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Eine „Liaison“ in 746 Briefen

Zum Briefwechsel von Peter Weiss und Siegfried Unseld

© Die Berliner Literaturkritik, 01.08.08

 

1947 besuchte der Maler, Filmemacher und Schriftsteller Peter Weiss als Reporter einer Stockholmer Tageszeitung Berlin, er sollte über Deutschland nach dem Krieg berichten. So kehrte der Emigrant, der 1934 mit seiner Familie zuerst nach London, dann in die Tschechoslowakei und schließlich nach der Besetzung des Landes durch die Deutschen 1938 nach Schweden geflohen war, zurück an den Ort, in dessen Nähe er 1916 als Sohn eines jüdischen Textilkaufmanns geboren worden war. Noch vor dem Krieg hatte er 1937 Hermann Hesse in der Schweiz besucht, im Krieg vor allem als Textilzeichner und Maler gearbeitet und auf Schwedisch geschrieben: Zeitungsartikel, Prosa und ein Theaterstück.

In Berlin traf er Peter Suhrkamp (1891-1959), den Geschäftsführer des S. Fischer Verlags (dessen Eigentümer vor den Nazis hatten fliehen müssen). Das Gespräch veranlasste ihn, nach seiner Rückkehr an Suhrkamp zu schreiben: „Ich sitze hier und schreibe in deutscher Sprache und das ist, als kehrte ich in ein seit Jahren nicht mehr gesehenes und vertrautes Zimmer zurück. Während der Jahre, in denen ich eine fremde Sprache sprach, war mir immer, als fehlte mir etwas Wesentliches, als läge unter jedem Wort ein schwer fassbarer Schatten.“ In einem zweiten Brief schickt er ihm ein auf Deutsch geschriebenes Manuskript, „Der Vogelfreie“. Suhrkamp lehnt es mit einem freundlichen Brief ab und begründet in einem zweiten Brief seine Haltung noch deutlicher, er habe die Hoffnung, Menschen verändern zu können, längst aufgegeben und daraus gefolgert: „Ein Kunstwerk dürfte so wenig pädagogische wie politische Tendenzen haben. Es ist genug, wenn es erinnert und so erinnert, dass Vergangenes Gegenwärtiges wird.“

Das war die Essenz der Erfahrungen eines Mannes, der lange als Lehrer und Journalist gearbeitet hatte, ehe er 1932 als Herausgeber der „Neuen Rundschau“ in den S. Fischer Verlag eingetreten war. Er kaufte nach der Emigration der Fischer-Familie den Teil des Verlags, den diese nicht nach Österreich (und später Schweden und die USA) transferieren konnte, brachte ihn unter seinem Namen mit großer Umsicht und ohne wesentliche Konzessionen an die Nazi-Ideologie durch die dunklen Jahre, bis man ihn im April 1944 ins KZ verschleppte (zuerst nach Ravensbrück, dann nach Sachsenhausen). Im Januar kam er schwerkrank frei, weil seine Peiniger ihn als Moribunden aufgaben. Gestorben ist er nicht, krank blieb er bis an sein Lebensende. 1950 hat er seinen eigenen Verlag gegründet, wobei sich von den Autoren, die er während der Fischer-Zeit betreut hatte, die meisten dafür entschieden, bei ihm zu bleiben. Darunter Hermann Hesse, Max Frisch, Bertolt Brecht. Der deutlich vom Surrealismus imprägnierte Stil des jungen Peter Weiss war seine Sache nicht. Auch ein neuer Versuch der Annäherung scheiterte 1956.

Die Zusammenarbeit zwischen dem Suhrkamp Verlag und Peter Weiss beginnt erst 1959, als Siegfried Unseld nach Peter Suhrkamps Tod den Verlag, in dem er schon vorher gearbeitet hatte, übernimmt. Der junge Prokurist (Jahrgang 1924) hat den Ehrgeiz, das literarische Erbe des Verlags nicht nur zu wahren, sondern durch neue Autoren, neue Stile zu mehren. Er fragt Peter Weiss nach einem Manuskript, von dem er Auszüge in der Zeitschrift „Akzente“ gelesen hat: „Der Schatten des Körpers des Kutschers,“ einem surrealen Prosastück von hoher Qualität und stupender Modernität. Unseld, damals gerade fünfunddreißig Jahre alt, will den acht Jahre Älteren unbedingt gewinnen.

