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Erinnerungen an Anna Achmatowa

Aus dem Nachlass von Nadeschda Mandelstam

© Die Berliner Literaturkritik, 22.11.11

BERLIN (BLK) – Im November 2011 ist im Suhrkamp Verlag „Erinnerungen an Anna Achmatowa“ von Nadeschda Mandelstam herausgekommen. Christiane Körner hat es aus dem Russischen übersetzt, Pawel Nerler das Nachwort verfasst.

Klappentext: Nadeschda Mandelstam (1899-1980), die ihren Mann, den Dichter Ossip Mandelstam, um viele Jahre überlebte, hat sich im Alter mit ihren Memoiren „Das Jahrhundert der Wölfe“ und „Generation ohne Tränen“ international einen Namen gemacht. Erst vor wenigen Jahren wurden in ihrem Nachlass „Erinnerungen an Anna Achmatowa (1889-1966)“ entdeckt - ein bewegendes Dokument der Freundschaft in schwierigsten Zeiten. Achmatowa, die charismatische, unbeugsame Dichterin, bangt um ihren Sohn, der in den stalinistischen Gefängnissen inhaftiert ist, während die Freundin die Gedichte ihres 1938 im Lager umgekommenen Mannes rettet - indem sie jede Zeile seiner verbotenen Texte im Gedächtnis bewahrt.

Dieses reiche Buch ist Dichterporträt und Zeitzeugnis zugleich - ein vierzig Jahre währendes Gespräch über Angst und Niedertracht, über die Macht und Ohnmacht von Liebe, Eros und Literatur.

Nadeschda Mandelstam, 1899 geboren, begleitete ihren Mann Ossip Mandelstam 1934 nach Woronesch in die Verbannung. Sie arbeitet als Textilarbeiterin, später als Englischlehrerin. Die ersten beiden Bücher ihrer Memoiren, zuerst im Samisdat verbreitet, erschienen Anfang der 70er Jahre in Westeuropa. Ein drittes Buch blieb Fragment. Ihm sind die „Erinnerungen an Achmatowa“ entnommen, die hier erstmals auf deutsch erscheinen. Nadeshda Mandelstam starb 1980 in Moskau.

 Leseprobe:   

©Suhrkamp Verlag ©

I

Eine Widmung in einem Buch: „Für Freundin Nadja, damit sie sich ein weiteres Mal an das erinnert, was mit uns war.“

  Von dem, was mit uns war, ist das Tiefste und Stärkste die Angst und ihr Produkt – das ekelhafte Gefühl der Scham und der vollkommenen Hilflosigkeit. Daran muss man sich nicht erinnern, »das« ist immer bei uns. Wir haben einander gestanden, dass „das“ stärker war als Liebe und Eifersucht, stärker als alle menschlichen Gefühle, die uns zuteil wurden. Von den ersten Tagen an, als wir noch tapfer waren, bis Ende der fünfziger Jahre hat die Angst alles, was das Leben der Menschen normalerweise ausmacht, in uns erstickt, und für jeden Lichtblick bezahlten wir mit Albträumen, im Schlaf oder im Wachen.

  Die Angst hatte einen leibhaftigen Grund: geschrubbte Hände mit kurzen dicken Fingern, die in unseren Taschen wühlen, die gleichmäßigen Gesichter der nächtlichen Gäste, ihre trüben Augen und von Schlaflosigkeit geröteten Lider. Nächtliches Klingeln – „Ihr machtet friedlich in Sotschi Urlaub, da schleppten sich schon diese Nächte zu mir, und ich hörte dieses Klingeln“ –, das Poltern der Stiefel, der „schwarze Rabe“, wer ist da?, der Tölpel, der auf der Straße Wache steht, nicht um etwas Neues über uns zu erfahren, sondern bloß mit dem Ziel, uns Angst zu machen und restlos einzuschüchtern.

