anke es sich in den Kopf gesetzt, ins Große Haus einzuziehen, und kein guter Rat, kein Unglück, nichts konnte sie von ihrem Ziel abhalten. Wie ich entfloh sie unserem Dorf, und obwohl das Gut nur wenige Kilometer von Hemmersmoor entfernt liegt, war es immer eine Welt für sich.

Nach ein paar Minuten, in denen Alex um das Gutshaus herum- wandert und sich hier und dort bückt, um die Mauern zu inspizieren, werden wir von einem fernen Knattern aus unseren Gedanken gerissen. Wir haben sie nicht erwartet, aber Linde Janeke fährt in einem alten Volkswagen auf den Hof. Ihr Haar ist schon lang nicht mehr braun, auch sie ist sichtlich gealtert. Doch in ihrem Fall verdeckt das Altern die Narben, die sie einst entstellten. Ihre dunklen Augen funkeln noch immer. „Kann nicht meckern“, antwortet sie, als Alex nach ihrem Wohlbefinden fragt, doch es klingt wie eine Klage. Sie sieht Martin an und schnaubt. „Du auch hier, Professor? Ist dir Anke so feine Gesellschaft wirklich wert?“ Dann schaut sie mit verkniffenem Gesicht auf das Haus und die blinden kaputten Fenster. „Was für eine Tragödie“, sagt sie und sieht fast glücklich aus.

Martin entscheidet sich, Lindes Bemerkung zu ignorieren und sieht sie mit einer Mischung aus Misstrauen und Ekel an. Linde ist die Einzige im Dorf, die noch von Hexen und Gespenstern spricht. Sie trägt weite Kleider und Blusen, die sie selber färbt. An manchen Tagen deutet sie in die Luft und weist auf Erscheinungen, die wir nicht sehen können, heulende Hunde und klagende Mütter mit schwarzen Augenhöhlen. Sie behauptet, dass die Geister sich ihr anvertrauen, sie behauptet, dass es zwischen Himmel und Erde mehr gibt, als die Ausflügler wahrhaben wollen. Alex und Martin behaupten, dass sie den Verstand verloren hat.

Der Friedhof der von Kamphoffs steht von Hecken umrahmt, das gusseiserne Tor quietscht in den Angeln. Lindenbäume spenden im Sommer Schatten, neben den Grabsteinen sind steinerne Bänke auf- gestellt. Der alte Besitzer und seine Frau liegen hier begraben, ihr einziger Sohn und dessen Frau, die, so heißt es, eine Berühmtheit auf der Reeperbahn gewesen war. Und Ankes Ehemann, unter dessen Inschrift seit Jahren schon ihr eigener Name auf das Begräbnis wartet.

Wir gehen langsam zum kleinen Familienfriedhof hinüber, und Alex macht sich auf die Suche nach einem bestimmten Grabstein. Er findet ihn etwas abseits, so als ob er nicht recht hierher gehört. Es ist das Grab seiner Schwester Anna und ihrer kleinen Tochter. „Wollten uns nie einen Platz einräumen“, sagt er und sammelt ein paar tote Zweige vom Grab. „Nicht einmal nach ihrem Tod wussten sie, wohin mit ihnen. Und die da“, er weist aufs Haus, als ob Anke noch immer darin leben würde, „hat den Stein noch umgesetzt. Wollte nicht an ihre Vorgängerin erinnert werden.“ Er richtet sich wieder auf und schaut umher. „Anna war die Frau des Hauses, und mich haben sie zum Chauffeur gemacht.“ Er lacht und spuckt aus. Er hat Pläne, das verkommene Gut in einen Reiterhof umzubauen. Seine Anwälte prüfen schon die Bücher der von Kamphoffs.

