MÜNCHEN (BLK) – Das Sachbuch „Die vergessene Verschwörung – Hans Oster und der militärische Widerstand gegen Hitler“ von Terry Parssinen ist im August 2008 im Siedler Verlag erschienen.
Klappentext: „Wann war eigentlich die letzte Gelegenheit, Hitlers Krieg zu verhindern?“ Über diese Frage einer Studentin musste der Historiker Terry Parssinen lange nachdenken. Schließlich fand er die Antwort in dem kaum bekannten Umsturzversuch um den General Hans Oster, als eine Gruppe hoher Militärs der Wehrmacht im September 1938 einen Putsch gegen Hitler verüben wollte. Herausgekommen ist bei seiner Spurensuche ein atemberaubendes Buch, das aus der Perspektive der Verschwörer von einem vergessenen Kapitel des militärischen Widerstands erzählt. September 1938. Die Nationalsozialisten sind auf dem Höhepunkt ihrer Macht, Hitler kündigt offen die Versailler Verträge auf und fordert damit Frankreich und England heraus. In dieser angespannten Lage planen einige Männer aus der militärischen Führung einen waghalsigen Umsturz: Eine Gruppe um General Hans Oster versucht, Hitlers Herrschaft gewaltsam zu beenden. In letzter Minute wird das Vorhaben durch die überraschend einberufene Münchner Viermächtekonferenz vereitelt – der Friede in Europa ist vorerst noch einmal gerettet, der Staatsstreich muss abgesagt werden. Ein Jahr später beginnt Hitler den Zweiten Weltkrieg. Der amerikanische Historiker Terry Parssinen hat anhand zahlreicher Dokumente die faszinierende Geschichte dieses weitgehend unbekannten Putschversuchs rekonstruiert und schildert packend wie in einem Thriller den dramatischen Verlauf der Ereignisse.
Terry Parssinen, geboren 1941 in Georgia, ist Professor für Geschichte an der University of Tampa in Florida und Experte für Neuere europäische Geschichte und den Zweiten Weltkrieg. Der Sohn eines amerikanischen Besatzungsoffiziers hat für dieses Buch fünf Jahre lang in Archiven und Bibliotheken den Ereignissen um die »Oster-Verschwörung« nachgespürt und mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen. Er lebt und arbeitet in Florida und Philadelphia. (mir/bah)
Leseprobe:
© Siedler Verlag ©
Dieses Buch geht auf Fragen zurück, die mir vor mehreren Jahren nach einer Vorlesung über die Geschichte des Zweiten Weltkriegs an der University of Tampa gestellt wurden.
„Das wär’s für heute. Hat jemand Fragen? Stephanie?“ „Wann bestand die letzte Chance, den Zweiten Weltkrieg zu verhindern?“
„Wohl kurz bevor Hitler am 1. September 1939 Polen angriff, aber vielleicht sogar noch am 3. September, wenn er auf die britische Forderung eingegangen wäre ... .“
„Verzeihung, das meinte ich nicht. Ich meine, wann hatten andere zum letzten Mal die Chance, Hitler vom Krieg abzuhalten?“
Ich dachte eine Weile nach. Während der ganzen Zwischenkriegszeit hatte es Fehler und Fehleinschätzungen von Politikern aller Länder gegeben, die den Ausbruch eines neuen Krieges immer wahrscheinlicher machten. Dennoch bestand allgemeine Übereinstimmung, dass nur ein einziger europäischer Staatsführer einen neuen Weltkrieg anstrebte, und das war Adolf Hitler.
„Das ist eine schwierige Frage“, sagte ich zu der Studentin, „und meine Antwort ist sehr spekulativ. Vielleicht bestand die letzte Chance im September 1938, kurz vor der Münchner Konferenz, als deutsche Generale sich zu einer Verschwörung zusammenschlossen, um Hitler zu stürzen.“
„Ich dachte, die Offiziersverschwörung fand 1944 statt, kurz nach der Landung in der Normandie“, sagte eine andere Studentin.
