MÜNCHEN (BLK) – Ernest Wichners Gedichtband „Steinsuppe“ wurde vom Verlag Lyrikedition 2000 neu verlegt.
Klappentext:„Bedeutungsruinen auf strahlendem Weiß“ heißt es in einem Gedicht von Ernest Wichner, dessen Band „Steinsuppe“ erstmals 1988 im Suhrkamp Verlag erschien. Wiederbelebt und um zehn Gedichte erweitert erscheint er heute neu und beweist damit seine Haltbar-, aber auch Wirksamkeit. Diese Gedichte machen immer noch satt und liegen dabei nicht schwer im Magen. In seinem Nachwort erläutert der Autor den Titel „Steinsuppe“, der auf die Geschichte eines Landstreichers zurückgeht, der sich zu den mitgebrachten Steinen alle weiteren Zutaten zur Suppe erbettelt. Zutaten gibt es hier viele, denn das poetologische Verfahren Wichners ist ganz der Intertextualität verschrieben. Seine Gedichte sind den bedeutendsten Vertretern der experimentellen Poesie gewidmet, u.a. Ernst Jandl, Hans Arp, Tristan Tzara und Oskar Pastior.
Eine spannende Wiederentdeckung, die die Tradition der Avantgarde aufleuchten lässt.
Ernest Wichner, geboren 1952 in Guttenbrunn (Banat/Rumänien), lebt seit 1975 in Deutschland. Er studierte Germanistik und Politologie an der Freien Universität Berlin. Er ist Autor, Literaturkritiker und Übersetzer aus dem Rumänischen. Von 1988 bis 2003 war er stellvertretender Leiter des Literaturhauses Berlin, seit März 2003 ist er dessen Leiter. Er veröffentlichte u.a. den Erzählband „Alte Bilder“ (2001), die Gedichtbände „Die Einzahl der Wolken“ (2003) und „Rückseite der Gesten“ (2003) sowie als Herausgeber seit 2003 die Werkausgabe von Oskar Pastior.
Leseprobe:
© Lyrikedition 2000 ©
Banater Dorf mit Schweiß im Gedicht
heut ist Sonntag den ganzen
Tag über fünf Uhr die Züge
halten nicht an Spaziergänger
gehn vorbei und bleiben im Blick
Feld die Nachrichten vom letzten
Sommer wälzen sich über die
Wiesen blecherne Kirchtürme wohin
man sich wendet Abseitspfiffe
die dem Nachmittag gelten Radfahrer
über den Dächern Singvögel im
Kopf und ein Mittelstürmer sieht
rot muß hinaus kommt herein
völlig verschwitzt ins Gedicht
Arad
was Erinnerung hält
sind Dächer
spitze Gestalten
fallen dem Morgen zu, grau
vor zuviel Angst
vorgezerrt ins Neon
zwei dunkle Blicke
drin aber
Musik und Qualm
einschnappende Maschinen
beim Morgenkaffee
Heimat beim Kriegerdenkmal am Ende der Straße wo die alten Weiber den Spatzen zusehn und krächzen unter Akazien das Dorf sich buckelt und aufsteigt bis hinter die Kirche mit den vielen Blitzen und Gottes Groll da gehen die Helden spazieren abends mit Schärpen um faulige Münder geschlagen damit die Kleinen nicht wegstieben zur Mutter hin schreiend und mit rotem Aug
Nenn ich es Haus noch einmal
steht es da gebeugt
dem heißen Sommerwind
dem Frost dann überlassen
neigt sich
duckt sich nieder wie vor Scham
und Schmerz
Kein Wunder daß es überdauert
Lehmgestampfte Schräge Buckelwand
der Brunnenschacht beinah verschüttet
das Dach in Wellenlinien
angepaßt dem Sturm dem Mittag
und dem Licht. Die Fäulnis
in den Reben Bäumen
und im Zaun
Ein Nachbargarten
der herüberwächst
Nenn ich es Haus noch einmal
ist es Haus ist Fenster blind
und blinde Tür nichts mehr
das Einlaß böte oder Blick
Ich nenn es Haus
von weither blinder Spiegel
Aberglück
© Lyrikedition 2000 ©
Literaturangaben:
WICHNER, ERNEST: Steinsuppe. Gedichte. Lyrikedition 2000, München 2008. 108 S., 11,50 €.
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