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Geschichte der Aufrichtigkeit

„Lüge als Prinzip“ - ein lesenswerter Essay von Wolfgang Engler

© Die Berliner Literaturkritik, 11.01.10

Von Thomas Hajduk

Wer wie der Soziologe und Publizist Wolfgang Engler Aufrichtigkeit zum Thema macht, der kommt nicht umhin, an dieser gemessen zu werden. Als der Text inmitten der Wendezeit erstmals erschien, so sein Autor freimütig im Vorwort, da hätte das Thema niemanden ernsthaft interessiert: Wer wollte damals einen kulturgeschichtlichen Essay über die Aufrichtigkeit im 18. Jahrhundert lesen?

Zwanzig Jahre später ist die Zeit günstiger, der Text in Überarbeitungen gereift. Dennoch veröffentlicht Wolfgang Engler nicht etwa eine „Kleine Geschichte der Aufrichtigkeit“, wie ein einfacher, aber bezeichnender Titel hätte lauten können, sondern einen Band mit dem großspurigen Titel „Lüge als Prinzip. Aufrichtigkeit im Kapitalismus“.

Warum? Gewiss, das Wort Kapitalismus macht sich gut in der gegenwärtigen Sachbuchlandschaft. Ganz unzutreffend ist es auch nicht, streift Engler das Thema immerhin am Anfang und Ende seines Essays. Aufrichtig gegenüber dem Leser ist der Titel des ansonsten lesenswerten Buches aber nicht. Er dient allenfalls als Indiz für die These, dass Aufrichtigkeit als Ideal des Bürgertums mit der Französischen Revolution seinen Höhepunkt erlebt habe.

Eben darum geht es im Hauptteil dieses Essays: wie sich seit dem Barock das Ideal der Aufrichtigkeit entwickelt hat. Um die Entwicklung dieser Kardinaltugend zu zeigen, zieht Engler sich Siebenmeilenstiefel an und nimmt den Leser mit auf eine lange, aber überraschend geradlinige Reise. Bereits in der Antike sei die Skepsis gegenüber dem gesprochenen wie geschriebenen Wort, das nie gleich dem Bezeichneten sei, aufgekommen. Das ist der Ursprung der „täuschungsfreien Kommunikation“, welche die Apologeten der Aufrichtigkeit ab dem 17. Jahrhundert in Fronstellung gegen die damals dominierende höfische Welt brachten.

Es gab kaum einen Lebensbereich, in dem der Dritte Stand dieses Ideal nicht zum Ausdruck gebracht hätte. In der Literatur wie im Theater kamen Formen auf, die anscheinend keinen Adressaten hatten: vermeintlich private Briefwechsel zweier Liebender oder Theaterstücke ohne Publikum. Überhaupt erlebten die Korrespondenzen gebildeter Bürgerlicher eine Blütezeit im 18. Jahrhundert, wobei nicht Konvention, sondern jene „täuschungsfreie Kommunikation“ den Ton angab: klare Aussagen ohne Zurichtung auf einen bestimmten Zweck.

Am greifbarsten wurde Aufrichtigkeit indes in der Erziehung, wo es galt, den „neuen Menschen“ auszubilden. Da die Sprache unzuverlässig war, arbeiteten Pädagogen bevorzugt mit der direkten Anschauung. Der Fingerzeig auf einen Ochsen samt Pflug bei der Arbeit war unendlich präziser und lehrreicher als eine Definition es je sein könnte. Und dennoch blieb die direkte, nicht instrumentalisierte Sprache der Weg, auf dem der „neue Mensch“ Aufrichtigkeit lebte – ein Paradox, das nicht aufzulösen war.

Mit dem historischen Sieg des Bürgertums in der Französischen Revolution nahm dieser idealistische Sturm und Drang rapide ab. Die Gesellschaft geriet fortan in den „Sog der Spezialisierung“, die Menschen begaben sich, angetrieben vom allgemeinen Gewinnstreben, in diverse Funktionszusammenhänge – die soziale Welt rutschte von den Wurzeln der Aufrichtigkeit – Nähe, Familie, Freundschaft, Nachbarschaft – in die „Funktionale“, eine Gesellschaft, in der sich nicht mehr ganze Menschen, sondern Menschen in Funktionen begegnen.

Für Aufrichtigkeit war da kein Platz mehr. Das Vertrauen als vielleicht wichtigste Folge der Aufrichtigkeit wurde durch das „Systemvertrauen“ ersetzt. Und die Aufrichtigkeit selbst wandelte sich in eine Kultur des Authentischen. Es galt nicht mehr unter den Menschen aufrichtig zu sein, sondern sich selbst gegenüber. Resultat dieser Umkehr der Aufrichtigkeit ins Innere, so Engler, sei der heutige Kult der Selbstverwirklichung. Der werde sogar dort gesucht, wo er unerfüllbar sein muss: in der Funktion, also im Beruf statt nur im privaten, im eigentlichen Leben.

Der Leser wünscht sich mehr Verweildauer an dieser Stelle. Stattdessen beschleunigt Engler ab der Französischen Revolution den Schritt, um zur Titel gebenden Lüge als Prinzip der Gegenwart zu kommen. Hier und jetzt seien nämlich Lüge und Täuschung infolge des Niedergangs der Aufrichtigkeit gang und gäbe. Mehr noch würden die Menschen, die in dem aktuellen Lügengebäude heimisch sind, bereits aus Leidenschaft lügen, um ihr Bleiberecht darin zu erhalten. Das sind scharfe Polemiken, die Lust auf mehr machen, sich aber allzu oft in der Anspielung verlieren.

Das ist schade, denn „Lüge als Prinzip“ ist trotz des unaufrichtigen Titels ein sehr lesenswerter Essay. Dies verdankt er auch dem geschliffenen Stil des Autors. Die erste Fassung des Texts sei noch dem Jargon intellektueller Moden verhaftet gewesen, bekennt Engler im Vorwort. Die aktuelle Fassung ist das genaue Gegenteil: klar, kräftig und zeitlos. Nicht wenige der Sätze haben das Zeug zu Sentenzen. Wer das Buch also wegen seines tatsächlichen Inhalts und der beispielhaften Sprache liest, wird nicht enttäuscht werden.

Literaturangabe:

ENGLER, WOLFGANG: Lüge als Prinzip. Aufrichtigkeit im Kapitalismus. Aufbau-Verlag, Berlin 2009. 200 S., 19,95 €.

Weblink:

Aufbau-Verlag

 

 


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