So beginnt eine dreiundzwanzigjährige Geschichte, von der der Briefwechsel zwischen Unseld und Weiss (mit dem Vorspiel von 14 Briefen zwischen Suhrkamp und Weiss) zeugt. Insgesamt sind das 746 Briefe, Karten, Telegramme; 537 bilden die Korrespondenz zwischen den beiden Hauptpersonen, 195 die von Verlagsmitarbeitern mit dem Autor. Der Rest sind Anlagen, die für das Verständnis des Briefwechsels wichtig sind: ein Konvolut von über tausend Seiten, dem der Herausgeber Rainer Gerlach (der damit promoviert hat) in seinem gegenüber seiner Dissertation gekürzten Nachwort eine Briefzeile von Weiss voranstellt: „Ich stelle mir vor, 50 Jahre später studiert jemand unsere Korrespondenz.“ So lange hat es nicht gedauert. Man kann sie jetzt schon lesen, dies wichtige Dokument einer Verlags- und Autoren-Beziehung in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Denn Unselds Werben hat Erfolg.

„Der Schatten des Körpers des Kutschers“ erscheint 1960 als „Tausenddruck“ in einer bibliophilen Ausgabe – einigen Rezensenten fällt das Buch auf, Leser gewinnt es erst im Laufe der Zeit durch immer neue Ausgaben in der „edition“ und dann in der „Bibliothek Suhrkamp“. Der Verleger, keineswegs entmutigt, will unbedingt weitermachen, getreu seinem Motto, dass er nicht Bücher, sondern Autoren verlege, sie aufbaue, durchsetze, eben das heraufführe, was George Steiner Jahrzehnte später einmal die „Suhrkamp-Kultur“ genannt hat, er will Weiss den „Weg aus dem Chaos“ bahnen. In seiner Dankrede für den „Lessingpreis“ hat der Autor das 1965 anerkannt. „So kommt der Schreibende auf dem Umweg über den Zerfall und die Machtlosigkeit zum Schreiben, und jedes Wort, mit dem er eine Wahrheit gewinnt, ist aus Zweifeln und Widersprüchen hervorgegangen. Einmal wurde er aus allen Bindungen herausgerissen und in eine Freiheit versetzt, in der er sich selbst aus der Sicht verlor. Aber die Möglichkeit entsteht, dass er mit der Sprache, die ihm zur Arbeit dient und die nirgendwo mehr einen festen Wohnsitz hat, überall in dieser Freiheit zu Hause sei.“ („Rapporte“, Frankfurt/Main 1968)

Die Sprache, seine Sprache, muss der nach wie vor in Stockholm lebende und „zu Hause“ Schwedisch Sprechende sich bei jedem Buch neu erobern. Alle bis zu seinem Tod unternommenen Versuche, sich woanders niederzulassen, etwa in Berlin oder Frankfurt oder Montagnola, hat er scheitern lassen – er bleibt dort, wo seine Frau Gunilla Palmstierna, eine eminente Bühnenbildnerin und Plastikerin, ihre Arbeitsstätte und Heimat hat. Die nötigen Korrekturen sind oft harte Arbeit, der sich jahrelang Unseld selbst als sein erster und wichtigster Leser und Lektor unterzieht: penibel genau und unerbittlich. Später haben dann vor allem Walter Boehlich, Elisabeth Borchers und bei den Theaterstücken Karlheinz Braun und Rudolf Rach diese Arbeit übernommen. Doch Weiss, dankbar für die Tilgung von Skandinavismen, hat auch seinen eigenen Kopf, die Lektoren werden immer wieder von seinen Verbesserungsvorschlägen ereilt und heimgesucht, sie kommen noch während der Drucklegung seiner Werke und häufig auch danach für spätere Auflagen – und werden fast stets befolgt. Denn mochte er auch einzelne „Fehler“ machen, auf den besonderen Charakter „seiner“ Dichtersprache, ihren Rhythmus, ihre oft seltsamen Formulierungen wollte er nicht verzichten.

Zunächst aber geht es Unseld darum, auf den „Kutscher“ Bücher folgen zu lassen, die Weiss ein größeres Publikum zuführen und diesem selbst die Möglichkeit geben, seine Vergangenheit poetisch zu verarbeiten. „Abschied von den Eltern“ (1961) und „Fluchtpunkt“ (1962), eine Erzählung und ein Roman, beide in der ersten Person geschrieben und weithin autobiografisch, erfüllen diese Aufgabe: Der Suhrkamp Verlag hat einen neuen Prosaautor von Rang – das sehen auch die Kritiker und Leser so. „Jetzt haben wir eine gewisse kritische und buchhändlerische Aufmerksamkeit für den Autor Peter Weiss erweckt, der Boden für eine zweite Publikation ist vorbereitet“, drängt der Verleger noch vor dem Erscheinen der Erzählung. Und danach: „Nachdem wir jetzt einiges Echo erzielt haben, sollte man dieses Echo nicht nutzlos verhallen lassen, kurz es stellt sich jetzt dringend die Frage nach Ihrer nächsten Arbeit.“

