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Entdeckungen auf vier Kontinenten

Künstlerreisen des 19. und 20. Jahrhunderts

© Die Berliner Literaturkritik, 29.04.09

 

Aus den symbolischen Traditionen des Islam und des Christentums hatte der französische Maler der Moderne Henri Matisse zwei unterschiedliche Auffassungen von der Natur ererbt: Die eine Sicht war die vom künstlichen Paradiesgarten, dessen bestes Beispiel für ihn die Gärten der Alhambra in Granada waren, wo die Natur zu einem absolut künstlichen Höhepunkt gezähmt und formalisiert worden war. So geht „Große Dekoration mit Masken“ (1953) mit ihren sich wiederholenden Mustern von Nelken und Kleeblättern direkt auf arabische Mosaiken zurück. Die andere Urform war das natürliche Paradies, das nicht nur durch die Côte d’Azur, wo er sich bevorzugt aufhielt, sondern auch durch Tahiti veranschaulicht wurde: Matisse war 1930 dort gewesen und fand es „gleichzeitig langweilig und wunderbar …, solch eine ständige Glückseligkeit ermüdet“. Er tauchte von den Klippen ins Meer und vergaß nie wieder die Farben und das absinthgrüne Wasser. Sie füllten seine späteren Scherenschnitte wie „Polynesien, das Meer“ (1946).

„L’artista viaggiatore“ (Der reisende Künstler) heißt eine Ausstellung in der Pinakothek des mehr als zweitausendjährigen Ravenna, der Hauptstadt der Mosaiken. In drei Etagen des ehemaligen Klosterkomplexes (mit einem herrlichen Kreuzgang) kann man (bis zum 21. Juni 2009), dramaturgisch perfekt inszeniert und in ein original anmutendes Ambiente versetzt, die Reisen europäischer Künstler in andere Länder, in andere Erdteile nachvollziehen, die für diese meist Höhe- und Wendepunkte in ihrem Leben und Schaffen waren. Vom Mythos des Exotischen fasziniert, haben sie ihre Erinnerungen, Erfahrungen und Emotionen aus verschiedenen Kontinenten (Afrika, Asien, Lateinamerika und Ozeanien) mitgebracht und künstlerisch verarbeitet.

Wie in einem dreidimensionalen Reisetagebuch kann der Betrachter Kunst in der Art einer Reise erleben. Der Besucher wird in den Werken der Realisten des 19. Jahrhunderts wie Ippolito Caffi, Stefano Ussi, Alberto Pasini  und Roberto Guastalla in den Mittleren Orient und in den Mittelmeerraum entführt, begleitet Paul Gauguin, Emil Nolde und Max Pechstein sowie Matisse zu unterschiedlichen Zeiten nach Polynesien und verweilt mit Galileo Chini in der nostalgischen Welt des Fernen Ostens. Er erlebt mit Paul Klee, August Macke und Louis Moilliet im Jahre 1914 in Tunis und anschließend in Hammamet die Intensität des Lichtes und die Fülle der Farben. Zu bewundern sind die in den 1920er Jahren in Ägypten entstandenen Arbeiten von Oskar Kokoschka sowie die von Jean Dubuffet mit den algerischen Wüstenlandschaften aus den 1950er Jahren.

Die Protagonisten der Action Painting wie Mark Tobey und Georges Mathieu vermitteln uns mit ihrer Interpretation der japanischen Kalligrafie ein Raumerlebnis, das durch eine Vielzahl von Brennpunkten suggeriert wird. Den asiatischen Kontinent nutzten auch zeitgenössische reisende Künstler wie Aldo Mondino, Alighiero Boetti und Luigi Ontani in unterschiedlichen Ländern und mit anderen existenziellen und ästhetischen Erfahrungen für ihre Inszenierungen und Installationen. Dabei werden von ihnen auch romantisierende Vorstellungen von der Künstlerreise sowie exotische Sehnsuchtsbilder und Mythen konterkariert.

Das von den Kuratoren der Ausstellung Claudio Spadoni und Tulliola Sparagni herausgegebene Katalogbuch greift diesen Reisetagebuchcharakter der Ausstellung auf und zieht Linien durch zwei Jahrhunderte Künstler- und Entdeckungsreisen in die vier Erdteile. Nur auf einige Aspekte kann hier verwiesen werden. So war wohl Gauguin der erste französische Künstler – wenn man von den Afrikareisen der Romantiker des 19. Jahrhunderts absieht -, der ein Paradies auf Erden, weit entfernt von Europa finden wollte, aber er war keineswegs der erste europäische Maler, der 1891 nach Tahiti ging. Im späten 19. Jahrhundert war die Vorstellung vom edlen Wilden, der in seliger Unschuld am Busen der Natur lebte, eine der Lieblingsfantasien Europas.

