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Ein weitreichender Justizskandal

Louis Begleys Studie „Der Fall Dreyfus“

© Die Berliner Literaturkritik, 22.02.10

Von Roland H. Wiegenstein

Frühe Fotos zeigen einen eher schmächtigen Mann mit scharf geschnittenen Zügen und einem Kneifer auf der Nase, gewinnend sieht er auf diesen Bildern nicht gerade aus. Schon gar nicht wie ein brillanter junger Offizier, der dabei ist, die Stufenleiter des militärischen Erfolgs zu erklimmen, dem seine Vorgesetzten eine hohe technische Begabung attestieren, aber auch seine Zurückgezogenheit ankreiden und vor allem: dass er Jude ist.

Der Abgebildete ist der Hauptmann Alfred Dreyfus, geboren 1859 als Sohn einer reichen jüdischen Fabrikantenfamilie aus Mulhouse, das damals noch zu Frankreich gehörte und erst nach dem verlorenen Krieg gegen Preußen 1871 wie das ganze Elsass-Lothringen an das Deutsche Reich fiel. Alfred betrachtete sich – wie jeder in der Familie - als französischen Patrioten, er durchlief die Hohen Schulen mit guten Noten und trat 1893 als „Anwärter beim Generalstab“ seinen Dienst an. Keine zwei Jahre später wurde er wegen des Verdachts, ein „Landesverräter“ zu sein festgenommen und unter Ausschluss der Öffentlichkeit in einem eher summarischen Verfahren von einem Militärgericht zu lebenslanger Haft verurteilt und öffentlich degradiert. Anfang 1895 wurde er auf die „Teufelsinsel“ gebracht und dort unter verschärften Bedingungen in Einzelhaft festgehalten – bis zum Oktober 1899. In einem zweiten Prozess wurde er abermals verurteilt und kurz darauf begnadigt. Erst 1906 wurde er rehabilitiert, zum Major befördert und in die Ehrenlegion aufgenommen. 1907 nahm er, von allen „Kameraden“ geschnitten, seinen Abschied. Im Ersten Weltkrieg kämpfte er an der Front, wurde sogar befördert und starb 1935 fast völlig vergessen in Paris.

Die „Affaire Dreyfus“ aber war der größte politische Skandal der zweiten französischen Republik. Er spaltete die ganze Bevölkerung. Auf der einen Seite standen die „Dreyfusards“, die von der Unschuld des Verurteilten überzeugt waren, auf der anderen Seite ihre Gegner: Militärs, Nationalisten, Monarchisten, Antisemiten und die katholische Kirche. Sie trugen den Streit auch dann noch mit heftiger, sich zuweilen in Attentaten entladender Wucht weiter aus, als an Dreyfus’ Unschuld längst kein vernünftiger Zweifel mehr bestehen konnte und der „wahre Verräter“, Ferdinand Esterházy-Walsin, ein verlotterter, verschuldeter und bestechlicher Offizier, längst entdeckt, aus der Armee 1898 ausgeschlossen und nach England geflohen war. Dort starb er 1923.

Es sind über diese Affaire vermutlich hunderte von Büchern geschrieben wurden, - Emile Zolas „J’accuse“, während Dreyfus Haft geschrieben, wurde sprichwörtlich und trug dem berühmten Autor eine Haftstrafe ein, der er sich durch die Flucht auf englisches Territorium entzog. Spuren der bösen, leidenschaftlichen Auseinandersetzungen finden sich fast überall in Büchern, Broschüren, Zeitungsartikeln der Zeit und die damals entstandenen Fronten lassen sich bis in die Zeit der Vichy-Regierung und ihrer Marionetten während des Zweiten Weltkriegs verfolgen, als Hitlers Truppen Frankreich besetzt hielten.

