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Erste Liebe – letzte Liebe

Zur deutschsprachigen Neuübersetzung und Taschenbuchausgabe von Romain Garys berühmtem Roman „Frühes Versprechen“

© Die Berliner Literaturkritik, 21.03.11

Gary, Romain: Frühes Versprechen. Roman. Aus dem Französischen von Giò Waeckerlin Induni. Mit einem Nachwort von Sven Crefeld, einer Zeittafel und einem Werkverzeichnis. Mit neun Fotos.Fischer Taschenbuch Verlag. Frankfurt am Main 2010. , 415 S., 9,95 €.

Von Behrang Samsami

„Ich hörte das Gelächter nicht mehr, ich sah die spöttischen Blicke nicht mehr, ich umfing ihre Schultern und dachte an alle Schlachten, die ich für sie schlagen wollte, an das Versprechen, das ich mir in meiner frühesten Kindheit gegeben hatte, dass ich ihr Gerechtigkeit widerfahren lassen wollte, um sie für ihre Opfer zu entschädigen, und eines Tages siegreich nach Hause zurückkehren würde, nachdem ich denjenigen, deren Macht und Grausamkeit ich seit meinen ersten Schritten erfahren hatte, den Besitz der Welt streitig gemacht hatte.“

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Es ist in diesem kleinen Abschnitt aus dem ersten Kapitel von Romain Garys „La promesse de l’aube“, in dem die Themen seines erstmals 1960 erschienenen, äußerst erfolgreichen Romans in nuce vorgestellt werden: Es geht um das besondere Verhältnis, dass der Ich-Erzähler zu seiner Mutter hat, um Opfer, die sie ihm gebracht hat, und um sein Versprechen, sich dafür zu revanchieren, indem er einen Kampf für eine bessere, gerechtere und lebenswertere Welt führt. So ist Romain Garys Roman mehr als ein „autobiographisches“ Werk im allgemeinen Sinne, setzt es sich doch in erster Linie nicht nur mit seinem Leben, sondern auch und vor allem mit dem seiner Mutter auseinander und thematisiert die äußerst enge Bindung zwischen den beiden, die sich durch das Fehlen des Vaters noch weiter intensiviert.

„Es ist nicht gut, wenn man so jung, so früh, so sehr geliebt wird. Man nimmt schlechte Gewohnheiten an. Man glaubt, es geschafft zu haben. Man glaubt, es gebe dies alles woanders auch, man könne es jederzeit wiederfinden. Man rechnet damit. Man hält Ausschau. Man hofft. Man wartet. Mit der Mutterliebe macht dir das Leben in der frühesten Kindheit ein Versprechen, das es nie hält. Danach ist man gezwungen, bis an sein Lebensende kalt zu essen. Später sind es jedes Mal nur Beileidsbezeigungen, wenn dich eine Frau in die Arme nimmt und an ihre Brust drückt. Heulend wie ein herrenloser Hund kehrt man immer wieder ans Grab der Mutter zurück. […] Du bist sehr früh zur Quelle gegangen und hast alles getrunken. Wenn du wieder durstig bist, magst du noch so überallhin stürzen, es gibt keine Brunnen mehr, es gibt nur noch Fata Morganas. Du hast im ersten Lebensschimmer zu intensiv erfahren, was Liebe ist. Man sieht es dir an, und wo immer du hingehst, du trägst das Gift des Vergleichs mit dir herum, und du verbringst die Zeit damit, auf das zu warten, was du schon bekommen hast.“

In seinem Nachwort „,Ich‘ ist ein Abenteuer“, das der neu übersetzten deutschsprachigen Ausgabe von „La promesse de l’aube“ mit dem Titel „Frühes Versprechen“ (SchirmerGraf Verlag 2008; als Taschenbuch bei Fischer 2010) neben einer Zeittafel und einem Werkverzeichnis zu Romain Gary beigefügt ist, geht der Journalist und Buchautor Sven Crefeld mehrfach auf die außergewöhnliche Beziehung ein, die zwischen dem späteren französischen Schriftsteller und seiner Mutter, der aus Russland stammenden, in ihrer Jugend kurze Zeit als Schauspielerin arbeitenden Jüdin Nina Kacew, bestanden hat. Er gibt Hintergrundinformationen zum Lebensweg der beiden und äußert sich zum Verhältnis von Dichtung und Wahrheit in Garys berühmtem Werk. Auch wenn er in seinem Roman sicherlich „hübsch fabuliert, einige Details pittoresk herausgeputzt und die Düsternis der Lebensumstände seiner Jugend aufgehellt“ habe, sei, so Crefeld, der „Kern der unerhörten Geschichte“, die Gary in „Frühes Versprechen“ erzählt, doch wahr.

Es sind drei ungefähr gleich lange Abschnitte, in die dieses Werk von Romain Gary (1914-1980) aufgeteilt ist. In ihnen berichtet der Ich-Erzähler nacheinander von seinem Leben als Kind einer allein erziehenden Mutter in Litauen und Polen in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg, dann als jugendlicher Emigrant im südfranzösischen Nizza inmitten vieler anderer russischer Flüchtlinge und schließlich als Jurastudent und junger Autor in Paris und als Kampfflieger der französischen Luftwaffe im Zweiten Weltkrieg in Europa, Afrika und dem Nahen Osten. Allgegenwärtig ist seine selbstbewusste, dominante Mutter, die jede Arbeit und Mühe auf sich nimmt, etwa ein Modeatelier eröffnet oder die Leitung eines großen Hotels übernimmt, damit es ihr einziges Kind stets warm und immer genug zu essen hat. Dafür sind die Anforderungen, die sie an ihn richtet, groß. Sie hofft, dass ihr Sohn mit ihrer Hilfe eines Tages ein von vielen gekannter und geachteter Kunstschaffender werde: „Sie hatte ihre künstlerischen Ambitionen aufgeben müssen, also zählte sie jetzt auf mich. Ich für meinen Teil war fest entschlossen, alles zu tun, was in meiner Macht stand, damit sie sozusagen mittels meiner Person eine berühmte, umjubelte Künstlerin wurde, und nachdem ich lange zwischen Malerei, Bühne, Gesang und Tanz geschwankt hatte, sollte ich mich eines Tages für die Literatur entscheiden, die mir damals als die letzte Zuflucht erschien für alle, die nicht wissen, wohin sie sich verkriechen sollen.“

