Werbung

Werbung

Werbung

Eine menschliche Komödie

Die Geschichte eines Provinzstädtchen im Österreich der k.u.k. Monarchie

© Die Berliner Literaturkritik, 07.10.10

DÜSSELDORF (BLK) – „Das Städtchen“ von Hans Adler erschien zum ersten Mal im Jahr 1926. Im Januar 2010 hat der Lilienfeld Verlag eine Neuauflage dieses Romans herausgegeben.

Klappentext: Herr von Seylatz soll in diesem Nest eine Zwischenstufe in seiner Beamtenkarriere absitzen, aber er hat vor, das beste daraus zu machen. Phantasien von einfachen Kleinstadtmädchen werden wach, und immerhin wohnt auch sein alter Freund Titus Quitek hier, einst ein vielversprechendes Malertalent, jetzt Zeichenlehrer an der hiesigen Realschule. Schon bei der ersten Begegnung wirkt Quitek allerdings merkwürdig unglücklich und zerzaust … Um das Schicksal dieses gescheiterten Künstlers herum tut sich bald ein ganzes Panorama menschlichen Daseins auf. Vom Bürgermeister bis zur Prostituierten: gleichermaßen humorvoll-leichtfüßig wie düster-realistisch verwebt Hans Adler die Leidenschaften und Sehnsüchte, die erotische Gier, die Kaltblütigkeiten und das Durchwursteln aller Schichten dieses Provinzortes. Hans Adler erhielt für dieses Buch 1927 sofort den Künstlerpreis der Stadt Wien. 1947 erschien „Das Städtchen“ zuletzt – und das ist viel zu lange her für diesen ganz besonderen, unterhaltsamen und tiefsinnigen Roman.

Hans Adler hieß eigentlich Johann Nepomuk Heinrich Adler und wurde am 13. April 1880 in Wien geboren. Zunächst arbeitete er Jurist. Seine Gedichte gewannen jedoch im „Simplicissimus“ einen solchen Ruf, dass Kurt Tucholsky sie für eine Buchausgabe empfahl. Erst 1920 kam es dann unter dem Titel „Affentheater“ tatsächlich zu dieser Gedichtsammlung. Nach schwerer Erkrankung und Rückzug in den Vorruhestand begann Adler als freier Schriftsteller zu arbeiten – besonders erfolgreich schließlich als Operettenlibrettist. 1926 erschien sein einziger Roman „Das Städtchen“. Hans Adler starb am 11. November 1957  an den Folgen eines Autounfalls.

Leseprobe:

©Lilienfeld Verlag©

Ein zäher, gelber Nebel, dessen Feuchtigkeit mit Braunkohlenruß und chemischen Substanzen gesättigt war, lagerte in den letzten Oktobertagen drohend und ungesund über der kleinen Stadt, bestrich das Pflaster mit glitschiger Nässe, verschlang die Sonne und ließ abends die Gaslaternen der kommunalen Straßenbeleuchtung als grüne Irrlichter auftauchen und jäh verschwinden.

 Nun begann es noch zu regnen.

 Auf dem Rathausplatz stand unter der im Jahre 1663 errichteten Pestsäule der Wachmann Vinzenz Gugurell, die Hände auf dem Rücken, und musterte, mit geröteten Bernhardineraugen blinzelnd, strenge ein paar Schulkinder, die anscheinend vergnügt mit den Schuhabsätzen sinnvolle Kanalsysteme durch den Kot zogen. Sein ergrauender Schnurrbart, durch kunstreiche Heranziehung eines Stückes Backenbart martialisch verbreitert, hing triefend und weinerlich an dem von Wetter und Alkohol gebeizten fleischigen Gesicht. Er ärgerte sich über seine feuchten Füße und fror. Seine Tour hatte um vier Uhr nachmittags begonnen, und aus unverzeihlichem Mangel an Voraussicht hatte er seinen schwarzen Wachstuchkragen, die vorgeschriebene Adjustierung für Regenwetter, in der Wachstube vergessen. Mit bekümmerter Amtsmiene nahm er den Verlauf dieser kläglichen und unwillkommenen Naturerscheinung wahr, für deren anstandslose Abwicklung – insofern sie in seine Dienststunden fiel – er sich persönlich verantwortlich fühlte. Wie täglich um diese Stunde umschritt er die Pestsäule, überquerte den Platz und patrouillierte gemessen durch die Gerechtigkeitsgasse, pflichtgemäß die Straßenkreuzung im Auge behaltend, ob nicht etwa ein Wagen in unerlaubtem Tempo um die Ecke käme oder ein anderes ordnungswidriges Ereignis die Intervention der Sicherheitsbehörde herausfordere. Aber nichts Ungehöriges oder Verdächtiges trat ein. Die Seitengassen duckten sich still und tückisch in die Dämmerung, und die wenigen friedsamen Passanten, die irgendwelche bürgerlichen Verrichtungen ins Freie  zwangen, boten keinen Anlaß zu außergewöhnlichen Maßnahmen. Mit beschleunigten Schritten strebten sie ihren Zielen zu und sahen beleidigt nach den beleuchteten Fenstern, hinter denen sie Trockenheit, Wärme und familiäre Gerüche vermuten konnten. Fast alle tauschten mit dem Wachmann Gugurell einen freundlichen Gruß und hatten bei seinem Anblick eine deutlich betonte Empfindung von Sicherheit und wohltuendem Bevormundetsein.

 Die Trostlosigkeit des Tages verwandelte sich träge in eine verfrühte Nacht. Häßliche Hunde schnupperten verzagt an abgespülten Ecksteinen, fanden sich nicht zurecht und schlichen mit unruhigen Ohren und struppigem Fell die Häuser entlang. Aus den unterirdischen Küchen der vielen kleinen Gastwirtschaften stiegen einladend die scharfen Dünste in Mehl eingebrannter Speisen. Vom Rathausturme zitterten sieben tiefe gesprungene Schläge, und gleich darauf begann die Glocke der Kapuzinerkirche ihren Mahnruf gewohnheitsmäßig und geschäftig in kurzen asthmatischen Anläufen gegen den dunkelbraunen, stinkenden Himmel zu hämmern, der leer und verschlossen über die Dächer gestülpt war.

©Lilienfeld Verlag©

Literaturangabe:

ADLER, HANS: Das Städtchen. Lilienfeld Verlag, Düsseldorf 2010. 332 S., 21,90 €.

Weblink

Lilienfeld Verlag


Bookmark and Share

BLK mit Google durchsuchen: