ZÜRICH (BLK) – Im März 2008 ist Georges-Arthur Goldschmidts Essay „Die Faust im Mund“ in der Reihe Odeon des Ammann Verlages erschienen.
Klappentext: Georges-Arthur Goldschmidt ist eine einzigartige Erscheinung im deutsch-französischen literarischen Grenzverkehr. Sowohl in Frankreich als auch in Deutschland ein Autor von Rang, betrachtet Goldschmidt Probleme und Worte „mal von unten, mal von oben“. Er entführt uns in literarische Abenteuer, mitten hinein in die Grimmschen Märchen, zum Struwwelpeter, von Pascal und La Bruyère bis hin zu Eichendorff und vor allem: zu Franz Kafka. „Die Faust im Mund“ ist ein Sinnieren mit Geist, Körper und Seele über Sehnsucht, Gewalt, lustvolle Bestrafung und Scham und eine Wiederentdeckung der Liebe zur Muttersprache durch die Welt der Literatur.
Georges-Arthur Goldschmidt, geboren am 2. Mai 1928 in Reinbek bei Hamburg. Kindheit in einer großbürgerlich-hanseatischen Familie, die vom Judentum zum protestantischen Glauben konvertiert war. Als Elfjähriger wurde Georges-Arthur Goldschmidt mit seinem vier Jahre älteren Bruder nach Frankreich in die Emigration geschickt. Heute lebt er in Paris, wo er lange als Gymnasiallehrer für deutsche Sprache tätig war. Er ist Mitglied des Deutsch-Französischen Kulturrats und Mitarbeiter verschiedener Feuilletons in Frankreich und in Deutschland. Zahlreiche Übersetzungen aus dem Deutschen ins Französische (Goethe, Nietzsche, Stifter, Kafka, Benjamin); insbesondere hat er das Werk von Peter Handke durch seine Übersetzungen (bislang achtzehn Bücher) in Frankreich bekannt gemacht. Er ist Autor zahlreicher Essays und Romane. In Frankreich erregte er besonderes Aufsehen mit seinem subtilen Buch über die deutsche Sprache: „Quand Freud voit la mer - Freud et la langue allemande“ 1988. (car/wip)
Leseprobe:
© Ammann Verlag & Co., Zürich ©
I
Das erste Auflodern
Alles beginnt an einem Oktobertag des Jahres 1943, in der Angst, Einsamkeit und Schande der Besetzung Frankreichs durch die Nazis. Mit einemmal fühlt man sich ausgerichtet an einer merkwürdig vertikalen Feststellung ohne Inhalt und Ausdehnung, die einen stets begleitet hat und sich plötzlich mit besonderer Deutlichkeit und Intensität abzeichnet. Spürt eine simple Gewißheit zu leben, ein ungekanntes Auflodern, das einen buchstäblich in sich selbst hineinfallen läßt. Eine Erschütterung, eine Grundlegung, einen Blitzschlag, aus dem ein unverrückbares Fundament für den Rest des Lebens entsteht. Gleichzeitig hört man das Lied des Föhns, jenes Südwinds, der über die Berge kommt und das Haus anzuheben scheint, daß es höher wird und sich aufrichtet, wie bedrängt von der Unermeßlichkeit ringsum.
Es war ein kurzer Rausch – ein Emporgerissenwerden, ein unsagbares Entzücken, eine leidenschaftliche Erregung, die mir die Tränen in die Augen trieb, das Gefühl, daß dieser zentrale Punkt außerhalb der Worte und ohne Halt eben das ist, worum die Sprache kreist, ohne es zu erreichen, ein leerer Punkt, der den Worten Raum gibt.
Diese Entdeckung, dieses „Ich bin, ich existiere“, wurde zum Orientierungspunkt des hilflosen, verlorenen, vertriebenen und mit dem Tod bedrohten Kindes, das als „minderwertiger“ Christ zur Welt gekommen war.
Das Erlebnis war um so tiefgreifender, wesentlicher, je bedrohter ich – aufgrund meiner Herkunft– in meinem schlichten Überleben war, so daß jeder zufällig in einem Buch gelesene Satz Zuflucht und Zeichen wurde.
In dem strengen Internat in den Alpen Hochsavoyens, wo ich zu der Zeit lebte, gab es außer Lateinlehrbüchern und einem vom Verlag J. de Gigord eigens für katholische Lehranstalten herausgegebenen Handbuch mit Ausgewählten Stücken nur wenige Bücher. In der Jugend überfliegt man mehr, als man liest.
Es gab ein Exemplar von Pascals Gedanken, die in ihrer Knappheit Schauer hervorrufen können, dank derer man über das Lesen das ursprüngliche Staunen wiederfindet. Der Blick stockte bei der „unendlichen Bewegung: der Punkt, der alles erfüllt, der Augenblick der Ruhe. Unendlich ohne meßbare Größe, unteilbar und unendlich“. Das war kein Begreifen, sondern ein Ergriffenwerden. „Das ewige Schweigen dieser unendlichen Räume erschreckt mich.“ Es war das gleiche, was mir eben passiert war, allein, im Schlafsaal ganz oben im Haus, ein plötzliches Gepacktsein, das einem den Atem verschlägt.
Der Körper war also so nah an den Worten, daß „Gedanken“ erbeben lassen und den Atem nehmen konnten. Unter den Ausgewählten Stücken waren auch die Maximen von La Rochefoucauld, dessen heller Zynismus, wohltuende Bosheiten und Bedeutungsumkehrungen den Stoff des Denkens prägten. Es zog einem den Magen zusammen bei diesen schnellen, zugespitzten Maximen, durch sie erwies sich die französische Sprache als lebhaft, flink und präzise. Im Körper hinterließ dieses schlanke Französisch, das stracks auf sein Ziel losging, einen sonderbar schneidenden, fast heiteren Eindruck.
Bis 1943 hatte ich in ständiger Aufregung gelebt, von einer Züchtigung zur nächsten, kopflos vor Schimpf und Schande, daher war mir gar nicht bewußt geworden, daß ich kleiner deutscher Flüchtling längst Französisch sprach, als ob ich das seit jeher getan hätte, als ob es meine zweite Muttersprache wäre.
An jenem Oktobertag 1943 kam alles auf einmal, auch der zweifache Zugang zum Schreiben. Statt mich wie gewöhnlich zum zweihundertmaligen Abschreiben des Satzes „Ich darf im Unterricht nicht schwätzen“ oder „Ich werde Schläge bekommen, weil ich faul bin“ zu verdonnern, hatte man sich diesmal in den Kopf gesetzt, mich die „Abenteuer eines Zerstreuten“ aus den Charakteren von La Bruyère abschreiben zu lassen. Noch nie hatte ich so Französisch geschrieben. Es war, als ob ich über dem Text schwebte, nie zuvor war mir die absonderliche Anordnung all dieser Buchstaben aufgefallen, die die Seiten schmückten, aber beim Vorlesen meist nicht zu hören waren; das verlieh dem ganzen ein elegant pittoreskes Flattern, das mich staunen machte. So wurde die Sprache, die ich abschrieb, zu einer überraschenden, wunderbaren Zuflucht in der alltäglichen Not.
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Literaturangaben:
GOLDSCHMIDT, GEORGES-ARTHUR: Die Faust im Mund. Essay. Aus dem Französischen von Brigitte Große. Odeon 21. Ammann Verlag, Zürich 2008. 160 S., 17,90 €.
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