Wir kennen diesen Ton auch aus den Briefwechseln Unselds mit Wolfgang Koeppen und Uwe Johnson. Im ersten Fall hat er auf Koeppens nie eingelöstes Versprechen des „großen Romans“ lange ernsthaft gewartet und sich, spät und desillusioniert, auf Koeppens schelmisch-desparate Scharaden großzügig eingelassen; im anderen ist es ihm gelungen, seinen Autor und Freund Johnson über den „Schreibblock“ zu bringen: Der vierte Band der „Jahrestage“ ist erschienen, ein Jahrhundertroman wurde fertig.

Nach drei Büchern war sich Unseld sicher, einen neuen, bedeutenden Prosaschriftsteller im Verlag zu haben, von dem weitere Romane zu erwarten waren (eine Erwartung, die bei Martin Walser doch so gut funktionierte!). Doch er muss sich eines Besseren belehren lassen. Zwar ist auch Weiss zum Freund geworden, aber dieser widerspenstige Mann im fernen Stockholm hat es sich in den Kopf gesetzt, nun wieder, wie schon früher einmal, Theaterstücke zu schreiben. „Das Gespräch der drei Gehenden“ (1963) ist der Übergang: rhythmisierte Prosa (die der Rezensent damals – nach einer Bearbeitung durch Weiss selbst - als Hörstück fürs Radio inszenierte). Dem folgt schon 1964 nach heftigen Geburtswehen (die bis zu Weiss’ Tod für neue Auflagen immer wieder verlangten Korrekturen in Druckausgaben und Theaterversionen sind kaum zu zählen): „Die Verfolgung und Ermordung Jean Paul Marats, dargestellt durch die Schauspielgruppe des Hospizes zu Charenton unter Anleitung des Herrn de Sade“, ein fantastisches Stück historischer Imagination, das trotz des umständlichen Titels nicht nur bei der Uraufführung, sondern auch bei den (vom Suhrkamp Theaterverlag glänzend orchestrierten) von zahlreichen Theatern fast sofort nachgespielten Inszenierungen Peter Weiss’ größter literarischer Erfolg geblieben sind.

Er ist plötzlich in aller Munde: angekommen dort, wohin er gewollt hat. „Ich war auf dem Weg, auf der Suche nach einem eigenen Leben“ – so hatte „Abschied von den Eltern“ geschlossen. Weiss hat sich endgültig durchgesetzt, der Verlag zahlt ihm ein (später mehrfach erhöhtes) Fixum und der Verleger ist zufrieden. Seit November 1963 sagen sie einander Du. Gelegentliche Missstimmungen über Honorarfragen können ausgeräumt werden. Stolz teilt Unseld 1964 mit, dass bis Oktober 1964 insgesamt 112 700 Exemplare der Druckauflagen von Weiss’ Werken verkauft worden seien. Auch das frühe Stück „Nacht mit Gästen“ (aus seiner surrealen Periode) wird nun vor allem an kleineren Theater aufgeführt, die Bühnen wollen mehr, am besten ähnliche Stücke, in denen Bänkelsang, hohe Poesie, Gewalt und Schönheit sich verbinden. Sie begnügen sich derweil mit glänzenden neuen Übersetzungen einiger Strindbergstücke.

Aber Weiss ist längst wieder auf einem neuen Weg: Aus einem geplanten dreiteiligen Stück über Dantes „Göttliche Komödie“ wird „Die Ermittlung“, deren erste Fassungen den Leiter des Theaterverlags und den Verleger gleichermaßen perplex machen: Peter Weiss als politischer Autor! Dabei hätten es beide wissen können, schon im „Abschied von den Eltern“ steht der damals kryptisch wirkende Satz: „Und so war ich auf einmal ganz auf der Seite der Unterlegenen und Ausgestoßenen, doch ich verstand nicht, dass dies meine Rettung war.“ Das neue Stück, ein „Oratorium in 11 Gesängen“ ist nichts anderes als der riskante und weithin geglückte Versuch, aus dem Frankfurter „Auschwitz-Prozess“ eine Art von statuarischem Requiem zu entwickeln, gewonnen aus den Einlassungen der Beteiligten: Angeklagten, Anklägern, Richtern, die er oft wörtlich übernimmt.