„Ja, das war die Militärverschwörung vom 20. Juli 1944 unter Führung von Oberst Stauffenberg. Aber es gab schon früher eine Verschwörung, die weniger bekannt ist, nämlich im September 1938, ein Jahr vor Kriegsbeginn“, antwortete ich zögernd und versuchte, mich an die Einzelheiten zu erinnern.
„Hätte sie gelingen können?“
Hätte sie das? Und wenn ja, warum gelang sie nicht?
„Wissen Sie, Stephanie, das ist eine gute Frage, aber darauf muss ich später noch einmal zurückkommen, wenn Sie einverstanden sind.“
Die Fragen meiner Studentin führten dazu, dass ich das Wochenende in der Bibliothek verbrachte auf der Suche nach Informationen über die Verschwörung von 1938. Ich stellte fest, dass die meisten Historiker sie rasch beiseite geschoben hatten. Diejenigen, die die Ereignisse, über die sie schrieben, noch miterlebt hatten, etwa der Engländer J. W. Wheeler-Bennett oder der Amerikaner William L. Shirer, charakterisierten die Verschwörer als unentschlossen, ineffektiv oder ganz einfach als feige. Diesem abträglichen Urteil lag wohl tiefe Enttäuschung oder gar das Gefühl zugrunde, verraten worden zu sein, das Wheeler-Bennett und Shirer empfanden, weil ihre deutschen Bekannten und Freunde aus der Zwischenkriegszeit nichts gegen Hitler unternahmen, als dieser sein wahres Gesicht zeigte. Zwar zeichneten deutsche Historiker derselben Zeit, etwa Gerhard Ritter und Hans Rothfels, ein sehr viel sympathischeres Bild der Verschwörer, aber die Charakterisierungen Shirers und Wheeler-Bennetts setzten sich – zumindest unter angloamerikanischen Historikern – durch.
Deutsche Historiker der zweiten Generation – vor allem Joachim Fest und Peter Hoffmann – haben kluge Verteidigungsschriften des Widerstands vorgelegt. Fest vertritt darin sogar die Auffassung, die Verschwörung von 1938 sei „die vermutlich aussichtsreichste Widerstandsaktion“ gewesen, räumt aber ein: „Was die sogenannte Septemberverschwörung ... . angeht, besteht noch eine Anzahl von Forschungslücken.“ Aber auch hier gab es einige, die den Widerständlern vorwarfen, während des Krieges Verrat geübt zu haben.
Der Vorwurf richtete sich vor allem gegen Hans Oster, eine Schlüsselfigur des Widerstands von 1938 bis 1943, der 1940, ein Jahr nach Kriegsbeginn, deutsche Kriegspläne an den holländischen Militärattaché in Berlin weitergegeben hatte. Sollte man ihn für diese mutige und nur allzu gerechtfertigte Opposition gegen die Nazis ehren oder für die Weitergabe von Geheimnissen, die möglicherweise den Tod deutscher Soldaten bedeuteten, verurteilen? Dieses Dilemma hat man „Oster-Frage“ getauft; dass es noch immer eine Rolle spielt, zeigt, wie gemischt die Gefühle der Deutschen in Bezug auf den Widerstand heute noch sind.
Ein neueres Buch über den deutschen Widerstand, Die Attentäter – Der 20. Juli von der Kollaboration zum Widerstand, hat der bedeutende deutsch-amerikanische Historiker Theodore S. Hamerow 1999 vorgelegt. Sein Urteil über die Verschwörer von 1938 fällt vernichtend aus: „Sie hatten keinen klaren Plan, keine wirksame Organisation, wenig militärische Unterstützung und fast keinen politischen Einfluß.“ Hamerow behauptet, der Umsturzplan sei wegen der Münchner Konferenz gescheitert, und zwar „zur großen Erleichterung der meisten Verschwörer“. In dieser Aussage klingt wieder der alte Vorwurf der Feigheit an. Hamerows Zeuge dafür, dass die Verschwörung unbedeutend gewesen sei, ist kein anderer als Sir Nevile Henderson, der britische Botschafter in Berlin, ein strikter Verfechter jener außenpolitischen Strategie, die als „Appeasement“ bekannt geworden ist. Zu der Verschwörung von 1938 lässt sich ein weniger glaubhafter Zeuge als Henderson kaum finden, schließlich hat sich der Botschafter extrem verbogen in dem Bemühen, die britischen Interessen und Hitlers Ziele als nahezu identisch darzustellen. Hamerows Buch erneuert also die Nachkriegsbewertung der Oster-Verschwörer, wonach es sich um eine kleine Gruppe unbedeutender, feiger NS-Kollaborateure handelte, die 1938 ihren wackligen Plan erleichtert aufgaben, als Hitler Chamberlain in München die Stirn bot.