Alex hatte Ankes Tod bemerkt. Er war es, der jede Woche Lebensmittel vor ihrer Tür abstellte und das Leergut wieder abholte. „Hab die alte Schrulle nie gesehen“, sagt er. „Als sie die Tür aufgebrochen haben, musste einer der Polizisten kotzen, so sehr stank es da drinnen. Die hat sich nicht einmal mehr die Mühe gemacht, auf die Toilette zu gehen.“

In den alten Tagen wäre niemand aus dem Dorf zu einer Beerdigung auf dem Gut eingeladen worden, doch heute sind wir vier aus Hemmersmoor die Einzigen, die dem Leichenbestatter und seinen Helfern Gesellschaft leisten. Der schwarze Mercedes holpert über den alten Weg nach Groß Ostensen auf uns zu, und drei Männer steigen aus dem Wagen und gehen in unsere Richtung. Alex kommt ihnen zu Hilfe, und gemeinsam tragen sie den Sarg aus weißgelacktem Holz zur offenen Grube. Das Familienwappen der von Kamphoffs ist in Gold auf die Seiten gemalt worden. Sogar im Tod ist Anke auf Etikette bedacht.

Nachdem die Männer den Sarg in die Grube senken, sagt der Leichenbestatter, ein Mann in einem schwarzen Anzug und mit dünnem Haar, ein paar Worte. Er spricht von Bodenständigkeit, festem Willen, einem Glauben an die Stärke von Gemeinschaft und Nächstenliebe. Er stammt aus Groß Ostensen und kennt uns nicht. Seine Worte kommen aus den wohlmeinenden Kalendern, die wir jedes Jahr an der Tankstelle bekommen. Alex, Linde und Martin hören mit versteinerten Minen zu, doch mir scheint, dass Lindes Lippen sich von Zeit zu Zeit kräuseln – vor Kummer oder aus Belustigung, das kann ich nicht sagen. Nach der Rede wird das Grab zugeschaufelt. Die rosigen Ränder der Wolken verdunkeln sich zusehends, ein süßlicher Geruch liegt in der Luft; vielleicht ist es der bevorstehende Regen, vielleicht der geschmackvoll bunte Kranz, den die Männer schließlich aufs Grab legen.

Als der Leichenbestatter sich entfernt und der schwarze Diesel davonfährt, tritt Linde auf das Grab zu, betrachtet die Inschrift und umkreist das Grab, als ob sie sichergehen möchte, dass Anke auch wirklich nicht herauskann. Ihr Kleid ist so bunt wie der Kranz, aber verwaschen. Sie spuckt laut aus. „Du mieses Stück!“ sagt sie, „Da hast du“, und stampft auf der frischen Erde herum.

Alex tritt rasch auf sie zu, redet besänftigend auf sie ein, versucht sie vom Grab wegzuführen, doch Linde schüttelt seinen Arm ab. „Leck mich am Arsch, Alex. Tu nur nicht so heilig, du konntest sie nicht leiden.“ Als er noch immer nicht von ihr ablassen will, schlägt sie ihn mit der flachen Hand ins Gesicht. Sie muss sich dafür auf Zehenspitzen stellen. „Fass mich nicht noch einmal an“, sagt sie. „Du hast sie auf dem Gewissen.“ Dann stellt sie sich breitbeinig und mit dem Rücken zu uns hin, beugt sich vornüber, zieht den Rock über die Hüften und zeigt uns, dass sie keine Unterhosen trägt, und pisst aufs Grab. Alex schüttelt den Kopf, klopft seinen dunklen Anzug ab, als ob er mit einem Mal schmutzig geworden wäre. Martin wendet sich ab und geht ohne ein weiteres Wort auf seinen Lieferwagenzu. Alex hebt eine Hand, ruft ihm nach, „Komm doch heut Abend im Krug vorbei“, aber Martin reagiert nicht. Er will es wohl nicht gehört haben.