Fast alle Tatsachen des „Falls“ sind inzwischen aufgeklärt (es gibt nur noch einige dunkle Punkte und die betreffen nur kleine Details), und doch hat sich der über fünfundsiebzigjährige amerikanische Schriftsteller Louis Begley, der im Hauptberuf von 1959-2004 in New York als Anwalt arbeitete, dazu entschlossen, ein weiteres Buch darüber zu schreiben: „Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte.“ Am Tag der Amtseinführung von Barack Obama hat er es mit einem Vorwort beendet. Der Titel ist kein Zufall. Begley behandelt nicht nur eine „cause célèbre“ der Umbruchszeit vom 19. zum 20. Jahrhundert mit der Akribie des erfahrenen Anwalts, er treibt auch Ursachen- und Folgeforschung. Guantánamo steht bei ihm für eine Schuld, ja ein Verbrechen, das die Regierung Bush in unseren Tagen begangen hat. „Der Öffentlichkeit fiel es offenbar leicht, zu glauben, wer in Guantánamo sei, werde schon mit gutem Grund dort sein. Genauso, wie viele Menschen in Frankreich ohne Mühe glauben konnten, Dreyfus sei ein Verräter, weil er Jude war, hatten viele Amerikaner keine Mühe, die Häftlinge in Guantánamo und in CIA-Gefängnissen schon deshalb für Terroristen zu halten, weil sie Muslime sind.“ Es geht, so verschieden die beiden Ereignisse auch sein mögen, um das gleiche Verhalten der Herrschenden: um Rechtsbrüche, Verschweigen, Vertuschen, Fälschen, auch darum, die Öffentlichkeit hinters Licht zu führen.

Begley denkt darüber nach, wie es zu solchen Skandalen kommen kann: „Unterdrückung und Ungerechtigkeit suchen immer wieder die gleichen Opfer: Außenseiter und Minderheiten, die Abneigung und Misstrauen wecken. In diesem Fall ist die Schuld immer zweifellos. Das war der Grundsatz in Kafkas Strafkolonie, und die Bush-Regierung verfuhr mit den Gefangenen, die sie im Zuge des Krieges gegen den Terror gemacht hatte, nach einem sehr ähnlichen Prinzip. Man kann kaum glauben, dass die skandalösen Verstöße gegen US-Gesetze und internationale Menschenrechte ohne dies Prinzip zustanden gekommen wären.“

Er beschreibt die Menschen, die Dreyfus verteidigten und am Ende „retteten“ und verneigt sich vor jenen amerikanischen Journalisten, Richtern, und Anwälten, die Bushs und Cheneys Vorgehen nicht billigten: „Sie retten die Ehre der Nation.“

Um „Ehre“ war es auch im Frankreich um die Jahrhundertwende gegangen: die Ehre der Armee, die nach dem verlorenen Krieg 1870/71 und der Niederschlagung des Aufstands der „Commune“ den braven Bürgern (die ihren zivilen Regierungen nicht trauten), als letzte Bastion gegen Unordnung und Anarchie galt, und die bereit waren, alles für wahr zu halten, was Generäle und Kriegsminister behaupteten. Um die „Ehre“ ging es aber auch Dreyfus, dem Patrioten, der gern Offizier geworden war, obwohl ihm der ererbte Reichtum ein geachtetes ziviles Leben gestattet hätte.

Wie weit eine „Kaste“ gehen kann, wenn sie ihre Privilegien und ihre angebliche Unfehlbarkeit zu verteidigen entschlossen ist, wie „Corpsgeist“ die Köpfe vernebelt und auch ungesetzliche Handlungen entschuldigt, das führt Begley mit dem Scharfsinn eines beschlagenen Juristen so ausführlich aus und deckt jeden Winkelzug, jeden Verfahrensfehler so schonungslos auf, dass dem heutigen Leser ob der vielen Namen und Verwicklungen, ob der Zahl der vom Militär falsch zugeschriebenen Dokumente und nachgereichten Fälschungen schwindlig werden kann. Er braucht den am Ende des Buchs nachgereichten peniblen Zeitablauf und die Personalliste, in der die Protagonisten (auch die Unterstützer) aufgeführt werden. Eines wird aus seiner Darstellung vollends deutlich: eine derart in die Ecke gedrängte mächtige Gruppierung wie eine Armeeführung kann sich nicht selbst aus dem Sumpf ziehen, auch wenn einzelne ehrenwerte Offiziere das versuchten (wie jener Picquart, ohne den Dreyfus, trotz aller Unterstützung von außen, verloren gewesen wäre – auch er wurde eingesperrt) – es bedarf einer zur Ehrlichkeit entschlossenen politischen Führung, die den Skandal beendet. Erst 2006 hat der damalige französische Präsident Jacques Chirac – hundert Jahre nach dem Freispruch – in einer Gedenkrede auf dem Hof der Ècole militaire Alfred Dreyfus gedacht: „So sah sich dieser Offizier, den Tod in der Seele, gezwungen, die Armee zu verlassen. Und deshalb schuldet es die Nation sich, ihm heute feierlich Ehre zu erweisen.“ Dreyfus als Vorbild! Das hat lange gedauert.