Während ich las, wuchs in mir die Überzeugung, dass in den deutschen wie in den angloamerikanischen Darstellungen die Verschwörung von 1938 von Anfang an verfälscht worden ist, und zwar infolge persönlicher und politischer Voreingenommenheit ebenso wie aus der tiefen Überzeugung, dass die Verschwörer ihre patriotische Pflicht verletzt hatten.
Es gibt noch zwei weitere, ganz schlichte Gründe, warum die Historiker der Oster-Verschwörung nicht viel Aufmerksamkeit geschenkt haben. Zum einen wurde sie nie ausgeführt. Die Verschwörung unter Oberst Claus von Stauffenberg, der am 20. Juli 1944 eine Bombe in Hitlers Hauptquartier zündete, hat sehr viel mehr Aufmerksamkeit gefunden, obwohl auch sie scheiterte. Selbst wenn Hitler getötet worden wäre, hätte sie den Verlauf des Krieges aber wohl kaum noch beeinflusst, denn Deutschland war schon geschlagen. Doch im Juli 1944 war wenigstens etwas geschehen. Eine Bombe war gezündet worden, und eine Handvoll Offiziere – vor allem im ostpreußischen Hauptquartier, in Berlin und im besetzten Paris – hatte den mutigen, wenn auch vergeblichen Versuch unternommen, Hitler zu töten und das NS-Regime zu stürzen. Im Gegensatz dazu war die Verschwörung von 1938 ein „Nichtereignis“, dem Aufmerksamkeit zu widmen vielen Historikern als Zeitverschwendung erschien.
Zum Zweiten waren Dokumente über diese Verschwörung bis jetzt rar. Deutsche, die sich gegen Hitler verschworen, legten so wenig wie möglich schriftlich nieder, um dem Regime nichts in die Hände zu spielen, das die Verschwörer belastete, da sie im Falle der Entdeckung mit der Verurteilung zum Tode rechnen mussten. 1944 und 1945 verfuhr man mit den meisten „Verrätern“ so. Nur wenige der Verschwörer von 1938 überlebten den Krieg, und von diesen veröffentlichten nur einige Memoiren, in denen sie zu den Ereignissen Stellung nehmen. Zwar haben die Verschwörer Pläne entwickelt, Tagebücher geführt und Briefe geschrieben, aber die meisten dieser Dokumente haben sie selbst vernichtet, weil es einfach zu gefährlich war, sie aufzubewahren. Bis vor kurzem stammte alles, was wir über den Oster-Kreis wussten, aus den Memoiren der wenigen Überlebenden, bruchstückhaften Prozessaussagen aus der Nachkriegszeit und Spuren, die die Londonbesuche der Verschwörer in britischen Archiven hinterlassen hatten. Als ich mich in diese Quellen vertiefte, nahmen mich die Motive, die Kontakte, die zu den Engländern aufgebaut worden waren, und vor allem der Plan zur Machtergreifung allmählich für die Verschwörer ein. Hätten sie Erfolg haben können, fragte ich mich?