  Nachts in den Stunden der Liebe ertappte ich mich bei dem Gedanken: Wenn sie nun hereinkommen und uns unterbrechen? So war es dann auch und hinterließ eine eigentümliche Spur – die Mischung zweier Erinnerungen.

  Außer der körperlichen gab es da noch eine andere Seite, gleichsam eine moralische. 1938 erfuhren wir, dass man „dort“ die „psychologischen Verhörmethoden“ aufgegeben hatte und zum „vereinfachten Verhör“ übergegangen war, also schlicht folterte und schlug. A. A. sagte: „Jetzt ist alles klar: Mütze auf, Ohrenklappen runter – und ab die Post!“. Und aus irgendwelchen Gründen dachten wir, ohne Psychologie bräuchten wir keine Angst mehr zu haben, sollten sie uns ruhig die Rippen brechen . . .

  Aber sie änderte ihre Meinung bald: keine Angst mehr haben? Angst muss man haben – wir kennen uns ja selber nicht. Vielleicht brechen wir zusammen und plappern alles Mögliche aus, wie A, B und C es getan haben, und nach unseren Angaben holt man Leute ab ohne Ende . . . Wirklich, woher sollen Menschen wissen, wie sie sich in unmenschlichen Situationen verhalten? Ich habe viel von ihr gelernt, und auch dieses: Herrgott, hilf, denn ich kann ja nicht einmal für mich selbst garantieren . . .

  Mehr als alle anderen fürchtete A. A. die „Arglosen“. In unserer Situation waren sie am gefährlichsten. Dem Arglosen fehlt die Widerständigkeit. Wenn er ihnen in die Hände fiel, konnte ein Argloser aus Dummheit Verwandte, Bekannte und Unbekannte zugrunde richten. Eltern, die ihre Kinder schützen wollten, ließen sie in Unwissenheit, und dann konnten die Eltern einkassiert werden, und der Arglose blieb seinem Schicksal überlassen, oder der Arglose wurde einkassiert, ein netter, offenherziger Mensch, oder es wurde niemand einkassiert –manche haben Glück! –, und der Arglose lief durch die Straßen und Häuser, redete, wie er es verstand, schrieb manchmal auch Briefe oder führte Tagebuch, und die Zeche für seine Idiotie zahlten andere. Für uns war ein Argloser schlimmer als ein Provokateur: Dem Provokateur spielst du Komödien vor, und er weiß das, der Arglose schaut blauäugig in die Welt, und du kannst ihm den Mund nicht stopfen.

  In unserer Zeit hat nur die Angst aus den Menschen Menschen gemacht, aber nur unter der Voraussetzung, dass sie nicht zu gewöhnlicher Feigheit führte. Angst war ein Organisationsprinzip, Feigheit die erbärmliche Aufgabe von Positionen. Das konnten wir uns nicht erlauben, und um die Wahrheit zu sagen, eine solche Versuchung verspürten wir auch nicht.

  In den schlimmsten Jahren ging A. A. immer als Erste in die Häuser, wo nachts „liebe Gäste“ gewirtschaftet hatten – diese hier: „Und die ganze Nacht erwarte ich liebe Gäste, und klirr mit den Fesseln der Kette an meiner Tür“. Kürzlich fragte ich Tatotschka, die Wunderschöne, die zu ihrem Glück nur fünf Jahre ohne Wiederholungsurteil runtergerissen hat,das aber mit allem,was dazu gehörte:Beschlagnahmen, Wohnsitzbeschränkungen, Fallstricken und Verlusten: „Ist sie gekommen?“ „Natürlich“, antwortete Tatotschka. „Sofort . . . Als Erste . . . Wir hatten noch nicht einmal aufgeräumt . . .“ „Und wer hat gesagt, heute bräuchte man nur Aschenbecher und Spucknapf – sie oder du?“ „Sie natürlich“, antwortete Tatotschka verwundert.

