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Eine große Liebe im Berlin der wilden Zwanziger

Der Roman „Die Madonna im Pelzmantel“ von Sabahattin Ali

© Die Berliner Literaturkritik, 26.09.08

 

ZÜRICH (BLK) – Der Roman „Die Madonna im Pelzmantel“ von Sabahattin Ali ist im August 2008 im Dörlemann Verlag erschienen.

Klappentext: In Ankara kennt man Raif Efendi als unscheinbaren, duldsamen Mann, der weder die Eskapaden seiner Töchter, noch die Verleumdungen am Arbeitsplatz meistert. Kaum jemand ahnt, wer sich hinter der Maske stummen Gleichmuts verbirgt. Ein eng beschriebenes Schulheft, das Jahre in der Dunkelheit seines Schreibtischs überdauert hat, lüftet endlich sein Geheimnis. Die Aufzeichnungen führen in das Berlin der zwanziger Jahre. Arbeiter und Bohemiens heben in miefigen Absteigen die Gläser auf eine ungewisse Zukunft, und eine geheimnisvolle junge Malerin – die „Madonna im Pelzmantel“ – kreuzt wie zufällig Raifs Wege. Als er sie eines Abends in einem Nachtklub singen hört, weiß er, daß ihrer beider Schicksal untrennbar verwoben ist. Sabahattin Ali erzählt von dem ebenso mutigen wie schmerzhaften Versuch, Fremdheit in Nähe zu verwandeln. Eine hinreißende deutsch türkische Liebesgeschichte und eine Ode an das Berlin der wilden Zwanziger.

Sabahattin Ali wurde am 12. Februar 1906 in Gümülcine geboren. Nach seinem Studium in Berlin und Potsdam lehrte er in der Türkei Deutsch. Ali musste zeitlebens gegen die Zensur kämpfen, 1932 wurde er wegen eines Satire-Gedichts über Atatürk für ein Jahr inhaftiert. 1944 gab er in Istanbul das Satire-Blatt „Markopasa“ heraus. Am 2. April 1948 wurde Ali auf der Flucht ins Exil an der bulgarischen Grenze ermordet. Bis heute ist ungeklärt, ob er einem Raubmord oder einem politischen Anschlag zum Opfer fiel. Zuletzt erschien sein Roman „Der Dämon in uns“ (Unionsverlag, 2007) in der Übersetzung von Ute Birgi. (bah/dan)

 

Leseprobe:

© Dörlemann Verlag ©

Unter allen Menschen, die meinen bisherigen Lebensweg kreuzten, hat einer mich ganz besonders beeindruckt. Und obwohl seit unserer ersten Begegnung Monate vergangen sind, hält dieser starke Eindruck unvermindert an. Wann immer ich mit mir allein bin, taucht in aller Lebendigkeit das offene Gesicht des Raif Efendi vor mir auf, mit seinen etwas weltfremd dreinblickenden Augen, die jedoch immer sofort zu einem Lächeln bereit waren, sobald sie auf einen Menschen fielen. Dabei war Raif Efendi keineswegs außergewöhnlich, vielmehr gehörte er zu jenen ganz normalen Sterblichen ohne herausragende Eigenschaften, wie sie uns täglich zu Hunderten begegnen und denen wir kaum einen Blick schenken. Mit Sicherheit gab es in keiner der uns mehr oder weniger bekannten Facetten seines Lebens irgendwelche besonderen Umstände, die unsere Neugierde hätten wecken können. Beim Anblick solcher Zeitgenossen fragen wir uns oft: „Wozu leben sie überhaupt? Welches Ziel verfolgen sie in ihrem Dasein? Wo liegt die Logik oder der tiefere Sinn, der ihnen befiehlt, auf dieser Erde zu wandeln?“

Doch bei derartigen Überlegungen sehen wir eben nur das Äußere jener Menschen. Es kommt uns gar nicht in den Sinn, dass auch sie einen Kopf mit sich herumtragen, in welchem, ob sie es wollen oder nicht, ein zum ständigen Funktionieren verurteiltes Hirn liegt, das ihnen ihr ganz eigenes Bewusstsein gibt. Wenn wir, statt diesen für uns undurchschaubaren Individuen jegliches Seelenleben abzusprechen, auch nur ein wenig neugierig wären und ihre verborgene Innenwelt zu erforschen versuchten, würden wir sehr wahrscheinlich auf überraschende Dinge, ja unerwartete Schätze stoßen. Doch der Mensch zieht es offensichtlich vor, auf bekanntem Terrain zu forschen. In einen Brunnen hinabzusteigen, von dem alle wissen, dass er von einem Ungeheuer bewohnt wird, setzt ja viel weniger Mut voraus, als wenn der Held keine Ahnung hat von dem, was ihn dort unten erwartet. Und so ist es eigentlich nur dem Zufall zu verdanken, dass ich Raif Efendi dann doch noch besser kennenlernte.

© Dörlemann Verlag ©

Literaturangaben:
ALI, SABAHATTIN: Die Madonna im Pelzmantel. Übersetzt aus dem Türkischen von Ute Birgi. Dörlemann Verlag, Zürich 2008. 256 S., 19,80 €.

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