Aber die Insel der Seligen gab es nicht mehr. Statt eines Paradieses fand er eine Kolonie, statt der edlen Wilden Prostituierte, statt der unschuldigen Kinder Arkadiens teilnahmslose Mischlinge – eine zerstörte Kultur, die Rituale waren tot, ihre Überlieferung vergessen. Das Paradies, das Gauguin malte, trog, es war ein besudelter Garten Eden voller Zivilisationsgespenster. Und seine Tahitianer waren wie die Überlebenden eines goldenen Zeitalters, an das sie sich selbst nicht mehr erinnerten. Gauguin glaubte, er könne aus dem zerstörten Mythos vom edlen Wilden allgemeine Rückschlüsse auf das Geschick der Menschheit ziehen. 1897 malte er ein riesiges Bild „Woher kommen wir? Wer sind wir? Wohin gehen wir?“. Es ist mit Symbolen überfrachtet, von der tahitianischen Eva, die im Mittelpunkt des Bildes von einem tropischen Paradiesbaum eine Frucht pflückt, bis hin zu den flüsternden Gestalten und der alten Sibylle, die wie eine peruanische Mumie gebückt hockt. „Ein philosophisches Werk“, schrieb Gauguin, „über ein Thema, das aus der Bibel stammen könnte.“

Dagegen hatte der Norddeutsche Emil Nolde nie die Absicht, aus „Barbaropa“ nach einem fernen Arkadien zu entfliehen. Als er und seine Frau Ada 1913 mit einer Expedition nach Deutsch-Guinea reisten, damals eines der kolonialisierten „Schutzgebiete“ des wilhelminischen Kaiserreichs in der Südsee, hatte er ganz andere Beweggründe: Er war auf der Suche nach Urexistenzen des Menschlichen, nach „Urvölkern“, die noch im Einklang lebten mit der Natur. Nolde zeichnete und aquarellierte die Eingeborenen, aber auch die tropische Landschaft mit ihrer farbenprächtigen Flora und Fauna. Wie in filmischen Großaufnahmen ziehen die Köpfe der Eingeborenen, Gesichter mit groß aufgerissenen Augen, gleichsam ikonenhafte Darstellungen von Mutter und Kind, nah und doch so fern an uns vorüber. In der anthropologischen Fixierung ursprünglicher Menschlichkeit haben viele seiner Studien dokumentarischen Charakter. Damit unterscheiden sich Noldes Südsee-Blätter auch von der romantisierenden Inselexotik Max Pechsteins, die dieser 1914 im „Gefilde der Seligen“ auf Palau in einer mehr illustrativen Weise festhielt.

1914 war auch das Jahr der berühmten Reise Klees – gemeinsam mit seinen Malerkollegen Macke und Moilliet – nach Tunesien, die die Begegnung mit der islamischen Architektur brachte. Hier fand Klee Strategien für die schrittweise Abstraktion vom Naturvorbild sowie für den Umgang mit einer differenzierten Farbigkeit als formschaffendes Bildmittel. Anders als Macke verengte Klee die motivischen Möglichkeiten des Orients auf die Themenbereiche der Stadt beziehungsweise auf die Einbettung architektonischer Strukturen in die nordafrikanische Landschaft. Die einzelnen geometrischen Flächenformen werden wie Werksteine einer Bildarchitektur zur baulichen Konstruktion des Bildmotivs verwendet.

Mark Tobey, der Einzelkünstler des Schriftbildes, wiederum verdichtet in seinen Bildern – sie sind Spiegelbilder der Anschauungen des japanischen Zen-Buddhismus – Linien, Bewegungen und Rhythmen zu einem vibrierenden, schwingenden Kontinuum, in das der Betrachter „lesend“ einzutauchen vermag.

Literaturangaben:
SPADONI, CLAUDIO/SPARAGNI, TULLIOLA (Hrsg.): L’artista viaggiatore da Gauguin a Klee, da Matisse a Ontani. Italienisch und Englisch. Silvana Editoriale, Mailand 2009. 263 S., 29 €.

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