Heidenreich auf musikalischer Mission

46 Liebeserklärungen von Politikern, Schauspielern und Schriftstellern

© Die Berliner Literaturkritik, 17.07.11

Von Ingo Senft-Werner

Elke Heidenreich geht Lesen über alles. Dafür hat sie jahrelang wortgewaltig im Fernsehen geworben. Doch über der Schrift schwebt noch etwas „Gewaltigeres“: die Musik. „Die Literatur, die Malerei, alles brauchen wir, aber nichts erreicht uns unmittelbarer als die Wucht der Töne“, schreibt sie im Vorwort ihres neuen Missionswerkes „Ein Traum von Musik“.

Dafür hat sie nicht selbst zur Feder gegriffen, sondern als Herausgeberin schreiben lassen. Freunde, Bekannte - in jedem Fall Prominente - liefern ihre Liebeserklärungen an die Musik. Wie die Auswahl zustande kam, bleibt Heidenreichs Geheimnis. Zu den 46 Mitstreitern zählen Politiker wie Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen und CDU-Urgestein Heiner Geißler, die Schriftsteller Herbert Rosendorfer und Leoluca Orlando, die Schauspieler Armin Mueller-Stahl und Isabella Rossellini, die Kabarettisten Maren Kroymann und Dieter Hildebrandt und nicht zuletzt jede Menge Musiker.

Die Auswahl lässt bereits erahnen: Es geht vornehmlich um Klassik. Gutbürgerliche Elternhäuser mit Hausmusik und Weihnachtsliedern, dazwischen Rock und Pop am Radio - meist als Zeichen pubertären Aufbegehrens. In den Geschichten werden sich viele Leser wiederfinden, Ankerpunkte für Erinnerungen, wie sie auch Elke Heidenreich selbst beim Sammeln empfunden hat. „Es war ein Glück, das alles nach und nach zu lesen und mit Menschen zu arbeiten, die so etwas fühlen, denken, lieben, beschreiben.“

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Viele Geschichten bieten mehr als bloße Nostalgie, und sie verraten einiges über die Autoren. Ursula von der Leyen etwa nutzt ihre Liebeserklärung zu einer kleinen Abhandlung über das Singen und die Familie. Schriftsteller Helmut Krausser berichtet von seiner rastlosen Suche nach verschollen geglaubten Symphonien und Opern. Eine anrührende Geschichte über ihren Vater, dem eine Musikerkarriere verwehrt blieb, erzählt Schauspielerin Senta Berger.

Interessant ist auch, was die Musik für Musiker bedeutet - welche Facetten ihr die Fachleute abgewinnen können. Campino, Sänger der Punk-Band Tote Hosen, der als Kind Trompete gelernt hat, macht sich Gedanken, ob es gute und böse Musik gibt - Stichwort Hitler und Wagner. „Im Zweifel für die Musik“, lautet sein Resümee, aber auch: „Mochte ein Lied auch noch so schön sein - wenn aus meiner Sicht der Mensch dahinter nicht integer war, hatte er bei mir keine Chance.“

In eine ganz andere Richtung führt die Betrachtung „Vom lieben Gott erzählen“ des Dirigenten Enoch zu Guttenberg. Darin seziert er Bachs Matthäus-Passion und Mozarts c-Moll-Messe bis in einzelne Takte und fördert Allegorien der großen Meister zutage, von denen die meisten Konzertbesucher keine Ahnung haben.

Trotz der Vielfalt fehlen bei den Liebeserklärungen einige Melodien. Wie empfinden etwa Jugendliche, die nicht mit Klassik aufgewachsen sind? Sie lieben andere Musik - aber ist es die gleiche Liebe? Das Thema ist noch lange nicht ausgereizt.

Heidenreich, Elke (Hrsg): Ein Traum von Musik. 46 Liebeserklärungen, Edition Elke Heidenreich bei C. Bertelsmann, München, 384 Seiten, 19,95 €.


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