Berlin (BLK) – Im August 2010 erschien „Meine sehr italienische Familie“ von Daria Bignardi im List Verlag. Das Buch wurde aus dem Italienischen von Esther Hansen übersetzt.
Klappentext: Als ihre Mutter Giannarosa stirbt, erinnert sich Daria an die Geschichte ihrer Familie: An die leidenschaftliche Liebe ihrer Eltern, die sich 1944 im Bombenhagel kennenlernen. An ihren Vater Vico, einen Kavalier alter Schule, der seine beiden Töchter vergöttert, wie es nur ein italienischer papà tun kann. Sie erzählt auch von dem „heiligen Onkel“, dem Kater Micione und dem Landsitz ohne Wasser. Daria Bignardi schreibt über all die Kleinigkeiten, die ihre Spuren hinterlassen haben und die aus einer normalen Familie etwas ganz besonderes machen.
Sehnsuchtsvoll und leidenschaftlich, liebevoll und mit einem Augenzwinkern erzählt Daria Bignardi die Geschichte ihrer Mutter und ihrer Familie.
Daria Bignardi wurde 1961 in Ferrara geboren. Heute lebt sie mit ihrer Familie in Mailand. Sie ist die erfolgreichste Fernsehjournalistin Italiens. Für „Meine sehr italienische Familie“ erhielt sie den Premio Rapallo Carige.
Leseprobe:
©List Verlag©
Erwachsene Waisen
Auf den Schmerz war ich gefasst. Seit vierundzwanzig Jahren, seit dem Tag, als mein Vater starb. Ja, länger noch: seit sie mir gleich nach dem Abitur sagten, dass er krank war, und ich davonlief.
Nach Ferrara kehrte ich erst wieder in der Nacht zurück, als er starb. Und jene Nacht verbrachten wir zusammen.
Es ist schön, bei einem Sterbenden zu sein.
In jener Nacht schien es mir, als gebärte ich ihn selbst, während mein Vater unter Schmerzen von mir ging: keineswegs friedvoll, keineswegs stark, sondern menschlich wie Jesus am Kreuz.
Bei ihr kam ich eine halbe Stunde zu spät, nachdem ich mein ganzes Leben lang nicht von ihrer Seite gewichen war, auch wenn wir schon Jahre nicht mehr zusammen wohnten.
Ich bin die Tochter alter Eltern, was meine Mutter mir von klein auf wiederholte. Es bedeutete, ich würde früh auf eigenen Füßen stehen müssen, was ich auch tat. Sie sagte das, um sich selbst zum Opfer zu machen. In Wirklichkeit hätte sie gerne bis zu meinem Fünfzigsten für mich gesorgt, wenn sie gekonnt und ich sie gelassen hätte.
Meine Mutter hieß Giannarosa, doch mein Onkel Ferruccio nannte sie immer augenzwinkernd „la Gennerosa“, die Großzügige, ihrer üppigen Reize und vor allem ihres typisch romagnolischen Wesens wegen, impulsiv und irrational.
Von dem Tag an, als ich mit dreiundzwanzig Jahren nach Mailand zog, telefonierten wir jeden verdammten Morgen bis spätestens zehn Uhr miteinander. Meine Schwester Donatella und ich sagten immer, meine Mutter sei schlimmer als die CIA. Sie spürte mich in Asien auf, in Amerika, in Sarajevo während des Krieges, auf einer Insel ohne Telefon. Wo ich auch war, wir schafften es immer, dass entweder sie mich oder ich sie anrief, selbst lange vor der Erfindung des Handys.
Jahrelang habe ich nachts davon geträumt, meine Mutter anrufen zu müssen und kein Telefon zu finden. Nicht, dass wir großartige Gespräche geführt hätten, sie wollte sich nur vergewissern, dass es mir gutging, dass ich in der Nacht nicht durch austretendes Gas oder einen Serienmörder umgekommen war.
Als dann meine Kinder auf der Welt waren, wollte sie kontrollieren, ob auch sie noch am Leben waren.