„Fertig“, sagt Linde schließlich und lässt ihren Rock herunter, streift ihn wieder glatt. Sie starrt Martins Lieferwagen ärgerlich nach, bevor ein kleines Lächeln über ihr Gesicht krabbelt. „Der Sarg hätte ein Fenster haben sollen. Ein großes rundes Fenster. Teufel auch, der ganze Deckel hätte aus Glas sein sollen.“ Sie tritt noch ein- mal auf das Grab zu und sieht sich ihr Werk an. „Ich hoffe nur, dass sie mich von der Hölle aus sehen kann.“ Das Lächeln breitet sich über ihr ganzes Gesicht aus. Sie sieht fast schön aus.

 

MARTIN

Wenn wir im Oktober das Erntedankfest begingen, fanden nach dem Gottesdienst Feierlichkeiten in Fricks Krug statt, und am Nachmittag, als die Tische und Bänke vom Bier klebrig waren, liefen die Dorfbewohner auf den Platz hinaus, um dem alljährlichen Kochwettbewerb beizuwohnen.

Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot – das alte Sprichwort beschrieb die Kolonisierung des Teufelsmoors, aber unser eigenes Brot war noch immer hart und grau und sauer.

Sich für den Kochwettbewerb anzumelden war eine kostspielige Angelegenheit; die Regeln schrieben vor, dass jedes Gericht für mindestens vier Dutzend Leute zubereitet werden musste. Es gab drei Disziplinen: bester Eintopf, bester Braten und bester Butterkuchen. Für Butterkuchen war unser Bäcker Meier berühmt, und er lieferte seine Backbleche zu Beerdigungen wie zu Hochzeiten aus. Bäcker Meier gewann den Wettbewerb jedes Jahr, ohne jede Konkurrenz, denn wer wollte sich mit ihm messen?

Der Eintopf-Wettbewerb wäre für einen Fremden – aber es kamen nie irgendwelche Fremden – ein unappetitliches Schauspiel gewesen. Man muss im Norden aufgewachsen sein, um Labskaus oder Birnen, Bohnen und Speck wertschätzen zu können.

Der Braten-Wettbewerb war gewiss der beliebteste, und je mehr Köche teilnahmen, desto größer war der Schmaus für uns anderen. Keiner konnte dem Schweinebraten der Doktorsfrau widerstehen oder vom Rinderbraten der Frau des Briefträgers genug bekommen. Und diesen Herbst war die Konkurrenz ungewöhnlich groß und verheißungsvoll. Vier Familien nahmen am Eintopf-Wettbewerb teil, fünf würden um die Bratenkrone kämpfen, und Bäcker Meier wurde zum ersten Mal in fünfzehn Jahren herausgefordert – von meiner Mutter, Käthe Schürholz.

Von Komplimenten über ihren Butterkuchen beflügelt – mein Vater, der Dorfgendarm, beharrte darauf, dass der es im ganzen Lande mit jedem Kuchen aufnehmen könnte – kündigte meine Mutter in der Woche vor Erntedank ihre Teilnahme an. Ihre Hände zitterten, als sie sich in die Liste eintrug.

In den Tagen vor dem Wettbewerb blieb ich so lange wie möglich in der Schule und besuchte dann den einen oder anderen Freund. Falls Alex im Krug helfen musste und Christian nicht aufzufinden war, ging ich mit Anke Hoffmann zu ihr nach Hause und spielte den ganzen Nachmittag mit ihr und Linde Janeke. Geduldig kämmte ich das Haar ihrer Puppen und hörte mir Geschichten von verwunschenen Prinzen und unsterblich verliebten Prinzessinnen an, in der Hoffnung, dass Frau Hoffmann mich später zum Abendbrot einladen würde. Jede Puppe hatte einen Namen. Manche hießen nur Püppi oder Baby, aber die besseren hießen Rosemarie und Kunigunde. Zwei der Puppen sahen sich sehr ähnlich und steckten beide in geblümten Kleidern; sie hießen Anke und Linde. Die leibhaftigen Freundinnen sahen fast wie Zwillinge aus, und sie trugen oft die gleichen Farben, um diesen Eindruck noch zu verstärken. Doch Anke trug funkelnde Spangen und Ketten und ihre Schuhe sahen immer wie poliert aus. Sogar ihre Puppen schienen glanzvoller als die von Linde, und sie hatte doppelt so viele wie ihre Freundin und eine ganze Schublade voller Puppenkleider. Sie bestand darauf, dass ihre Puppen täglich die Wäsche wechselten.

