BERLIN (BLK) – Im Oktober 2010 gibt der Suhrkamp Verlag in Berlin das erste gemeinsame Buch von Alexander Kluge und Gerhard Richter heraus. Der Titel erscheint in der Reihe Bibliothek Suhrkamp und lautet „Dezember - 39 Geschichten. 39 Bilder“.
Klappentext: Zu Silvester 2009 verabreden sich in einem Waldhaus im Engadin Gerhard Richter und Alexander Kluge zu einer Zusammenarbeit. Richter friert die dezemberliche Natur des graubündischen Hochgebirges in 39 Farbfotografien ein. Kluge stellt diesen kontemplativen Bildern seine Texte gegenüber. So nähern sich beide dem Phänomen Dezember. Dieses Buch enthält 39 Bilder und 39 Kalendergeschichten plus einer Coda, mit subversiven Moralitäten und Lehren aus der Geschichte, die alles andere versuchen als einzulullen in die kindheitsseligen Verlockungen eines für die globale, nationale und private Geschichte Jahr für Jahr fatalen Monats.
Ein Dezemberbuch, ein Buch zu Weihnachten, ein Buch für alle Zeiten des Jahres.
Alexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt geboren. Er studierte in Marburg und Frankfurt/Main Rechtswissenschaften, Geschichte und Kirchenmusik. Nach seiner Zulassung als Rechtsanwalt absolvierte er ein Volontariat bei dem Filmregisseur Fritz Lang und betätigte sich mit Erfolg als Filmemacher und literarischer Autor. Er erhielt zahlreiche Preise, unter anderem den Deutschen Filmpreis 2008 (Ehrenpreis). In der filmedition suhrkamp erschien zuletzt Nachrichten aus der ideologischen Antike. Marx – Eisenstein – Das Kapital.
Gerhard Richter wurde 1932 in Dresden geboren. Der gelernte Schriften- sowie Bühnen- und Werbemaler studierte an der Kunsthochschule in Dresden. Gerhard Richter, einer der vielseitigsten und bedeutendsten Maler der Gegenwart, folgte in seinem umfangreichen Oeuvre keinem kontinuierlichen Stil, sondern strebte Brüche und stilistische Vielfalt an. (ku)
Leseprobe:
©Suhrkamp Verlag©
1. Dezember 1941: Eissturm an der Front vor Moskau. Es müßten zwei Armeen in Reserve stehen, sagt Generalfeldmarschall Fedor von Bock, der gegen 17 Uhr mit dem Oberkommando des Heeres telefoniert. An sich brauchen wir, fährt er fort, keine Waffen zur Bekämpfung der Russen, sondern eine Waffe zur Bekämpfung des Wetters. Nichts von diesem Geschehen im Osten ist in den Häusern Deutschlands unmittelbar wahrzunehmen.
Dr.-Ing. Fred Sauer, ehemals Siemens, für die Versuchsabteilung des Heereswaffenamtes tätig, untersucht die Anatomie von Mammuten. Ließ sich aus den kurzen Rümpfen und gedrungenen Körpern dieser erfahrenen Riesen der Kaltsteppe (die es mit ihren staubigen, immerwährenden, extrem kalten Ostwinden im Jahr 1941 nicht mehr gibt) eine winterfeste Panzerwaffe entwickeln? In den gewaltigen Säulenbeinen, so Fred Sauer, wärmte das sauerstoffhaltige Blut, das aus dem Körper dieser Tiere strömte, das verbrauchte kalte Blut, das zum Körper hinaufstieg. Das war ein Hinweis auf die Möglichkeit, durch doppelte Kreisläufe in den Motoren (einer zur Erwärmung des Gerätes und einer für den Antrieb) eine Aushilfe gegen die Tükke des russischen Winters zu finden. Das Projekt kommt für die Entscheidung in diesem Jahr zu spät.
Der Monat Dezember 1941 war durch Zeitarmut charakterisiert.