Schon bald kam mir bei meinen Forschungen das Glück zu Hilfe. Ich entdeckte eine wertvolle Dokumentensammlung, nämlich den Deutsch-Nachlass im Archiv des U.S. Army War College in Carlisle, Pennsylvania. Harold Deutsch war ein bedeutender Historiker an der University of Minnesota und sprach fließend deutsch. Er schrieb zwei für mein Thema relevante Bücher, nämlich eines über die Blomberg-Fritsch-Krise vom Frühjahr 1938 und eines über die zweite Militärverschwörung von 1939/40. Ein drittes sollte die Oster-Verschwörung behandeln, aber dazu kam es nie.
Gleich nach dem Zweiten Weltkrieg, als er Vernehmungen für das OSS (Office of Strategic Services, den Vorläufer der CIA) durchführte, knüpfte Deutsch Beziehungen zu den wenigen überlebenden sowie den Witwen und Angehörigen der toten Verschwörer. Diese Beziehungen reichten bis in die siebziger Jahre. Deutsch überredete die Betroffenen, ihm ihre Erinnerungen zukommen zu lassen, führte Gespräche, die er auf Band aufnahm, und unterhielt eine umfangreiche Korrespondenz. Einige Interviews wurden in den siebziger Jahren transkribiert, sie befinden sich heute im Archiv des Münchner Instituts für Zeitgeschichte. Der größte Teil des Materials ruhte aber in Deutschs Akten. Als dieser 1995 starb, stifteten seine Kinder den schriftlichen Nachlass dem U.S. Army War College. Dort wird er seither in etwa zwanzig Kartons verwahrt. Ich bin der erste Historiker, der diese Dokumente nach Informationen über die September-Verschwörung durchsucht hat. Was ich gefunden habe, eröffnet in mancher Hinsicht neue Perspektiven auf die Verschwörung und dürfte dazu beitragen, mehr Verständnis für deren Entstehung im Spätsommer und Frühherbst 1938 zu entwickeln.
Sowohl Dokumente aus dem Deutsch-Nachlass als auch aus anderen Quellen belegen, dass die Verschwörer von 1938 einen akribisch ausgearbeiteten Plan besaßen, der einige Aussicht auf Erfolg hatte. In seinem Zentrum stand Oberstleutnant Oster, der Admiral Canaris vom Amt Ausland/Abwehr unterstellt war, dem Nachrichtendienst der Wehrmacht. Das Vorhaben brachte Zivilisten und Militärs zusammen, Menschen, die aus Gewissensgründen Widerstand leisteten, und andere, die das aus rein pragmatischem Antrieb taten. Ganz gleich, ob es sich dabei um Intellektuelle oder um handfeste Militärs handelte, sie alle fürchteten, dass ein neuer Krieg Deutschlands gegen die geballte militärische und industrielle Macht der Westalliierten so enden werde wie der erste.
Osters Rolle ist oft missverstanden worden, vor allem weil man so wenig über seine Beweggründe wusste. Er selbst konnte sich nach dem Krieg ja nicht mehr äußern, und auch seine Papiere haben den Krieg nicht überstanden. Wir kennen ihn nur aus dem, was andere über ihn erzählt haben, aber auch so wird aus dem Deutsch-Nachlass und weiteren Dokumenten deutlich, wie Oster die verschiedenen und so unterschiedlichen Beteiligten zur Zusammenarbeit brachte und Pläne entwickelte, in denen Offiziere, Polizisten, Diplomaten und Zivilisten zusammenwirkten. Sein Posten bei der Abwehr erwies sich dabei für das Vorhaben als äußerst günstig, denn er hatte Zugang zu vielen in- und ausländischen Informationsquellen und die Möglichkeit, sich mit Zivilisten und Offizieren zu beraten, die in der Hierarchie weit über ihm standen. Überdies bot die verdeckte Arbeit bei der Abwehr ihm die perfekte Tarnung für seine konspirative Tätigkeit. Kein anderer Oberstleutnant der Wehrmacht besaß 1938 eine derartige Bewegungsfreiheit.
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Literaturangaben:
PARSSINEN, TERRY: Die vergessene Verschwörung. Hans Oster und der militärische Widerstand gegen Hitler. Übersetzt aus dem Englischen von Martin Richter. Siedler Verlag, München 2008. 288 S., 22,95 €.
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