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Eine haltbare und wirksame Gedichtssuppe

Ernest Wichners neuer Gedichtband „Steinsuppe“

© Die Berliner Literaturkritik, 01.04.08

 

MÜNCHEN (BLK) – Ernest Wichners Gedichtband „Steinsuppe“ wurde vom Verlag Lyrikedition 2000 neu verlegt.

Klappentext:„Bedeutungsruinen auf strahlendem Weiß“ heißt es in einem Gedicht von Ernest Wichner, dessen Band „Steinsuppe“ erstmals 1988 im Suhrkamp Verlag erschien. Wiederbelebt und um zehn Gedichte erweitert erscheint er heute neu und beweist damit seine Haltbar-, aber auch Wirksamkeit. Diese Gedichte machen immer noch satt und liegen dabei nicht schwer im Magen. In seinem Nachwort erläutert der Autor den Titel „Steinsuppe“, der auf die Geschichte eines Landstreichers zurückgeht, der sich zu den mitgebrachten Steinen alle weiteren Zutaten zur Suppe erbettelt. Zutaten gibt es hier viele, denn das poetologische Verfahren Wichners ist ganz der Intertextualität verschrieben. Seine Gedichte sind den bedeutendsten Vertretern der experimentellen Poesie gewidmet, u.a. Ernst Jandl, Hans Arp, Tristan Tzara und Oskar Pastior.

Eine spannende Wiederentdeckung, die die Tradition der Avantgarde aufleuchten lässt.

Ernest Wichner, geboren 1952 in Guttenbrunn (Banat/Rumänien), lebt seit 1975 in Deutschland. Er studierte Germanistik und Politologie an der Freien Universität Berlin. Er ist Autor, Literaturkritiker und Übersetzer aus dem Rumänischen. Von 1988 bis 2003 war er stellvertretender Leiter des Literaturhauses Berlin, seit März 2003 ist er dessen Leiter. Er veröffentlichte u.a. den Erzählband „Alte Bilder“ (2001), die Gedichtbände „Die Einzahl der Wolken“ (2003) und „Rückseite der Gesten“ (2003) sowie als Herausgeber seit 2003 die Werkausgabe von Oskar Pastior.

 

Leseprobe:

© Lyrikedition 2000 ©

Banater Dorf mit Schweiß im Gedicht

heut ist Sonntag den ganzen

Tag über fünf Uhr die Züge

halten nicht an Spaziergänger

 

gehn vorbei und bleiben im Blick

Feld die Nachrichten vom letzten

Sommer wälzen sich über die

 

Wiesen blecherne Kirchtürme wohin

man sich wendet Abseitspfiffe

die dem Nachmittag gelten Radfahrer

 

über den Dächern Singvögel im

Kopf und ein Mittelstürmer sieht

rot muß hinaus kommt herein

 

völlig verschwitzt ins Gedicht

 

Arad

was Erinnerung hält

sind Dächer

spitze Gestalten

fallen dem Morgen zu, grau

vor zuviel Angst

 

vorgezerrt ins Neon

zwei dunkle Blicke

 

drin aber

Musik und Qualm

einschnappende Maschinen

beim Morgenkaffee

Heimat beim Kriegerdenkmal am Ende der Straße wo die alten Weiber den Spatzen zusehn und krächzen unter Akazien das Dorf sich buckelt und aufsteigt bis hinter die Kirche mit den vielen Blitzen und Gottes Groll da gehen die Helden spazieren abends mit Schärpen um faulige Münder geschlagen damit die Kleinen nicht wegstieben zur Mutter hin schreiend und mit rotem Aug

 

Nenn ich es Haus noch einmal

steht es da gebeugt

dem heißen Sommerwind

dem Frost dann überlassen

neigt sich

duckt sich nieder wie vor Scham

und Schmerz

 

Kein Wunder daß es überdauert

 

Lehmgestampfte Schräge Buckelwand

der Brunnenschacht beinah verschüttet

das Dach in Wellenlinien

angepaßt dem Sturm dem Mittag

und dem Licht. Die Fäulnis

in den Reben Bäumen

und im Zaun

 

Ein Nachbargarten

der herüberwächst

 

Nenn ich es Haus noch einmal

ist es Haus ist Fenster blind

und blinde Tür nichts mehr

das Einlaß böte oder Blick

 

Ich nenn es Haus

von weither blinder Spiegel

Aberglück

© Lyrikedition 2000 ©

Literaturangaben:
WICHNER, ERNEST: Steinsuppe. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2008. 108 S., 11,50 €.

Verlag


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