Warum? Weil Dreyfus Jude war! Zwar gab es in der Armee der Zweiten Republik einige jüdische Offiziere, sogar Generäle, aber die Kaste verachtete sie, sie waren nicht satisfaktionsfähig. Die jüdische Gemeinde in Frankreich war mit nicht einmal neunzigtausend Köpfen eher klein, weithin assimiliert und - immens erfolgreich. Denn Juden hatten seit 1791 das volle Bürgerrecht (das in anderen europäischen Nationen erst im Lauf des 19. Jahrhunderts erkämpft werden konnte, und das oft nur mit - mindestens gesellschaftlichen – Einschränkungen), und bewegten sich gleichberechtigt in der entstehenden industriellen Moderne. Das rief bei vielen Franzosen erheblichen Neid hervor und machte sie zu mentalen Antisemiten, nach dem Beispiel der alten Eliten: den Monarchisten, den Militärs, Verwaltungsbeamten und nicht zuletzt dem hohen Klerus. (Selbst ein Feingeist wie Paul Valery wurde angesteckt.) Diesen Gruppen fiel es leicht, immer wieder zur Judenhatz zu blasen, unterstützt von einer rechten Kampfpresse, die die Juden verteufelte. „Die Juden, die vor ihrer Emanzipation Jahrhunderte lang unterdrückt, gequält und verhöhnt worden waren, hatten sich in die neue Freiheit und in die gute Nachricht verliebt: Sie konnten so sein wie andere Menschen, wenn sie nur wollten. Wenn sie hart arbeiteten, wenn sie gute Bürger waren, würden sie die Flügel ausbreiten können. Das Versprechen war wunderbar, aber es ließ die harte Tatsache außer Acht, die in jenen berauschenden Tagen wahrscheinlich nicht offensichtlich war: Die anderen Menschen wollten nicht, dass die Juden so waren wie sie. Aber die Juden verstanden es nicht, sich so klein zu machen, dass sie niemandem im Weg waren. Dreyfus glaubte weiter an die Armee und seinen Offiziersrang.“

Das war sein Fehler: er kam der Kaste in den Weg und einer Gesellschaft, die an diese glaubte. Zu dieser Kaste gehörten natürlich auch die Militärrichter, die sofort einknickten, wenn hohe Offiziere im vollen Ordensschmuck in den Zeugenstand traten.

Begley schließt sein Buch mit einem ausführlichen Bericht über die Literatur der Zeit, in der sich die Dreyfus-Affaire und vor allem die Anstrengungen der Dreyfusards spiegelten: natürlich bei Zola, aber auch bei Anatole France und – Marcel Proust, der in seinem Roman-Epos „Auf der Suche nach der verlorenen Zeit“ immer wieder auf Dreyfus zu sprechen kommt – und den Salon-Antisemitismus der „feinen Gesellschaft.“ Dies ist eine sehr plausible Ergänzung der juristischen Aufarbeitung des Falls, macht sein ohnehin wichtiges und gut geschriebenes Buch zu einem, das altbekannten Tatsachen neue Facetten hinzufügt. Und ein Buch, das eben bis Guantánamo reicht: bis in unsere Zeit. Es ist ein Monitum auch an die Politik. Die Alpträume der Geschichte können sich leicht wiederholen.

Literaturangabe:

BEGLEY, LOUIS: Der Fall Dreyfus: Teufelsinsel, Guantánamo, Alptraum der Geschichte. Aus dem Amerikanischen von Christa Krüger. Suhrkamp Verlag, Frankfurt/Main 2009. 248 S., 19,80 €.

Weblink:

Suhrkamp Verlag


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