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Ein Überraschungserfolg

Das Buch „Bang Crunch“ des Kanadiers Neil Smith

© Die Berliner Literaturkritik, 19.11.09

FRANKFURT/MAIN (BLK) – Neil Smiths Buch „Bang Crunch“ wurde im September vom Schöffling Verlag herausgegeben. Darin findet sich eine Sammlung von alltäglichen und fantastischen Geschichten.

Klappentext: In den neun Erzählungen des Debüts von Neil Smith stößt Alltägliches mit Fantastischem zusammen, trifft allzu Menschliches auf eine aus den Fugen geratene Welt, finden sich Menschen in außerordentlichen Situationen wieder. Da ist die bindungsunfähige Mutter eines Frühgeborenen, die nun absurderweise lernen muss, loszulassen. Da ist die Selbsthilfegruppe für Menschen mit gutartigen Tumoren, die anfängt, Bescheidenheit für die Erkrankung verantwortlich zu machen. Oder die kürzlich zur Witwe gewordene Frau, die Trost darin findet, zu der Asche ihres Mannes zu sprechen. Und da ist die Achtjährige, die am Fred-Hoyle-Syndrom leidet, deren Alter sich ausdehnt und zusammenzieht wie das Universum, das im Bang Crunch enden wird. Neil Smith erforscht das menschliche Bedürfnis nach Verbundenheit, wie trügerisch und kostspielig diese auch immer sein mag. Ein literarischer Chronist der condition humaine - intelligent, unterhaltsam und hellsichtig.

Unerwartet populär: Zum Zeitvertreib belegte der damals 36-jährigen Neil Smith einen Kurs über das kreative Schreiben. Seine Kursleiterin ermutigte ihn, seine Geschichten an Literaturzeitschriften zu senden. Diese wurden veröffentlicht, ausgezeichnet und irgendwann ergaben sie einen Erzählband, um den sich gleich mehrere Verlage in einer Auktion bemühten. Bang Crunch ist 2007 in Kanada erschienen und machte den in Montreal Beheimateten über Nacht zum Star. (ros/kum)

Leseprobe:

©Schöffling Verlag©

Du heißt Eepie Carpetrod. Du bist acht Jahre alt und besuchst die Albert-Einstein-Schule, und du bist ein absolut normales Mädchen, jedenfalls bis zu dem Tag in Mrs. Mendelworts Unterricht, als du eine bunte Gestalt zeichnest, die ein gelbes Gesicht mit Glubschaugen und Stupsnase hat, einen Hut, aus dem eine Düse wie bei einem Gartenschlauch herauswächst, ein armloses blaues Rechteck als Brustkasten, Fingerhüte als Brüste, wohlgeformte, in den Knien eingeknickte rote Beine und in Stöckelschuhe gezwängte Füße. Überaus Joan Miró, sagt Mrs. Mendelwort. Mit Surrealismus kennt sie sich ungeheuer gut aus, mit der Aussprache sehr viel weniger, und deshalb korrigierst du sie, SHUAN MI-ROH, sagst du, und du erzählst ihr, dass Miro die katalanische Aussprache bevorzugt hat, und dann schaust du nach unten, auf deine Reproduktion von Mirós FLIEHENDEM JUNGEN MÄDCHEN, und dann hoch zu deiner Lehrerin, deren Mund den Mund deiner Figur widerspiegelt, gekräuselte Überraschung. Nach der Schule gehst du nach Hause zu deinem Wohnblock, wo vor dem Haus der Sohn des Hausmeisters auf Inlinern über die Rollstuhlrampe brettert, ein lockiger Teenager mit einem abgehackten Bellen, wie ein Jack-Russell-Terrier, und Roy kläfft dich an, und du sagst, Tourette-Syndrom? Sein Regenpfützenblick bestätigt deinen Verdacht. Der verrostete Fahrstuhl fährt dich kreischend hoch in deine Wohnung, wo deine alleinstehende Mutter, die Hände in Küchenhandschuhen, ein Eichhörnchen hervorzulocken versucht, das zwischen Bildschirm und Fensterscheibe eingequetscht ist, während die Eingeweide eines Fernsehapparats auf dem Küchentisch liegen, denn deine Mum hat wieder einmal die Röhren abgestaubt. Hast du deine Medizin genommen, fragst du, und du weist darauf hin, dass Divalproex sowohl bei schnellen als auch bei langsamen Depressionszyklen wirksam ist. Während das Eichhörnchen hysterisch keckert, denkst du, ich muss doch begabt sein, aber diese Begabung ist so willkommen wie Wochentags-Unterwäsche zu Weihnachten. Deine Mum, irritiert von deinem anschwellenden Vokabular, geht mit dir zum Arzt, der dich einer dreimonatigen Testreihe unterzieht, und zwischen diesen Tests meisterst du Schreibschrift und Bruchrechnung, liest MADAME BOVARY, wächst sechsunddreißig Zentimeter, und als alle Ergebnisse vorliegen, bricht deine Mum zusammen und verflucht sich, weil sie dich Eepie genannt hat, was ein Name für eine alte Dame ist, denn der Arzt hat soeben erklärt, dass du am Fred-Hoyle-Syndrom leidest, einer seltenen Krankheit, die zwar deine Gehirnkapazität ungeheuer vergrößert, dafür aber bereits angefangen hat, dich jeden Tag ungefähr einen Monat älter werden zu lassen, so dass du auf dem Heimweg in einer Drogerie Slipeinlagen und Deo kaufen musst. Später, während sie die Verwandtschaft anruft und weint, hörst du ein Kläffen und schiebst dein Schlafzimmerfenster auf, und in der Gasse unten siehst du Roy aus einem Müllcontainer klettern, er hält einen verbogenen Hula-Hoop-Reifen in der Hand. Roy ist sechzehn. Du bist sechzehn. Aber dein sechzehn wurde in acht Jahre und acht Monate gepresst. Als du die Feuerleiter hinuntergeklettert bist, fragt Roy: Neu hier in der Stadt?, denn mit Brüsten und im Minirock deiner Mum bist du nicht mehr zu erkennen. Die Ader an seinem Bizeps, das sagst du ihm, erinnert dich an den Gummischlauch, den die Krankenschwester im Krankenhaus beim Bluttest um deinen Arm gelegt hat, und dann sprichst du über Syndrome, als er dich in den Keller des Wohnblocks führt, in einen großen Kellerverschlag, der mit Maschendraht abgeteilt ist und wo er aus Fundstücken Kunst herstellt, sein neuestes Werk ist ein Nest aus Kleiderbügeln, aus dem ein vom Stoff befreiter Regenschirm herausschaut, triumphierend erhobene Knochenfinger. Triumphierend, sagst du, und er hebt deinen Kopf und pflanzt seine Lippen auf deine Stirn, und Minuten vergehen, und er küsst dich nicht, und dann küsst er dich.

©Schöffling Verlag©

Literaturangabe:

SMITH, NEIL: Bang Crunch. Schoeffling Verlag, Frankfurt/Main 2009. 296 S., 19,90 €.

Weblink:

Schöffling Verlag

 


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