Werbung

Werbung

Werbung

Ein empfehlenswerter Jazz-Bildband, eine schlampige Neuausgabe der Jazzgeschichte

Zu den Büchern „Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“ und „All that Jazz“

Von: AXEL BUSSMER - © Die Berliner Literaturkritik, 02.04.08

 

Fotos, meistens Schwarzweiß, erwecken den Jazz und seinen Mythos immer wieder zum Leben. Bilder von Miles Davis bei Auftritten. Hochglanzfotos von Chet Baker. Die Plattencovers von Blue Note und Impulse. Das sind Kernstücke des Jazzkultes, die als emblematische Aufnahmen stilbildend wirkten. In Michael Jacobs’ überblicksartiger Geschichte des Jazz, „All that Jazz“, sind sechzig Aufnahmen enthalten. In Baronesse Pannonica de Koenigswarters posthum erschienenen „Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“ sind viel mehr Fotos versammelt.

Baronesse Pannonica de Koenigswarter war in den Fünfzigern und Sechzigern die Muse der New Yorker Jazzmusiker. Die unkonventionelle Adlige hatte sich in den Jazz verliebt und half den Musikern. Sie inspirierte Thelonious Monk zu „Pannonica“, Sonny Clark zu „Nica“, Kenny Drew zu „Blues for Nica“, Tommy Flanagan zu „Thelonica“ und Horace Silver zu „Nica’s Dream“.

Wenn die Musiker bei ihr im Cathouse logierten, fragte sie die Jazzer immer wieder nach ihren drei Wünschen. Sie wollte daraus ein Buch machen. Als sie ihr Projekt verschiedenen Verlagen vorstellte, wollte kein Verlag es veröffentlichen. Jahre nach ihrem Tod entdeckten ihre Kinder und Enkel das Manuskript und der französische Verlag Buchet / Chastel veröffentlichte es 2006. Jetzt erschien im Reclam Verlag die deutsche Ausgabe.

Neben der Frage fotografierte Baronesse Pannonica de Koenigswarter mit ihrer Polaroid-Kamera die Jazzer. Diese Bilder bestechen nicht durch die künstlerische Gestaltung. Es sind schmucklose Schnappschüsse, meistens in ihrer Wohnung geschossen, und oft mit deutlichen Spuren der Zeit versehen. Sie fügen dem bekannten Bühnenmythos der Musiker nichts hinzu. Sie geben den Blick auf die Privatperson abseits des Scheinwerferlichts frei. Thelonious Monk, Tischtennis spielend und ausgelassen tanzend. Philly Joe Jones schlafend. Hank Mobley und Lee Morgan ebenso. Sonny Rollins lesend. Art Blakey vor einer Schreibmaschine. Tommy Flanagan mit einer Katze spielend. Max Roach und Coleman Hawkins im Gespräch. Erroll Garner lachend. Miles Davis auch. Dexter Gordon einen Fotoapparat bestaunend. Und selbstverständlich gibt es viele Bilder, auf denen die Musiker spielen. Manchmal bei einem Konzert, öfters in der Wohnung der Fotografin.

Die drei Wünsche der dreihundert befragten Musiker sind ein bunter Strauß, bei dem immer wieder auffällt, wie sehr die Musiker sich ihrem Beruf verschrieben haben, wie schwierig es ist, damit finanziell zu überleben, wie sehr sie sich etwas Geld für ihre Familie und sich (meistens in genau dieser Reihenfolge) wünschen.

„Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche“ ist wie ein Familienalbum. Auch das Layout ist eine gelungene Reminiszenz an die inzwischen leicht vergilbten Bildbände der sechziger Jahre.

Eine zwiespältige Ergänzung zu dem rundum empfehlenswerten Bildband ist „All that Jazz – Die Geschichte einer Musik“ von Michael Jacobs. Das Buch erschien erstmals 1996 und wurde für die aktuelle Auflage anscheinend nur um das von Robert Fischer geschriebene Kapitel „Anything goes – Aufbruch im 21. Jahrhundert“ erweitert.

Das größte Problem des Originaltextes von „All that Jazz“ ist die Länge. Er ist zu lang und zu kurz. Denn die über hundertjährige, inzwischen globale Geschichte des Jazz kann auch auf gut fünfhundert Seiten nicht umfassend abgehandelt werden. Jeder Autor muss auswählen, Schwerpunkte setzen und mit den entstehenden Lücken leben.