Ich erzählte Christian und Alex nichts von diesen Nachmittagen und hoffte, dass mich die Mädchen und Ankes Brüder nicht verpetzen würden, aber immer blieb ich so lang, wie mich die Hoffmanns duldeten. Erst in den späten Abendstunden kehrte ich heim, und weder meine Mutter noch mein Vater schienen meine lange Abwesenheit zu bemerken.

Jeden Tag backte meine Mutter mehrere Bleche Butterkuchen. Sie versuchte die Lockerheit zu verbessern, die Konsistenz, den goldenen Glanz und die Saftigkeit zu perfektionieren. Sie experimentierte mit verschiedenen Buttersorten und suchte nach dem Königsweg, den Kuchen mit Zucker zu bestreuen. Wenn sie von mir Notiz nahm, dann höchstens um mir einen Teller mit einem großen Stück vorzusetzen. „Iß, Martin“, befahl sie mir, doch mir wollte es nicht schmecken. Ein falsches Wort, und sie war den Tränen nahe; kein Lob wollte je genügen.

Meine Schwester Birgit war dreizehn, also fast doppelt so alt wie ich, und ging am Nachmittag für gewöhnlich mit Jungs aus. Doch meine Mutter zwang sie, in der Küche zu helfen, was Birgit mit einem so ernsten und verängstigten Gesichtsausdruck tat, dass man meinte, sie habe ein Gespenst gesehen. Eine abrupte Bewegung, und ihre großen Augen würden ihr aus dem Kopf fallen und unter den Ofen kullern.

Mein Vater tat es wie ich und kam so spät wie möglich nach Hause. Er zog eine Kneipenschlägerei, einen Einbruch und sogar einen Raubüberfall der mörderischen Atmosphäre in unserem Hause vor. Zu später Stunde holte ich ihn in Fricks Krug ab, wo ihm seine Uniform so viele Gläser Bier und Schnaps bescherte, wie er nur trinken konnte. „Natürlich habe ich ihr Komplimente gemacht“, hörte ich ihn eines Nachts klagen. „Das erwartet sie von mir. Wenn ich ihr nicht jedes Mal erzähle, wie köstlich ihr Kuchen schmeckt, hält sie mich für undankbar. Wenn ich Kuchen essen will, muss ich sie loben.“

Peter Brodersen, dessen Frau selbst mit einem Braten am Wettbewerb teilnehmen würde, legte meinem Vater tröstlich eine schwere Hand auf die Schulter.

„Wird schon schiefgehen“, sagte Jens Jensen, der alte Torfstecher.

„Wird es nicht“, seufzte mein Vater. „Ihr Kuchen ist gut genug für uns, aber er hat nicht Meiers Qualität. Wenn sie verliert, werde ich drei Wochen nichts als trocken Brot zu essen bekommen. Sie wird verlacht werden und sich gedemütigt fühlen. Sie wird sich nie wie- der in Meiers Bäckerei sehen lassen können.“

 

Hinzugezogene wurden in Hemmersmoor mit Argwohn betrachtet, und sie blieben ‚neu‘, selbst nachdem sie zwanzig Jahre im Dorf gelebt hatten. Unser Nachbar Bernd Fitschen, der als Kleinkind mit seinen Eltern nach Hemmersmoor gezogen war, und dessen verbliebenes Haar bereits weiß und dessen Sohn schon verheiratet war und selbst Kinder hatte, wurde noch immer ‚der fremde Bernd‘ genannt. Seine Familie hatte zuvor zehn Kilometer entfernt gelebt, in Groß Ostensen.