Dank des Erfolgs des Marat-Stücks gelingt es, die „Ermittlung“ gleichzeitig (oder innerhalb weniger Monate) in über einem Dutzend Theatern (auch großen!) herauszubringen. Die Premiere findet am 19.10.1965 in Stuttgart und mehreren Theatern als „Ringaufführung“ statt. Der Erschütterung des Publikums (und der meist zustimmenden Kritik) folgt freilich keine Aufnahme dieser wichtigen Arbeit ins Repertoire, an fast allen Theatern wird das Stück nach wenigen Aufführungen abgesetzt und nur einige Bühnen haben es in den folgenden Jahren noch inszenieren lassen. Immerhin gibt es (wie von Marat/Sade) Fernsehfassungen. Es ist ein Stück zu einem wichtigen Anlass, dem Ende des Auschwitz-Prozesses, geblieben, ein historisches Eingedenken, das allzu wenig mit dem „normalen“ Theaterbetrieb zu tun hat.

Dem „Gesang vom lusitanischen Popanz“, das die literarischen Mittel von Marat/Sade vergröbert und in Form eines von Musik untermalten Bilderbogens heftig gegen die portugiesische Kolonialherrschaft polemisiert, ergeht es nicht viel besser, man war im Kalten Krieg, und eine grimmige Groteske über das Unrecht, das den Kolonisierten angetan wurde, wollte kaum jemand sehen. Als 1968 der „Vietnam Diskurs“ herauskommt, zögern die Theater erneut: Das Stück nimmt kämpferisch für den Vietkong und gegen den Krieg der USA in Vietnam Partei, Weiss bezeichnet sich nun selbst als „Sozialisten“, gar „Kommunisten“ – man tut das komplizierte Stück als „Agitprop“ ab und als einer der damals berühmtesten Regisseure, Peter Stein, es an den Münchener Kammerspielen glanzvoll inszeniert und in der zweiten Vorstellung für den Vietkong gesammelt wird, zieht der Intendant die Notleine, das Stück wird abgesetzt.

Unseld hat diese Entwicklung seines Autors mit erheblichem Unbehagen verfolgt und doch alle Mittel des Verlags eingesetzt, um diesen beiden Stücken zum Erfolg zu verhelfen. Seine Bedenken tauchen nur in den Briefen an Peter Weiss auf, es sind sowohl taktische wie stilistische Einwände, die er äußert. Er verhält sich so solidarisch gegenüber seinem Autor, wie dieser gegenüber seinen sozialistischen Überzeugungen, wenn er in strengen Briefen sowohl gegenüber den Oberen in der DDR als auch denen des sowjetischen Schriftstellerverbands (die Solshenizyn zur Unperson gemacht hatten) kritisch Stellung bezieht. Für Weiss gehören Meinungsfreiheit und Sozialismus zusammen. Da ist er auf der Seite von Rosa Luxemburg. Und Unseld? Der will als Liberaler auch die Stimme dessen weiter hörbar machen, den ein großer Teil der öffentlichen Meinung als kommunistischen Agitator abgeschrieben hat. Unseld begreift sehr gut, dass Peter Weiss sich nur als „politischer Autor“ aus seinen eigenen Zweifeln und Depressionen befreien kann – und hält zu ihm, bringt seine älteren Werke in immer neuen Ausgaben heraus und sorgt so dafür, das seine Bücher weiterhin verkauft werden, wenn schon in kleineren Auflagen wie früher.

Freilich ist er glücklich, als Weiss 1971 wieder zu einem historischen Stoff greift und im „Hölderlin“ eine seiner Referenzfiguren auf die Bühne bringt: die Geschichte des Hymnikers als die eines gescheiterten Revolutionärs. Dies Stück wird von vielen Theatern angenommen und erzielt immerhin einen Achtungserfolg, es ist der letzte. Zunehmend beißt der Theaterverlag sozusagen auf Gummi, die Bühnen verweigern sich und es fällt Unseld zu, Weiss davon zu überzeugen, dass dies nicht auf mangelnde Anstrengungen des Verlags, sondern auf ein verändertes Zeitklima zurückzuführen sei. Weiss will das nicht glauben und lässt es seinen Verleger von Zeit zu Zeit spüren. Auch in Honorarfragen geraten die beiden immer wieder aneinander und kommen doch miteinander klar. Längst ist ein großer Teil der Verlagskorrespondenz auf die Mitarbeiter übergegangen. Denn der Suhrkamp Verlag ist zur einer literarischen Großmacht und einer „Fabrik“ geworden, wenn schon zu einer, die Qualitätsware vertreibt. Da brauchen viele Autoren ihren Verleger. Die zwischen Unseld und Weiss gewechselten Briefe und die vertraulichen Treffen werden immer seltener, ohne dass doch der freundschaftliche Ton aufgegeben wird: Sie mögen einander weiterhin. Es gibt zudem keine Arbeit des Autors, die der Verleger nicht selbst so schnell wie möglich liest und in seinen Briefen kommentiert, enthusiastisch zustimmend oder bedenklich, immer aufrichtig den eigenen Eindruck wiedergebend.