„Frühes Versprechen“ ist, so gesehen, eine Art Doppelbiographie, mit der der Autor seiner 1941 verstorbenen Mutter ein liebevolles Denkmal gesetzt hat und durch die sie – zumindest posthum – zu Berühmtheit gelangt ist. Das Buch erzählt von dem steten finanziellen Auf und Ab der kleinen Familie und von den vielen ungewöhnlichen, nicht selten grotesken und tragikomischen Erlebnissen, die beiden widerfahren. Es beschreibt zugleich das Leben zweier Außenseiter und Migranten, die sich in den verschiedenen Aufnahmeländern stets neu einleben und integrieren müssen, sich dabei aber doch immer treu bleiben und ihre Ziele nicht aus den Augen verlieren. Das verklärte Frankreich-Bild, das die Mutter zudem seit der frühesten Kindheit bei ihrem Sohn durch ihre teilweise phantastischen Erzählungen schafft, kann allerdings seinen späteren Erfahrungen in Frankreich, das nach ihrem Wunsch zu seiner neuen Heimat werden soll, nicht standhalten. Zu sehr klaffen ihre Wünsche und Vorstellungen eines stark idealisierten Frankreichs mit der politischen und sozialen Wirklichkeit des Landes bei dem Ich-Erzähler insbesondere kurz vor und dann während des Zweiten Weltkriegs auseinander.

Doch „Frühes Versprechen“ enthält nicht nur die Beschreibung der persönlichen Erlebnisse Romain Garys, die mit der Befreiung Frankreichs 1944 und der Rückkehr des Ich-Erzählers nach Nizza enden. Dieser äußert sich auch immer wieder dezidiert zu bestimmten politischen und historischen Entwicklungen und Haltungen vor allem in Frankreich, aber auch zu (pseudo-)wissenschaftlichen Thesen, die er gerne einer genauen Analyse unterwirft und dabei auf kunstvolle Weise kritisiert. Hierbei kristallisiert sich allmählich auch das Weltbild wie auch das Schreibprogramm des Schriftstellers heraus, das zugleich eine Überlebensstrategie des Menschen Romain Gary, der mit wirklichem Namen eigentlich Roman Kacew geheißen hat, darstellt:

„An allen Fronten von der Realität angegriffen, von allen Seiten zurückgewiesen, überall an meine Grenzen stoßend, flüchtete ich mich immer mehr in eine Phantasiewelt und lebte dort, mittels der von mir erfundenen Personen. Instinktiv und ohne offensichtlichen literarischen Einfluss lernte ich den Humor kennen, ein geschicktes und absolut befriedigendes Mittel, die Wirklichkeit in genau dem Moment zu entschärfen, da sie über einen herfällt. Der Humor ist mir auf meinem ganzen Weg ein brüderlicher Lehrmeister gewesen; ich schulde ihm meine einzigen echten Triumphe über das Missgeschick. Niemand ist es je gelungen, mir diese Waffe zu entreißen, und ich richte sie umso lieber gegen mich selbst, als ich durch das ,Ich‘ und das ,Mich‘ das unerbittliche Geschick verhöhne. Der Humor ist das Manifest der Würde, eine Bestätigung, dass der Mensch über seinem Los steht.“

In „Frühes Versprechen“ verknüpft Gary abwechselnd Erinnerungen an den eigenen, oft steinigen Weg mit Reflexionen über Fragen der Moral und Ethik. Präzise, scharfe und ironische Milieustudien und Porträts wechseln zudem mit Einblicken in die eigene Gedankenwelt ab, die allerdings nicht selten auch über den Ich-Erzähler selbst hinausweisen. Was aber vor allem in der Erinnerung des Lesers bleibt, sind die vielen Geschichten, die sich um die Mutter drehen. Auf sehr unterhaltsame, humorvolle Art berichtet der Sohn von den sehr konkreten, ehrgeizigen Plänen, die diese impulsive Frau für seine glänzende Zukunft setzt, und dann davon, auf welchem Wege er jene zu realisieren gedenkt – und damit letztlich nicht nur mit dem vorliegenden Roman erfolgreich ist: „Ich war fest davon überzeugt, dass man, sowohl in der Literatur als auch im Leben, die Welt der Inspiration beugen und auf ihre eigentliche Bestimmung zurückführen konnte: auf ein gut gemachtes und gut gedachtes Werk nämlich. Ich glaubte an die Schönheit und folglich an die Gerechtigkeit. Das Talent meiner Mutter drängte mich, ihr das Meisterwerk zu schenken, an das sie so leidenschaftlich geglaubt, an dem sie gearbeitet, von dem sie für mich geträumt hatte: ein Meisterwerk, das die Kunst und das Leben beinhaltete.“

Weblink: Fischer Verlag


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