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Einer der guten Kaiser

Die Biografie „Marc Aurel“ von Jörg Fündling

Von: ROLAND H. WIEGENSTEIN - © Die Berliner Literaturkritik, 08.05.09

Unser Lateinlehrer fand zwar die „Selbstbetrachtungen“ des römischen Kaisers Mark Aurel (121 bis 180 n.Ch, Kaiser von 161-180) höchst vorbildlich – was uns Rangen nicht recht einleuchten wollte: so viel Selbstkasteiung war uns fremd – aber da sie im Urtext griechisch geschrieben waren („Kein sehr klassisches Griechisch!“, meinte der besagte Lehrer), wurden wir nicht mit Übersetzungen und grammatischen Übungen aufgrund dieses Textes gequält. Gleichwohl, diesen „Selbstbetrachtungen“ konnte man als deutscher Patriot des 20. Jahrhunderts schwer entgehen, denn Marc Aurel „war unter die Soldaten gekommen“, wie sein neuester Biograph Jörg Fündling meint: „Im Ersten Weltkrieg steckten die ‚Selbstbetrachtungen‘ als Frontausgabe in den Tornistern Zehntausender Deutscher. Das hatte neben der Botschaft von Selbstdisziplin und Gelassenheit sicher ganz materielle Gründe: die Einzelnotizen des Büchleins sind so kurz, dass man die meisten im Schein einer Leuchtkugel lesen und sich einprägen kann. Nicht immer war Wehrertüchtigung die Folge solcher Lektüre; der Rückzug ins Innere wurde zum Überlebensmittel – wie schon in der Reisebibliothek des Alten Fritz – und erlaubte eine Absonderung des eigenen Tuns vom Denken. Einen Weltkrieg später kam es wiederum zum Massendruck des Werkes, doch vor dem Schicksal, hochoffizieller Patron der Wehrmacht und der nationalsozialistischen ‚Festung Europa‘ zu werden, bewahrte Marcus wohl die Misslichkeit, dass er in Massen Germanen getötet hatte.“ Der Rezensent besaß es damals gleichwohl, als Reclam-Heftchen, wie er sich zu erinnern glaubt; die Zeiten ließen es abhanden kommen.

In den längst angebrochenen hedonistischen Zeiten braucht es wahrscheinlich den Wagemut alter Philologen, um in die Reihe „Gestalten der Antike“ der Wissenschaftlichen Buchgemeinschaft, auch Marc Aurel (neben Hatschepsut, Ramses II., Alexander, Hannibal und vielen anderen antiken Figuren bis hin zu Theoderich dem Großen) aufzunehmen und den Band in der „Billigen Wissenschaftlichen Reihe“ zu platzieren, die die Mitglieder der Gemeinschaft ohnehin abnehmen.

Jörg Fündling, ein junger Althistoriker, hat es sich nicht nehmen lassen, immer wieder aus diesen „Selbstbetrachtungen“ des Kaisers zu zitieren, nicht ohne nachzuweisen, dass ihre Essenz aus den stoischen Schriften Epiktets stammt, die Marc Aurel freilich für sich rigoroser interpretierte, als der Autor selbst, ohne dass er doch alleweil nach seinen eigenen Maximen hätte handeln können. Aber heute lohnt es sich, den Kaiser zu zitieren, denn „Das Vertrauen auf die eigenen Entscheidungen nicht zu verlieren, innere Ruhe, die Überwindung unnötiger Grausamkeiten wie auch Heiterkeit beim Entlassenwerden bleiben offenbar das Gebot der Stunde.“

Wahr gesprochen. Auch die Mitteilung, dass die Marc-Aurel-Säule heute gekrönt vom Heiligen Paulus, noch immer ebenso in Rom vorzufinden ist wie das Reiterstandbild des Kaisers auf dem Kapitol macht Rom-Reisende schlauer. Für das bildungsbeflissene Europa ist Marc Aurel immer noch ein Fixpunkt und seine Christenverfolgungen hat man ihm inzwischen verziehen.

Wie so manches andere: vor allem seine verwirrenden, und nicht immer erfolgreichen Feldzüge gegen die aufsässigen Völker am Rande des Römischen Reiches und die Erhebung seines missratenen, grausamen Sohnes Commodus zum Mitregenten und Nachfolger. Dies war ja nur einer der vielen Versuche der Kaiser nach Augustus, so etwas wie eine Dynastie zu begründen – was ja regelmäßig schief gegangen ist. Warum, das kann man bei Fündling nachlesen: die Interessen- und Machtkonflikte der herrschenden Schichten, die sehr unfeinen, mit Dolch und Gift ausgefochtenen Rangkonflikte zwischen Senatoren, Rittern, Consuln und Legionsgenerälen haben nicht nur dem Kaiser zu schaffen gemacht, sie bringen noch unseren Autor zu nachhaltigem Kopfschütteln – vergleicht er doch diese grausame Geschichte immer wieder mit des Kaisers Maximen.

Wer sich dessen Vita, die Fündling getreulich erzählt, ohne sich von den verwirrenden Namen (und Namensänderungen) des römischen Personals schrecken zu lassen, genau anschaut, der stößt unvermeidlich auf den Abgrund, der die römische Kaiserzeit von späteren Epochen trennt. Dabei handelt es sich nicht nur um das erratische religiöse Handeln und Lassen der Bevölkerung (und der Mächtigen), das in immer neuen „Vergöttlichungen“ (samt Altären, Statuen, Bruderschaften zur Verehrung gerade dieses Gottes) kulminierte, sondern ebenso um die Eingemeindungspolitik des Reiches, die immer neue unterworfene Völkerschaften mit Bürgerrechten (oder Posten im Heer, vom Soldaten bis zum General) ausstattete, weil die Urbevölkerung längst zu klein geworden war, um das Riesenreich zu halten und die mit staatlicher Subventionierung abgehaltenen meist mörderischen Spiele in den Arenen (die Marc Aurel selbst gar nicht mochte.) „Brot und Spiele“ – das Motto ist eben uralt. Und für Brot hat der Kaiser meist auch gesorgt.

Die Differenz zwischen der Moderne und der Antike, das eigentlich Selbstverständliche und dennoch häufig Übersehene, es kommt bei Fündling immer wieder zum Vorschein. Mag das „Abendland“ sich auch als auf Griechen, Römer und Christen gestützten Kontinent begreifen, so erscheinen diese Stützen sofort voller Risse, besieht man sie genauer.

Wie gut, dass wir die schriftlichen Überlieferungen haben, die sich weit über die Macht- und Geld-Raison der antiken Reiche erheben: von Platon bis Paulus und Justinian. Das ist es, was „überlebt“ hat, in jeder neuen Epoche neu interpretiert und als Handlungsanweisung mindestens vorgetäuscht wird.

All das kann man, meist zwischen den Zeilen finden, wenn man den Lebensabschnitten, den Taten und Unterlassungen des „guten Kaisers“ in dieser neuen, um Übersichtlichkeit bemühten, angenehm nüchtern geschriebenen Biografie folgt. Er gehörte wohl zu den Großen, dieser Marc Aurel, auch wenn dem Rezensenten dessen friedlicher Vorgänger Antoninus Pius (Kaiser von 138 bis 161) lieber ist.

Von Roland H. Wiegenstein

FÜNDLING, JÖRG: Marc Aurel. Wissenschaftliche Buchgemeinschaft, Darmstadt 2009. 240 S., 24,90 €.

Roland H. Wiegenstein arbeitet als freier Literatur- und Kunstkritiker für dieses Literaturmagazin. Er lebt in Berlin und Italien


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