Allerdings ist „All that Jazz“ mit 472 eng bedruckten Seiten zu lang, um die seltsame Schwerpunktsetzung auf den Jazz bis zum Ende des Zweiten Weltkriegs und den Bigband-Jazz zu überlesen. Der Nachkriegs-Jazz mit Bop, Free-Jazz und Fusion findet erst ab der Buchmitte statt und umfasst etwa 170 Seiten. Doch auch da schenkt Jacobs den Bigbands mehr Aufmerksamkeit als den kleinen Gruppen. Die wichtigen Musiker, wie Charlie Parker, Miles Davis, John Coltrane, Thelonious Monk und Chet Baker, erwähnt er, aber wichtige Platten, wie „Kind of Blue“ oder „A love supreme“ werden entweder mit einem Satz oder überhaupt nicht erwähnt. Gleichzeitig sind die Bopper bei Jacobs vor allem Junkies. Free-Jazz, Fusion und der gesamte postmoderne Jazz ab 1980 werden auf wenigen Seiten abgehandelt. Damit befördert Michael Jacobs den Irrglauben, dass Jazz eine tote Musik sei, die ihre Hochzeit in New Orleans hatte, dann zum Bigband-Jazz mutierte und in den vergangenen über fünfzig Jahren nur noch die immergleichen Melodien wiederkäut. Das ist natürlich grober Unfug.

Ebenso ignoriert Michael Jacobs, bis auf Django Reinhardt (gestorben 1953), die europäischen Spielarten des Jazz. Kein Wort über Jan Garbarek und den skandinavischen Jazz. Kein Wort über Steve Lacy und den britischen Free-Jazz. Kein Wort über Louis Sclavis und die produktive französische Jazzszene. Gunter Hampel, Albert Mangelsdorff, Joachim Kühn, Peter Brötzmann und Alexander von Schlippenbach werden immerhin einmal erwähnt als „deutsche Musiker, die im freien Idiom spielten und es auch zu internationaler Anerkennung brachten“.

Dass für eine Neuauflage, auch wenn im Impressum „erweiterte und aktualisierte Ausgabe“ steht, der ursprüngliche Text nicht umfassend überarbeitet wird, ist verständlich. Immerhin ändert sich das geronnene historische Wissen, das von Michael Jacobs brav repetiert wird, kaum. Sein inzwischen zwölf Jahre alter Text scheint sogar überhaupt nicht geändert worden zu sein. Jedenfalls enden im abschließenden Kapitel „All that Jazz – Alternde Avantgarde und junge Traditionalisten“ die Karrieren der Musiker vor ziemlich genau zehn Jahren.

Robert Fischer kann in seinem lesenswerten 34-seitigen Kapitel die Entwicklungen der vergangenen 25 Jahre nur schlaglichtartig aufgreifen. Wirklich ärgerlich sind die abschließenden Lektüre- und Hörempfehlungen. Denn in den vergangenen Jahren explodierte der Markt an umfassenden Werkausgaben, die dann auch erwähnt werden müssten. Stattdessen werden nicht mehr erhältliche CDs empfohlen.

Bei den Büchern wird auf „Das Jazzbuch“ von Joachim-Ernst Behrendt hingewiesen. Das ist ein in den vergangenen Jahrzehnten immer wieder umfassend überarbeitetes Standardwerk über den Jazz. Zuletzt wurde „Das Jazzbuch“ 2005 von Günther Huesmann überarbeitet. In „All that Jazz“ wird dagegen die Auflage von 1989 angepriesen. Auch bei zahlreichen anderen Handbüchern werden veraltete, nur noch antiquarisch erhältliche Auflagen empfohlen, während in den Buchhandlungen neue, oft umfassend überarbeitete Auflagen stehen.

Dass bei den deutschsprachigen Jazzzeitschriften nur das alte Schlachtschiff „Jazzpodium“ (57. Jahrgang), aber nicht die neueren „Jazzthetik“ (21. Jahrgang) und „Jazzthing“ (15. Jahrgang), erwähnt werden, ist ein Armutszeugnis, das nur noch durch das vollkommene Fehlen von Internet-Seiten übertroffen wird.

Diese schlampig aktualisierten zwölf Seiten führen dazu, dass man sich im nächsten Antiquariat die erste Auflage von „All that Jazz“ kaufen kann. Denn nur der informative Artikel von Robert Fischer rechtfertigt den Neukauf nicht.

Literaturangaben:
JACOBS, MICHAEL: All that Jazz. Die Geschichte einer Musik. Mit einem Beitrag. von Robert Fischer. Reclam Verlag, Ditzingen 2007. 3. erweiterte und aktualisierte Auflage. 472 S., 9,90 €.
KOENIGSWARTER, PANNONICA DE: Die Jazzmusiker und ihre drei Wünsche. Fotografiert und notiert von Baronesse Pannonica de Koenigswarter. Vorwort von Nadine de Koenigswarter. Übersetzt aus dem Französischen von Michael Müller. Reclam Verlag, Ditzingen 2007. 320 S., 34,90 €.

Verlag

Axel Bussmer arbeitet als freier Autor und Literaturkritiker in Berlin


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: