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Ein Heimatloser am verrottenden Pfahl – László Végels Kriegstagebuch

Der Autor zeichnet das Resignieren in feinen melancholischen Tönen nach

© Die Berliner Literaturkritik, 14.01.08

 

Von Gregor Mayer

BERLIN (BLK) – Seltsame Szenen spielten sich im Juni 1999 in ganz Serbien ab. Nach elfwöchigem NATO-Bombardement hatte das Militär im mazedonischen Grenzort Kumanovo die Kapitulation unterschrieben – und die mehrheitlich albanische, südserbische Provinz Kosovo an die internationale Gemeinschaft abgetreten. Doch das Volk, gewiss auch sorgfältig orchestriert durch die Propagandisten des serbischen Führers und Kriegsherrn Slobodan Milosevic, feierte auf den Straßen und Plätzen den Sieg. „Eine ganze Nation jubelte. (…) Die Fahnen flatterten, die Autos hupten. Die hochmütige Balkanseele hatte sich kein bisschen verändert.“

So erlebte es der ungarischsprachige Autor László Végel in seiner Heimatstadt Novi Sad, der Metropole der nördlichen Provinz Vojvodina, in der Serben, Ungarn, Slowaken, Ruthenen und noch andere Völkerschaften leben. In seinem Buch „Exterritorium. Szenen vom Ende des Jahrtausends“ beschreibt er aber nicht nur das absurde Triumphieren angesichts der Niederlage, sondern auch die Stimmungen und Befindlichkeiten während des NATO-Bombenkriegs. Und seine eigene, sich verschärfende Ausgegrenztheit als unangepasster Intellektueller und Angehöriger einer Minderheit unter dem Gesinnungsterror des Kriegspatriotismus, sein Sich-Verstecken an immer neuen Orten, seine Gelähmtheit, seine Ängste.

Gleichsam wie ein Archäologe der Massenpsyche legt Végel Schicht um Schicht frei, was sich hinter dem anscheinend irrationalen Verhalten vieler Serben verbarg: die nationalistische Mythologie von der Herrenrolle auf dem Balkan; das seit dem Kommunismus praktizierte Abschieben der Verantwortung für das eigene Tun; und schließlich die tiefe Angst, am Ende der Abspaltungen und neuen Grenzziehungen selbst Minderheit zu werden. Denn: „Dieses Jahrhundert war allen Minderheiten gegenüber unerträglich niederträchtig gewesen. Systematisch und gezielt. Den Serben genügte ein Blick auf die Vojvodina, um zu wissen, was mit ihnen in Kroatien oder Bosnien passieren würde.“

Die Minderheiten der Vojvodina und Batschka protestierten, anders als die Kosovo-Albaner, nicht gegen den Entzug ihrer politischen Rechte zu Beginn der Milosevic-Ära. So gab es dort keine neuen Massengräber. Während über den alten, denen vom Ende des Zweiten Weltkriegs, ein dicker Mantel des Schweigens liegt. Zehntausende Deutsche und Ungarn waren von den siegreichen Partisanen erschossen, weitere Zehntausende vertrieben worden. Für den heute 66-jährigen Végel war es erschütternd, dass seine eigene Mutter erst um 1989 zum ersten Mal über jene furchtbaren Ereignisse sprach, derer sie Zeuge wurde, um dann aber alle Einzelheiten und Namen zu nennen.

Auf dem Balkan, diesem ewigen Vorhof Europas, ist der Minderheiten-Angehörige laut Végel dem Generalverdacht ausgesetzt, durch sein schieres „Anderssein“ die Ganzheit – in diesem Fall Jugoslawien, dann Serbien – zu zersetzen. So ist die Mehrheit zur Minderheit auf joviale, paternalistische Weise „tolerant“ – und verfällt in Aggression, wenn der Andere effektive Rechte für sich beansprucht. Oft bleibt dann nur die Rebellion – oder die Resignation, die Selbstaufgabe, das Auswandern.

Der Autor zeichnet dieses Resignieren in feinen melancholischen Tönen nach, gelegentlich untermalt von ätzender Ironie. Sein reflexiver Duktus lässt ihn in der Du-Form zu sich selbst reden, lässt ihn sich selbst befragen, ihn sich selbst beschreiben, etwa als „unglückselige(n) Heimatlose(n), der du an einen verrottenden Pfahl gekettet warst“. Das liest sich ziemlich deprimierend. Doch der aufklärerische Blick, der in der Végelschen Rede immer mitenthalten ist, verhilft dem Leser zu tiefen und treffenden Einsichten in den blutigen, langwierigen Zerfall Jugoslawiens sowie in die Beweggründe und Seelennöte seiner Völkerschaften.

Literaturangaben:
VÉGEL, LÁSZLÓ: Exterritorium. Szenen vom Ende des Jahrtausends. Aus dem Ungarischen von Akos Doma. Matthes & Seitz, Berlin 2007. 255 S., 18,80 €.

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