  Diese hinreißende Frau, L.s Witwe, symbolisiert für mich Sinnlosigkeit und Grauen des Terrors – womit hatte sie, zart, ätherisch, rührend, ein solches Schicksal verdient? Das war nun wirklich eine Frau wie eine Blume – wie konnte man ihr das Leben vergiften, den Mann umbringen, bei Verhören ins Gesicht spucken, sie von ihrem kleinen Sohn trennen, den sie dann nie wiedersah, weil auch er umkam, während sie in stinkender Wattejacke und Ohrenklappenmütze im Lager verfaulte? Womit hatte sie das verdient? Sie wurde der Idee zum Opfer gebracht, man müsse die Welt verändern, um alle Menschen glücklich zu machen, und einer so großen Aufgabe war nur der Übermensch gewachsen mit seinen starken Mitstreitern, den – wenn auch zweitklassigen – Spielarten des Übermenschen, denen alles erlaubt ist. Was tut man nicht alles aus Menschenliebe . . .

  Andererseits ist meine Tata, die auch im Alter hinreißend geblieben ist, ein Symbol weiblicher Stärke, unerhörten passiven Widerstands gegen diejenigen, die „starke Männer“ in fügsame, zitternde Kreaturen mit gut organisiertem Kollektivverstand verwandelten. Wer sagte noch, dass der Kollektivverstand immer etwas Kreatürliches ist? Auf die Bemerkung, sie könne zum zweiten Mal heiraten – so wurde manchmal als Geste besonderen Entgegenkommens mitgeteilt, dass der Ehemann tot war, erschossen, erfroren oder auf andere Weise umgekommen –, gab Tatotschka dem Staatsanwalt zur Antwort: „Von Toten lasse ich mich nicht scheiden.“

  Frauen gingen weniger deformiert aus diesen Prüfungen hervor als Männer, Psychosen waren seltener bei ihnen, sie gaben nicht so früh auf, obwohl auch sie geschlagen und mit Hunger und Schlafentzug geqäult wurden. Sogar ihre Lagerzeit ertrugen sie standhafter als Männer. Schalamow sagte mir, dass Frauen manchmal ihren Männern an die Kolyma nachgereist kamen, um ihr Los wenigstens irgendwie zu erleichtern. Sie setzten sich unglaublichen Qualen aus, wurden vergewaltigt, misshandelt. Doch sie kamen her und lebten dort. Aber er hat nie gehört, dass auch nur ein Mann zu seiner Frau oder Freundin gekommen wäre – „Liebste, ich gebe mein Leben für dich hin . . .“

  Was hat uns dieses verfluchte Zeitalter der tierischen Angst gegeben? Was kann ich zu ihrer Rechtfertigung sagen? Wenn ich nachdenke, vielleicht einiges, aber vorerst: Es gab trotz allem ein paar Menschen, die Menschen geblieben sind, Einzelne, Tropfen im Ozean; nicht alle sind zu Unmenschen geworden. Und: Unter Umständen wie diesen erkennt man einen Menschen schneller und leichter als dort,wo sich mit den Konventionen anständiger Äußerungen und anständigen Verhaltens Unmenschen als Menschen tarnen können, und schließlich:Wenn akute Krankheiten nicht zum Tode führen, ermöglichen sie eine gründlichere Heilung als chronische, langsam verlaufende mit verderblichen Folgeschäden. Alle drei von mir auf die Schnelle gefundenen Rechtfertigungen schlagen wohl eher negativ als positiv zu Buche.

©Suhrkamp Verlag©

Literaturangabe:

MANDELSTAM, NADESCHDA: Erinnerungen an Anna Achmatowa. Mit zeitgenössischem Bildmaterial Aus dem Russischen von Christiane Körner; Nachwort von Pawel Nerler. Suhrkamp Verlag, Berlin 2011. 206 S., 18,90 €.

Weblink:

Suhrkamp 


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