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Wir sahen uns alle zwei Monate, außerdem immer an Weihnachten und an ihrem Geburtstag. Dabei redeten wir nicht viel miteinander - ich konnte ihr ja fast nichts erzählen, aus Angst, dass sie dann in Sorge wäre -, und so berichtete ich nur von den schönen Dingen, oder versuchte es zumindest.
Da ich nie ein besonders positiver oder lustiger Mensch gewesen bin, ist mir das wahrscheinlich nicht gelungen. Ich brachte ihr Bücher und Geschenke mit, wir saßen in der Sonne und aßen, lauschten dem Gerede der Kinder.
Wir hatten ein sehr inniges Verhältnis, das tief in der Kindheit wurzelte.
Als ich klein war, waren wir immer zusammen. Sie gab mich nicht in den Kindergarten, angeblich damit ich vormittags schlafen konnte, in Wirklichkeit wollte sie die Trennung so lange wie möglich hinausschieben.
Sie war Lehrerin und brauste morgens um acht wie eine Furie in ihrem weißen Fiat 500 davon. Um fünf nach acht war sie schon in der Schule - Ferrara ist klein.
Ich blieb zu Hause bei Rosa, der Putzfrau. Die schloss sich eines Tages aus, als sie auf der Dachterrasse des Mietshauses mit mir zusammen Wäsche aufhängen wollte. Um wieder hineinzukommen, ließ sie mich von dort oben hinab, damit ich durch ein Fenster einsteigen konnte. Als meine Mutter davon erfuhr, wäre sie vor Schreck fast gestorben, doch entlassen konnte sie Rosa nicht, denn wer hätte dann auf mich aufgepasst? Die einzige noch lebende Oma wohnte in Bologna, meine Schwester Donatella ging aufs Gymnasium, mein Bruder Micione war ein Kater, und mein Vater war als Futtermittelvertreter mit seinem Fiat 1500 stets in den Ställen der Poebene unterwegs, den Kofferraum vollgeladen mit Tierfutter und Kundengeschenken in Form von Schlüsselanhängern, mit leeren Keksdosen, Notizbüchern, Patronen für sein Jagdgewehr ...
Das ist der Tod, abgesehen davon natürlich, dass der Verstorbene nicht mehr da ist: das Leben mit all seinen Erinnerungen.
Und Liebe. All die Liebe, die derjenige, der gestorben ist, uns gegeben hat, ob er nun gut war oder schlecht.
Deshalb leiden wir so, wenn unsere Eltern sterben: Wir wissen genau, dass uns nie wieder jemand so lieben wird.
Deshalb weinen wir so jämmerlich.
Wenn sie an einer Krankheit sterben, ist es ein langes Ringen. Wenn sie unerwartet sterben, ist es ein Dolchstoß ins Herz. Dir fehlt ein Teil, und du kannst dir nicht vorstellen, ohne ihren Blick auf dich weiterleben zu können. Ohne die Möglichkeit, jemanden glücklich zu machen, nur indem du ihn anrufst, indem du lächelst, indem du an ihn denkst, durch eine kleine Geste, die dich nichts kostet, nur indem du zufrieden bist. Nur indem es dich gibt.
Du begreifst, dass das Einzige, was im Leben zählt, die Liebe ist. Die Liebe, die du dem schenkst, der sie braucht, seien es nun deine Kinder, deine Großeltern oder jemand, dem du auf der Straße begegnest. Dass es richtig ist, freundlich und geduldig zu sein, denn all das, was wir nicht gegeben haben, wiegt viel schwerer als das, was wir vielleicht verpasst haben: Zeit, Unterhaltung, Ruhe.
Du bildest dir ein, dass du nun, wo du es begriffen hast, dein restliches Leben damit verbringen wirst, deinen Nächsten zu lieben.
Vielleicht wirst du es tun. Vielleicht auch nicht.
©List Verlag©
Literaturangabe:
BIGNARDI, DARIA: Meine sehr italienische Familie. Übersetzt aus dem Italienischen von Esther Hansen. List Verlag, Berlin, 2010. 186 S., 18,00 €
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