Von Neuen wurde erwartet, dass sie sich anpassten, keinen Ärger machten und sich auch sonst unauffällig verhielten. Und so hätte Helga Vierksens Teilnahme in gleich zwei Disziplinen – Eintopf und Braten, nachdem sie erst seit drei Jahren im Dorf gewohnt hatte, zu jeder anderen Zeit für Empörung gesorgt. Doch nicht in diesem Jahr. Dieses Mal stand die herkulische Aufgabe meiner Mutter im Blickpunkt, und die eifrigen Zungen von Hemmersmoor fanden kaum die Zeit, sich anderen Themen zu widmen.

Die Augenringe meiner Mutter wurden größer und dunkler, und ihr Gesichtsausdruck schwankte zwischen Euphorie und Hoffnungslosigkeit. In der Nacht vom Freitag, zwei Tage vor dem Wettbewerb, hörte ich sie in der Küche, wie sie sich selbst verfluchte. „Du konntest dein Maul nicht halten, nicht wahr, du eitle Vettel?“ sagte sie. „Wie Heidrun, Bertha und Gertrud, wie das ganze Dorf über dich lachen wird!“

Ich schlich mich fort und lernte, Lindes Haar zu flechten. Es war braun und schwer und Anke zeigte mir, wie man es machen musste und lachte, als ich fertig war. Die Zöpfe waren ungleich lang und sahen albern aus. Linde sagte, es sei nicht so schlecht.

Als mich die Hoffmanns endlich nach Hause schickten, war unsere Küche noch immer hell erleuchtet. Mein Vater kam nach Mitternacht zu mir ins Bett und flüsterte: „Martin, mach ein bisschen Platz, und um Himmels willen, geh nicht die Treppe hinunter.“

 

Wie hatte Hemmersmoor nur einen so sonnigen Tag verdient? Unser Wetter war so verregnet und trostlos, wie es nur sein konnte, aber ich kann mich an kein einziges Erntedankfest erinnern, zu dem nicht die Sonne geschienen hätte. Jedes Jahr trieb uns die Sonne aus den Betten und in die Kirche. Gestärkte Hemden und Krawatten und Kleider, die schon im Vorjahr nicht mehr gepasst hatten, machten den Gottesdienst zu einer ungemütlichen Angelegenheit, aber wenn es an der Zeit war, zu Fricks Krug hinüberzugehen, waren alle so milde gestimmt wie der Oktobertag. Nur die Besitzer des Gutshofes, der einige Kilometer außerhalb des Dorfes lag, ließen sich nicht blicken. Für sie war es womöglich ein unwürdiges Spektakel, und der Gedanke, dass sich die von Kamphoffs neben uns auf die rohgezimmerten Bänke hätten setzen können, war einfach lachhaft.

Um ein Uhr, mit von Bier und Bommerlunder geröteten Gesichtern, gingen die Männer auf den Dorfplatz, wo die Frauen die verschiedenen Sektionen des Wettbewerbs aufgebaut hatten. Der Pastor steckte den Preisrichtern eine rote Schleife an die Jackenaufschläge oder an die Blusen, und die fünfzehn Männer und Frauen stellten sich vor den dampfenden Töpfen auf, um von ihrem Recht des ersten Bissens Gebrauch zu machen. Wir anderen warteten ungeduldig, bis wir an der Reihe waren. Anke und Linde waren mit ihren Eltern gekommen; sie trugen weiße Kleider, und ihre Zöpfe waren in genau der gleichen Weise geflochten und um ihre Köpfe gewunden. Sie winkten mir zu, und fast wäre ich zu ihnen hinüber gelaufen, aber ich besann mich schnell eines Besseren, tat als hätte ich sie nicht bemerkt und stellte mich mit hochrotem Gesicht hinter meinem Vater in die Reihe.

