Von Ulrike Cordes
Melken, mähen und misten. Holz hacken, dreschen und Mehl machen. Kochen, buttern, nähen, stopfen, einwecken. Allein einer Kuh ihr Kalb holen: Die 16-jährige Dora kann all das und mehr, als sie am 11. April 1936, dem Schmerzhaften Freitag des katholischen Kalenders, in Stellung geht. Für zehn Reichsmark im Monat sowie freier Kost und Logis verdingt sich die 1,40 Meter kleine Tochter armer Allgäuer Landwirte von nun an auf fremden Höfen als unermüdlich schaffende Magd um bei nur mäßig steigendem Lohn erst Jahrzehnte später in eine Baumschule zu wechseln. Heute sagt die fast 90-jährige im eigenen Häuschen: Wär' ich noch einmal jung, ich würde wieder ein Leben auf einem Bauernhof wählen. In ihrem spannenden Buch „Ein Tagwerk Leben – Erinnerungen einer Magd“ erzählt Dora Prinz mit Autorin Sabine Eichhorst von einer Arbeits- und Lebenswelt, die mittlerweile exotisch anmutet.
Frühes Aufstehen und Prügelstrafe, Abhängigkeit von Launen der Brotherren und Schwerstarbeit wie Gülle mit Pferd und Wagen ausfahren: Der wegen ihrer Tatkraft und Geschicklichkeit meist geschätzten Untergebenen bleibt keine Härte ihres Standes erspart. Dennoch hat sich die Volksschul-Absolventin Dora Prinz immer wieder neu für diesen Weg entschieden und etwa eine Heirat für sich abgelehnt, nach eigenen Worten aus Furcht vor möglichen Charaktermängeln eines Lebenspartners. Sie liebt Tiere, den Aufenthalt in der freien Natur, die gelegentlichen Feste und nicht zuletzt eine gewisse finanzielle Selbstständigkeit. Unverkennbar steckt in der sozusagen frühemanzipierten Magd eine Menge klassischer Schwabenmentalität: Wenn man arbeitet, zeigt sich immer, ob man was wert ist oder nicht.
Der Wert dieser in einfacher Sprache verfassten Autobiografie liegt in der plastischen Darstellung eines Einzelschicksals, das dennoch für eine ganze Zeit steht. Es handelt sich um die unwiderruflich letzte Periode eines agrarisch geprägten Deutschland mit traditionell ausgerichteten Bewohnern: Während im Dorf noch einige Jahre lang die Hakenkreuzfahnen wehen und ein Parteigenosse Bürgermeister wird, gehen in Prinz Erinnerungen die politikfernen Landleute regelmäßig zur Kirche, beten in Notlagen und vor dem Essen zu Gott. Die verwurzelte Volksfrömmigkeit der Allgäuer vermittelt das Buch durchgehend mit Zitaten von Liedern und Gebeten. Das wirkt auf Dauer leider eher effekthaschend genauso wie die vielen Hefezöpfe, die aufgeschnitten und Rindviecher, die liebevoll gestreichelt werden. Diese um Atmosphäre bemühten, allzu simplen Stilmittel bilden aber auch den einzigen Schatten, der auf die Lektüre von Dora Prinz Lebensgeschichte fällt.
Literaturangaben:
PRINZ, DORA: Ein Tagwerk Leben. Erinnerungen einer Magd. mit Sabine Eichhorst. Droemer Verlag, München 2009. 285 S., 19,95 €.
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