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Erinnerungen an gute Zeiten der SPD

Heinrich Ströbel, ein Pazifist von damals

© Die Berliner Literaturkritik, 16.10.09

Von Marco Gerhards

Wenn ein Mann zwischen Oberlippe und Nasenwurzel Behaarung zeigt, nennt man dies einen Schnauzbart, in Kurz- und Belächelungsform, einen Schnauzer oder Schnörres. Wird jener Bart vom Träger so gestutzt, dass er nicht die gesamte Oberlippenbreite einnimmt, sondern nur den Bereich unter der Nase bedeckt und dazu noch bis tief in die Regionen der Nasenbehaarung vordringt (wohin diese vielleicht etwas verwirrenden physiognomischen Exkurse führen, wird gleich klar werden), dann nennt man diese spezielle Form des Schnauzers einen Hitlerbart. Ganz einfach deshalb, weil eben jener der wohl berühmteste Träger dieser Haarwuchsform war. Und genau jenen Hitlerbart finden wir bei Heinrich Ströbel wieder. Und das ist dann auch das Einzige was den einen mit dem anderen verbindet.

Diese zugegebenermaßen weit hergeholte Einleitung hatte nur folgende Absicht: Klarzumachen, dass ein Hitlerbart, so verpönt er heute auch sein mag, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts gang und gebe war und in keinster Weise auf eine entsprechende politische Motivation schließen lässt. Das ist, man erkennt das ja an denunzierenden Wahlplakaten ganz deutlich, heute anders. Nun also zu Heinrich Ströbel, dem vergessenen Sozialdemokraten, wie der Untertitel behauptet. Nun, vergessene Sozialdemokraten gibt es so viele wie Sand am Meer und wenn man dem Ergebnis der Bundestagswahlen 2009 glauben darf, wird es wohl bald eher so viele geben, wie Wasser im Meer. Korrekterweise wäre also die Bezeichnung ein vergessener, aber gewichtiger Sozialdemokrat eine passendere Umschreibung für das Leben und Wirken von Ströbel gewesen.

Immerhin war er mehr als drei Jahrzehnte Teil der SPD-Führung und in dieser Funktion hatte er eine besonders bedeutende Rolle im heute noch erschienenden Parteiblatt „Vorwärts“ inne. Als Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses und des Reichstages schaffte er es immerhin bis zum Ministerpräsidenten von Preußen und war finanzpolitischer Sprecher seiner Partei. Was ihn auszeichnete, und davon ist in diesen Buch häufig die Rede, war seine pazifistische und abrüstungsorientierte Gesinnung. Die weit über das hinausragte, was man von seinen Parteigenossen damals gewohnt war. Der Laienhistoriker weiß ja um die Bedeutung der SPD in Sachen Erster Weltkrieg. Und genau an der Stelle, im August 1914, opponierte Ströbel, unterstützte er doch die finanzielle Kriegsbewilligung seiner Genossen in keinster Weise.

Der promovierte Historiker Lothar Wieland, Experte in Sachen Innenpolitik jener Zeit, nimmt sich der Vita Ströbels offenherzig und betont sympathisch an. Seine pazifistischen und modernen Visionen werden in dieser Biografie vorangestellt, wobei aber auch die radikaleren Seiten Ströbels, also sein Umgang mit so genannten Abweichlern, zumindest kritisch unter die Lupe genommen wird. Chronologisch strukturiert und aufgebaut verfolgt Wieland den langen Weg des Politikers Ströbel von seinen sozialistischen Anfängen im preußischen Landtag, bis hin zu den Artikeln in der Zeitschrift „Das andere Deutschland“, aus der ein Beitrag Ströbels von 1932 den Titel dieses Buches gab, und der an das gemahnt, was Ströbel damals schon sah.

Als Informationsquelle für sozialdemokratische Angelegenheiten, Streitigkeiten und Auf und Abs ist diese Quelle unverzichtbar, ebenso wie als Portrait eines Pazifisten, wie es ihn zu jener Zeit nur ganz selten gegeben hat. Literaturangaben und Quellenbelege sind reichlich vorhanden, man kann also von einer profunden und detaillierten, aufschlusseichen und gelungen historischen Leistung sprechen. Wenn das die heutige SPD nur auch mal von sich sagen könnte.

Literaturangabe:

WIELAND, LOTHAR: „Wieder wie 1914!“ Heinrich Ströbel (1869-1944) – Biografie eines vergessenen Sozialdemokraten. Donat Verlag, Bremen 2009. 408 Seiten, 22 Abb. 22,80 €.

Weblink:

Donat Verlag


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