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Ein Patagonienroman

Auf den Spuren der Vergangenheit

© Die Berliner Literaturkritik, 15.12.10

HAMBURG (BLK) –  Im August 2010 ist der Roman „Woher der Wind weht“ von Guido Rochus Schmidt im Verlag Edition Nautilus erschienen. Es ist der zweite Roman des Autors.

Klappentext: Die faszinierende, windzerzauste Landschaft Patagoniens stellt den Rahmen für diesen Roman dar: „Vereinzelte dunkle Wolkenfetzen rasten am kobaltblauen Himmel dahin, während ihre Schatten blitzschnell, als wären es monströse Sturmvögel, über die im grellen Sonnenlicht flimmernde Steppe hinwegfegten.“ Veit, ein junger Mann, sucht dort in den achtziger Jahren nach seinem Großvater Emil Sailer, der 1922 dort umgekommen ist. Sailer war bei seiner Ankunft in Südamerika mitten in die großen Streiks auf den Schaf-Farmen und anarchistischen Arbeiteraufstände geraten, die die Großgrundbesitzer mit Hilfe von Privatmilizen blutig niederschlagen ließen, und dann verschwunden. Noch sechzig Jahre später stößt Veit bei seiner Suche überall auf misstrauisches Schweigen; die Angst, über die Vergangenheit zu sprechen, ist erdrückend, das Grauen der Militärdiktatur noch präsent. Veit deckt nach und nach die Geschichte seines Großvaters auf, der auf der Suche nach einem besseren Leben in der neuen Welt in die blutigen Kämpfe geriet und für sein Abenteuer mit dem Leben bezahlte. Guido Schmidts Roman beruht auf wahren Begebenheit und kann als politische Ergänzung zu Bruce Chatwins legendärem Buch In Patagonien. Reise in ein fernes Land gelesen werden.

Guido Rochus Schmidt wurde 1953 geboren. Er studierte in München Kommunikationswissenschaft, Politik und Geschichte und absolvierte eine, Druckerlehre. Schmidt lebt und arbeitet als Schriftsteller, Musiker und Drucker in Andechs, Oberbayern. Bisher veröffentlichte er „Die Soldaten der Jungfrau“ – Roman aus dem Süden Mexikos, Frankfurt a. M. und die Kurzgeschichte „Der Grenzgänger in albumtotal“ München. „Woher der Wind weht“ ist sein zweiter Roman.

Leseprobe:

 ©Edition Nautilus Verlag©

Río Gallegos, Patagonien, Januar 1985

Plötzlich tauchte er in der Ferne auf. Ein rot leuchtender Punkt, der sich im flirrenden Licht der Mittagssonne zielstrebig durch die vom Wind geschundenen Weiten der Pampa bewegte. Schwerelos schien er auf dem schnurgeraden Band der Straße dahinzuschweben. Die Staubfahne, die er hinter sich her schleppte, ließ auf ein größeres Fahrzeug schließen. Ich schätzte seine Entfernung auf acht, höchstens zehn Kilometer. Bei einer Geschwindigkeit von sechzig Stundenkilometern würde er kaum länger als zehn Minuten für die Strecke benötigen, vorausgesetzt, er kam bei diesem höllischen Wind und dem miserablen Zustand der Straße überhaupt so schnell voran. Aber wie auch immer, vielleicht hatte ich diesmal Glück. Ich schulterte meinen Rucksack und verließ die Tankstelle.

Eine Windbö warf mich fast um, als ich aus dem Schutz der flachen Wellblechbaracke trat. Vereinzelte dunkle Wolkenfetzen rasten am kobaltblauen Himmel dahin, während ihre Schatten blitzschnell, als wären es monströse Sturmvögel, über die im grellen Sonnenlicht flimmernde Steppe hinwegfegten. Die Luft war erfüllt vom tiefen, sphärischen Brausen des Windes.

Geduckt hastete ich hinüber zur Nationalstraße und kauerte mich hinter meinem Rucksack an den Straßenrand. Gegen die Wolken aus Sand und Staub, die über die Fahrbahn wirbelten, half das jedoch nur wenig. Der Sand scheuerte wie Schmirgelpapier auf der Haut, setzte sich knirschend zwischen den Zähnen fest und trieb mir Tränen in die Augen.

Langsam, unerträglich langsam, kam der rote Punkt näher.

Zwei Tage lang hing ich hier schon fest. In Río Gallegos, der Hauptstadt der Provinz Santa Cruz, 2700 Kilometer südlich von Buenos Aires, einer Ansammlung trister, einstöckiger Wellblechhäuser an der Mündung des gleichnamigen Flusses in den Atlantik.

Das Zentrum der Stadt bestand aus der Kreuzung zweier breiter Avenidas, durch die der Wind den Müll der vergangenen Festtage fegte: ein buntes Gewirr abgerissener Girlanden, ramponierter Weihnachtssterne und zerfetzter Überbleibsel einer offenbar ausgiebigen Silvesterknallerei. Ansonsten gab es einige verwaiste Kneipen, zwei ziemlich heruntergekommene Hotels und am Hafen das verrostende Stahlskelett einer Verladestation.

Ich war in den späten Nachmittagsstunden des Neujahrstages angekommen, nach einem fast zwanzigstündigen Flug von Frankfurt über Dakar nach Buenos Aires und einer zweiundvierzig Stunden dauernden Busfahrt, die mich in den tiefsten Süden Patagoniens geführt hatte, von der Mündung des Río de la Plata bis ans Ende der Welt, auf Waschbrettpisten, die einem die Seele aus dem Leib rüttelten, und über Asphaltstraßen voller Schlaglöcher, die den Reisebus zu Sprüngen zwangen, die dem wildesten Rodeostier alle Ehre gemacht hätten. Mir taten sämtliche Knochen weh, ich konnte kaum noch sitzen, und eine lähmende, von drei nahezu schlaflos verbrachten Tagen und Nächten herrührende Müdigkeit breitete sich in jeder Faser meines Körpers aus. Trotzdem war ich fest entschlossen, sogleich den erstbesten Bus nach Fuentes del Coyle zu nehmen. Als ich eine Fahrkarte dorthin lösen wollte, fand ich mich in einer menschenleeren Bahnhofshalle vor geschlossenen Schaltern. Nur ein uniformierter Stationsbediensteter war damit beschäftigt, Fenster und Eingänge der Halle mit schweren Rollgittern zu sichern. Er erklärte gestenreich, dass der Bahnhof in den kommenden Tagen geschlossen sei. Der nächste Bus in die gewünschte Richtung würde erst wieder zum Heiligedreikönigstag fahren.

 ©Edition Nautilus Verlag©

Literaturangabe:

SCHMIDT; GUIDO ROCHUS: Woher der Wind weht. Edition Nautilus, Hamburg 2010. 384 S., 19,90 €.

Weblink:

Edition Nautilus


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