Die Preisrichter schöpften Eintopf in ihre Suppenteller und schlürften und schmatzten mit wichtiger Miene. Sie waren per Los ermittelt worden, damit es eine möglichst neutrale Jury gäbe. Niemand durfte zweimal hintereinander Preisrichter sein.

Hemmersmoor hatte seine Skandale erlebt. Neun Jahre zuvor hatte eine Bäuerin die Preisrichter bestochen und war für den Rest ihres Lebens vom Wettbewerb ausgeschlossen worden. Und seit Monaten hatten Heidrun Brodersens Triumphe in den letzten drei Wettbewerben Verdacht bei denjenigen erregt, die ihren Braten bei einer ihrer Essenseinladungen gekostet hatten. Doch im Großen und Ganzen hatte sich unser System als nützlich erwiesen.

Und so waren alle überrascht, als nach einer halben Stunde gewissenhaften Kostens Helga Vierksen zur Siegerin erklärt wurde. Natürlich mussten die Preisrichter gerecht sein, aber sie waren auch der Tradition verpflichtet. Helga Vierksen den ersten Preis zu verleihen war wie ein Schlag ins Gesicht.

Um so erstaunlicher war es, dass niemand, der ihren Eintopf probiert hatte – einen Rindereintopf aus Kartoffeln, Wurzeln und großen, zarten Fleischstücken – Einspruch erhob. Es schien, dass sogar die anderen Teilnehmer, darunter Größen wie die Apothekerin Rosemarie Penck, ihre Niederlage eingestanden. Helga Vierksens Töpfe sprachen laut und deutlich: Nur die ihren waren leer und so sauber, als ob Dutzende unserer Katzen sie ausgeleckt hätten.

Helga war eine beleibte Frau mit flachen Brüsten und einem Lachen, in dem die meisten Zähne noch vorhanden waren. Sie nahm die hölzerne Gedenktafel entgegen und sagte ein kurzes Dankeschön. Sie war nicht so dumm, sich großzutun. Ihre fünf Kinder – der älteste Junge war einer meiner Klassenkameraden – standen um sie herum und versuchten, die Tafel in ihre Hände zu bekommen. Die Menge applaudierte zaghaft, aber doch überzeugt. Wir waren nicht herzlos.

Der nächste Wettbewerb endete mit Heidrun Brodersens viertem Sieg in Folge. Ihre Nachbarn schüttelten ratlos die Köpfe, aber wer wollte an einem sonnigen Oktobernachmittag zu streiten anfangen? Als schließlich der letzte Wettbewerb begann, war das Gesicht meiner Mutter so rot, und die Haut so straff über Kinn, Nase und Wangen gespannt, dass ich fürchtete, sie könnte reißen. Sie stand neben den Preisrichtern, die falschen Zähne grinsten und die Drähte ihres Gebisses funkelten. Ihre zwölf Bleche Butterkuchen glänzten

golden und buttrig, der Zucker glitzerte. Und wie wir aßen! Wir aßen und aßen, die fünfzehn Preisrichter

gerieten ins Schwitzen. Bäcker Meier hatte sich der Herausforderung gestellt und unsere ohnehin hohen Erwartungen noch übertroffen. Aber hatte er meine Mutter überboten? Seine größeren Bleche schienen der einzige Unterschied zwischen seinem Kuchen und dem seiner Mitbewerberin zu sein.

Also aßen wir weiter. Wir konnten diese Sache nicht dem Zufall überlassen. Herr Frick ließ Kaffee servieren. Das ganze Jahr über sackte er das Geld ein, das unsere Väter im Moor verdienten, doch zum Erntedankfest ließ er sich nicht lumpen.