2.Dezember 1991: Im Matschwinter 1991 hauste Michail Gorbatschow noch in den Räumen des Kreml. Das Zimmer mit den leinenverhüllten Sesseln Lenins gab es noch, zwei Gebäude von Gorbatschow entfernt. Auch die Telefonzentrale links, mit altertümlichem Gerät aus den 20er Jahren, war konserviert.
Die Macht lag nicht auf der Straße, sie war in Form von Versorgungsleitungen und personalen Netzen in den Mauern des Kreml versteckt und verbaut. Man wird diese in den Wänden, Röhren und Leitungen verborgenen Machtlinien mit einem Stab von vielleicht 16 Getreuen, die nie etwas Praktisches gelernt haben (außer Sitzungen vorzubereiten), nicht finden. Man müßte den Putz abschlagen: DIE MACHT LIEGT IM VERPUTZ VERSTECKT. Ein Abriß, dachte Gorbatschow, war die tatsächliche Aufgabe, und sie wäre (als kompletter Neubau des ganzen Landes) vor drei Jahren noch ausführbar gewesen durch eine „PARTEI DER GESELLSCHAFTLICHEN BAUARBEITER“. Er war müde. Er wollte ausgerechnet jetzt, in einer Dämmerstunde des Dezembers, in der er und alle anderen auf das Ende der Krise warteten, DISKUTIEREN. Aus dem Fenster sah er festgefügte Mauern, Tannen und Matsch, von vielen Füßen zertretenen Schnee.
– Wo saß er?
– In seinem Zimmer. Bestellte ein Tablett mit Kaffee.
– Was dann? Machte Notizen?
– Fing mit Notizen an für sein Erinnerungsbuch. Da wußten wir: es ist aus.
3. Dezember 1931: Eisregen über den Straßen Mecklenburgs. Um ein Haar wären Hitler (in seinem schwarzen Mercedes) und die Brautmutter von Goebbels (in einem roten Maybach) von dem Aushilfschauffeur des Rittergutes, auf dem die Hochzeitsfeier stattgefunden hatte, zuschanden gefahren worden. In jener Zeit der Anfänge des Automobilismus waren Bremsverbot auf Eisesfläche und die Gefahr beschwipsten Fahrens nicht allseitig kommuniziert.Die Fahrer der Hochzeitsrückfahrt hatten, parallel zu den Herrschaften, beherzt alkoholische Getränke zu sich genommen.
Die vorherrschende Auffassung war aber, daß Geist und Herz am Steuer durch geistige Getränke nicht gemindert, sondern befeuert werden. Nichts funktioniert so rasch wie im Rausch. Das ähnelt den Motoren, die Naturkräfte sind. Sie haben Pferdefüße, Flügel, atmen Gas. Sie sind nicht wild, sondern technische Diener der kundigen Hand des Menschen, der mit Tritt und sanfter Bewegung an Knüppel und Steuer diese Gewalten in fließender Bewegung hält. Zwar beherrscht der Angeheiterte Zunge und Lautstärke schlecht, dagegen Kanonen und Fahrzeuge um so besser.
In einer lang gezogenen Kurve versuchte der Chauffeur des Maybachs, Hitlers Fahrzeug zu überholen. Als er merkte, daß das Fahrzeug rutschte, trat er kraftvoll auf die Bremse.
– Nur der Vorsehung ist es zu verdanken, daß die Fahrzeuge sich verfehlten.
– Was verstehen Sie unter Vorsehung?
Der Landrat bot den Beteiligten des Unfalls aus einer silberbeschlagenen Flasche einen Jägertrunk an. Inzwischen war ein Ersatzwagen für die Brautmutter eingetroffen, einer der Adjutanten Hitlers war im Indianertrab (50 Meter rennen, 100 Meter gehen) zum nächstgelegenen Telefon gelaufen. Sie können weiterfahren, Herr Hitler, sagte der Landrat. Der merkwürdige Unfall blieb ihm auf zwei Wochen ein interessantes Gesprächsthema.
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Literaturangabe:
KLUGE,ALEXANDER; RICHTER, GERHARD: Dezember - 39 Geschichten. 39 Bilder. Suhrkamp Verlag, Berlin 2010. 126 S., 19,90 €.
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