Von Gabriele Struck
Er galt als unermüdlicher Schreiber. Einen großen Roman aber gibt es von Franz Fühmann nicht. Der war gerade in Arbeit, als er vor 25 Jahren am 8. Juli seinem Krebsleiden erlag. Der Roman mit dem Titel „Im Berg“ ist 1993 als Fragment erschienen. Bereits in den 70er Jahren hatte Fühmann das Projekt begonnen. Dabei ging es um seine Erfahrungen als Bergmann in den Gruben von Sondershausen (Thüringen) und Sangerhausen (Sachsen-Anhalt), wo Kali und Kupfer abgebaut wurden. Die eigene körperliche Erfahrung als Ausdruck von Authentizität war dem Schriftsteller Fühmann immer ein Anliegen.
Fühmann hat ein so umfangreiches Erbe hinterlassen wie kaum ein zweiter Autor der Nachkriegsgeneration. 17.000 Bände umfasst sein literarischer Nachlass. „Bemerkenswert ist seine Vielseitigkeit“, sagt die Rostocker Literaturwissenschaftlerin Hella Ehlers, die Fühmann Anfang der 70er Jahre persönlich als großen, weisen und zurückhaltenden Menschen erlebt hat. Mit seinen Kinder- und Jugendbüchern wie „Die Suche nach dem wunderbunten Vögelchen“ oder seinen Nacherzählungen von Sagen und Märchen seien ganze Generationen in der DDR aufgewachsen. Fühmann sei ein exzellenter Nachdichter von Werken der osteuropäischen Literatur gewesen. Der Sprachkenner und Wortakrobat Fühmann schrieb Novellen und Essays, Tagebücher, Erzählungen, Hörspiele und sogar ein Ballett. Für die Verfilmungen vieler seiner Werke verfasste er die Drehbücher.
Geboren wird Fühmann 1922 im böhmischen Rochlitz. Als Soldat der Wehrmacht gerät er 1945 in sowjetische Kriegsgefangenschaft und lebt nach jahrelanger Umerziehung in einer sowjetischen Antifa-Schule in der DDR. Wie viele seiner Schriftstellerkollegen begibt er sich auf den „Bitterfelder Weg“. Nach dem Willen der SED sollten Autoren in der Produktion arbeiten, um hier literarische Themen zu finden. Fühmann arbeitet auf der Rostocker Neptun-Werft und schreibt dort 1961 seine bekannteste Reportage „Kabelkran und blauer Peter“. Im Rostocker Hinstorff-Verlag werden bis auf die Kinderbücher, alle seine kommenden Werke erscheinen.
Vom Sozialismus ist Fühmann ab Ende der 60er Jahre immer weniger überzeugt, sieht sich als Autor zu sehr bevormundet. Er tritt aus dem Schriftstellerverband aus und ist 1976 einer der ersten Unterzeichner des Protestbriefes gegen die Ausbürgerung des Liedermachers Wolf Biermann aus der DDR. In seinem Schaffen wendet sich Fühmann Märchen und mythologischen Stoffen zu, schreibt zum Beispiel eine Prosa-Fassung des Nibelungenliedes, das er von der Vereinnahmung durch den Nationalsozialismus „entschlacken“ will, wie Ehlers sagt.
„Fühmann ist erfahrenswert, und von weltliterarischem Rang, weil er die Erfahrungen der Kriegsgeneration und der Heimkehrer festgehalten hat, über herausragende Persönlichkeiten der Kulturgeschichte wie E.T.A. Hoffmann, Georg Trakl, Ernst Barlach und Siegmund Freud reflektiert hat und sich um die Wiederentdeckung der griechischen und germanischen Mythologie für das 20. Jahrhundert verdient gemacht hat“, urteilt die Literaturwissenschaftlerin. Fühmann habe immer Leser gehabt und finde erfreulicherweise auch in den alten Bundesländern zunehmend neue, erklärt Hinstorff-Verlagsleiterin Eva-Maria Buchholz. Vor allem die Kinderbücher seien sehr gefragt.
Im Herbst bringt der Verlag Fühmanns Nacherzählung von Shakespeares „Wintermärchen“ heraus. Seit dem Frühjahr gibt es bei Hinstorff auch eine neue Fühmann-Biografie von Gunnar Decker mit dem Titel „Die Kunst des Scheiterns“. Fühmann habe stets an sich gezweifelt und geglaubt, an der Kulturpolitik, den Verhältnissen und an sich selbst gescheitert zu sein, vor allem auch, weil er keinen Roman geschaffen habe, sagt Ehlers. Seine vielen wundervollen Werke aber räumten jeden Zweifel aus.
Literaturangabe: DECKER, GUNNAR: Franz Fühmann. Die Kunst des Scheiterns. Eine Biografie. Hinstorff Verlag, Rostock 2009. 456 S., 24,90 €.
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