Als die Preisrichter sich daran machten, einen Gewinner zu ermitteln, deutete Jens Jensen auf Otto Nubis und sagte: „Otto, deine Zunge ist ganz schwarz.“

„Nein, deine ist so schwarz wie Teer“, gab der Vorarbeiter von Brümmers Maschinenfabrik zurück.

Als der Pastor sich einmischte und versuchte, die Männer zu beschwichtigen – vielleicht fürchtete er, dass ein Faustkampf, eine weitere Tradition des Erntedankfests, bevorstand –, wandten sich die zwei gegen ihn, hielten ihn fest und zwangen seine Lippen auseinander. „Deine Zunge ist so schwarz wie dein Rock.“ Und so war es wirklich. Schon bald steckten wir alle die Zungen heraus, und sie waren schwarz, jede einzelne.

Wir waren starr vor Schreck. Denn wir wussten, dass dies nur eine einzige Ursache haben konnte. Obwohl es keiner von uns persönlich miterlebt hatte, ließ die Geschichte des Dorfes keinen Zweifel zu. „Dem Ersten der Tod, dem Zweiten die Not, dem Dritten das Brot.“ Wir hatten ein Leben lang Brot gegessen, aber die Erzählungen unserer Vorfahren und ihrer Not lebten fort. Wir wussten, was einige der ersten Siedler im Teufelsmoor getan hatten, um sich vor dem Hungertod zu retten. Jetzt war es noch einmal geschehen. Unsere Zungen waren schwarz; wir hatten Menschenfleisch gegessen.

Schweigen breitete sich aus, viele standen von den Tischen auf, als wollten sie fliehen. Dann wurde ein Murmeln hörbar, und alle Augen suchten nach den Wettbewerbern. Wer konnte uns so etwas angetan haben? Wer hatte unseren Kochwettbewerb und damit ganz Hemmersmoor besudelt?

Meine Mutter und Bäcker Meier waren über jeden Verdacht erhaben, aber wo waren die Köche der Eintöpfe und Braten? Einer von ihnen musste es getan haben.

„Heidrun war’s“, schrie einer. „Deshalb gewinnt sie jedes Jahr.“ Es war mein Vater, der seine Stimme erhoben hatte. „Ich habe ihren Braten schon oft gegessen, und er taugt nichts.“

„Er hat recht“, kam Bernd Fitschen meinem Vater zu Hilfe. „Heidrun war’s. Das ist der Grund, warum das Fleisch so zart war.“

Die Beschuldigte war eine fette, charmante Frau, der die Männer hinterherpfiffen. Sie war immer nach der neuesten Mode gekleidet und ihre kleinen Füße steckten in den zerbrechlichsten Schuhen. Sie hielt noch immer die Gedenktafel in ihren Händen und keifte die Männer an. „Ihr undankbaren Hurensöhne. Ich habe schon immer hier gelebt, und jetzt fallt ihr über mich her, weil eure Frauen nicht kochen können.“ Was sie anschließend vorbrachte, wurde von denen übertönt, die sie in Stücke hacken wollten, bis Hunderte von Händen nach ihrer Schürze und ihrem Kleid grapschten und sie voller Verzweiflung schrie: „Warum heute? Ihr habt meinen Braten schon oft gegessen. Ich kann es nicht gewesen sein.“

Heidrun lag bereits am Boden, und schon waren Schläge auf sie herniedergeprasselt, doch plötzlich ließen die Dorfbewohner von ihr ab. „Sie hat recht“, schrie Otto Nubis. Und während ihr der alte Vorarbeiter auf die Beine half, benutzte Heidrun die Gelegenheit, sich Gehör zu verschaffen. Ihre Lippen waren blutverschmiert, und sie wischte sie schnell an ihrer Schürze ab. „Ich war’s nicht. Es war Helga. Es war die Neue.“

Wieder herrschte Stille. Hemmersmoor konnte mit vollem Magen schlecht denken. Die Leute sahen sich nach der Neuen um. Wo war sie? Hatte sie sich aus dem Staub gemacht? Ja, Heidruns Anschuldigungen ergaben Sinn. Helga hatte uns Menschenfleisch vorgesetzt. Warum sonst hatte die Neue an zwei Wettbewerben teilgenommen? Warum sonst hatten wir ihre Töpfe leergekratzt? Ja, Helga, die Neue, war die Schuldige. Die Menge ließ von Heidrun ab.