Der Verlag gibt die Stücke gesammelt heraus, er veröffentlicht „Rapporte“ mit Peter Weiss theoretischen und aktuellen Schriften, publiziert nach und nach das ganze Frühwerk einschließlich der zuerst auf Schwedisch erschienenen Texte. Und macht sich sogar stark für „Trotzki im Exil“, ein von der Presse weithin abgelehntes Diskutierstück von 1970, das Weiss nichts anderes einträgt, als wütende Proteste aus der DDR und der Sowjetunion; den Verwaltern der „reinen“ (immer noch stalinistischen) Lehre gilt Trotzki nur als Verräter. Derweil sitzt Weiss längst über einem neuen Prosawerk, an dessen drei Bänden (mit über 1000 Seiten) er acht Jahre lang arbeitet: „Die Ästhetik des Widerstands“.

Als der 1. Band 1975 erscheint, reagiert der größte Teil der Kritik (und des Publikums) mit krasser Ablehnung. Eine „Bleiwüste“ (ohne alle Absätze) wird der große Roman genannt. Erst als 1978 und 1981 die zwei abschließenden Bände der Trilogie erscheinen, ändert sich das. Man beginnt zu begreifen, dass Weiss da etwas Außerordentliches gelungen ist. Das Buch ist eine Art von „Wunschbiografie“ seines Autors, in der alle Positionen linker Politik und alle innerparteilichen Auseinandersetzungen innerhalb des Sozialismus und unter den Bedingungen faschistischer Diktaturen diskutiert und vor allem tragisch erlebt werden. Sein Held ist freilich kein Intellektueller, sondern ein Arbeiter, der zu sich selbst findet. In der „Ästhetik“ hat der Anarchismus – von Weiss entwickelt in dem Teil, der im Spanischen Bürgerkrieg spielt – seine Rolle als Antidot gegen die bürokratischen Erstarrungen der kommunistischen Welt. Es geht aber auch um den Widerstand im Dritten Reich und um die Figuren des Pergamon-Altars, um Kunst und Massenmord, um Verrat und Solidarität. Zwischen den zahlreichen erfundenen Figuren tauchen solche der Zeitgeschichte auf, einige kennt man noch, andere lassen sich nur noch in den Geschichtsbüchern finden. Weiss hat unendlich viel „Material“ in eine literarische Form gebracht. Es soll darin aufgehoben sein.

Unseld erkennt nach der ersten Verblüffung die Bedeutung des Buchs und sorgt dafür, dass es im Suhrkamp Verlag angemessen erscheinen und publizistisch begleitet werden kann. Auch wenn er mit vielen Positionen des Autors nicht übereinstimmt, dass es sich womöglich um einen Jahrhundertroman handelt, das hat er mindestens geahnt. Die wenigen letzten Briefe zeugen davon. Kurz nach der Beendigung dieses großen Werks ist Peter Weiss am 10. Mai 1982 in Stockholm gestorben, krank war er schon lange gewesen. Unseld hat ihn um zwanzig Jahre überlebt. Beide sind aus der Literaturgeschichte des vorigen Jahrhunderts nicht wegzudenken und beide hätten vermutlich eine andere Geschichte gehabt ohne ihr Zusammentreffen und die Solidarität, mit der sie einander respektierten und manchmal auch nur ertrugen.

Es gibt nicht viele Bücher, in denen man – neben einer berührenden Autor-Verleger-Beziehung – so viel erfährt über den „Innenbetrieb“ eines wichtigen Verlags, über die entscheidende Rolle, die dabei der Verleger selbst spielt und über die Komplikationen, die es mit sich bringt, wenn man geistige Hervorbringungen als „Ware“ unter die Leute bringen will. Damit ist es freilich auch eine Art von Abgesang, werden doch immer mehr angesehene Verlage zu „Imprints“ großer Konzerne, denen der Profit wichtiger ist als der Inhalt dessen, womit sie diesen machen.

Literaturangaben:
UNSELD, SIEGFRIED; WEISS, PETER: Der Briefwechsel. Hrsg. von Rainer Gerlach. Suhrkamp Verlag, Frankfurt am Main 2008. 1150 S., 39,80 Euro.

Verlag

Briefwechsel im Blickpunkt


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