Das schrille Geheule und Flehen halfen Helga kein bisschen und hielten niemanden zurück. Unsere Wut musste sich entladen. Jemand griff nach ihrem Kleid, ein anderer nach ihrem Haar, diesmal kannte das Dorf keine Gnade. Als Hemmersmoor mit ihr und ihren Kindern fertig war, und die Körper am Boden Säcken ähnelten, die man mit Fetzen, Steinen und Stöcken gefüllt hatte, übernahm mein Vater die Führung und ging der Menge voran zu Helgas Haus.

Wir setzten Haus und Scheune in Brand und verschonten auch die Stallungen nicht. Helgas Ehemann, der seine Schuld mit seiner Abwesenheit beim Erntedankfest eingestanden hatte, wurde von einer Axt gefällt und ins Haus zurückgeschleift, wo seine Überreste unter einstürzenden Balken und Wänden begraben wurden. Das ganze Dorf schaute zu und bejubelte das Feuer und half später bei den Löscharbeiten, nachdem die Flammen, die aus Helgas Scheune dran- gen, an der ihres Nachbarn zu lecken begannen.

Als endlich das Knallen und Fauchen nachließ, legte sich eine unheimliche Stille über das Dorf. Unsere Zungen waren noch immer schwarz, aber unser Zorn war verraucht. Unsere Väter standen wie Kinder um das verkohlte Haus herum, beschämt, schweigend, aber bereit, sich auf jeden zu stürzen, der sie anklagen sollte. Wir Jungen und Mädchen hatten uns heiser geschrien und suchten nun in den Trümmern nach kleinen Schätzen. Anke und Linde standen etwas abseits. Sie hatten einen halbversengten Frauenhut mit einer bunten Schleife und eine Kette mit einem grünen Anhänger aus der Asche gezogen. Ihre weißen Kleider waren schmutzig und verrußt, ihre Zöpfe hatten sich längst gelöst.

In jener Nacht spendierte Frick, ganz gegen seine Gewohnheit, eine zweite Runde Freibier, und es gab keine Raufereien. Niemand wollte die Stimme erheben, und nur ein paar Unverbesserliche murmelten, dass Heidrun im Jahr darauf endlich an der Reihe wäre. Selbst als Jens Jensen behauptete, dass der alte Frick Wasser in sein Bier schütte, lachten die Leute nur.

Der einzige Mensch in Hemmersmoor, der noch oft von unserem Erntedankfest sprach, war meine Mutter. Kein Gewinner war im Butterkuchenwettbewerb auserkoren worden, und die Preisrichter, die zugaben, dass ihre schwarzen Zungen nicht in der Lage waren, eine gerechte Entscheidung zu fällen, weigerten sich, einen ersten Preis zu verleihen. Mein Vater begrüßte das Ergebnis. Er liebte Gebäck und wollte keine Feindseligkeiten zwischen ihm und dem Bäcker aufkommen lassen. Meine Mutter war jedoch untröstlich.

Als Anke und Linde mich am folgenden Nachmittag auf dem Nachhauseweg ansprachen und fragten, ob ich mit ihnen spielen würde, sagte ich so laut, dass es Alex und die anderen Jungen hinter mir hören konnten: „Ich spiel nicht mit Mädchen. Ich bin doch nicht blöd.“

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Lieteraturangabe:

KIESBYE, STEFAN: Hemmersmoor. Klett-Cotta Verlag, Stuttgart 2011. 208 S., 17,95 €.

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