„Finanzmärkte sind größte Gefahr“

Ernst Ulrich von Weizsäcker hält einen möglichen Atomkrieg nicht mehr für das größte Risiko für die Welt

© Die Berliner Literaturkritik, 20.04.10

STUTTGART (BLK) - Der Physiker und Umweltautor Ernst Ulrich von Weizsäcker hält einen möglichen Atomkrieg nicht mehr für das größte Risiko für die Welt. „Überhaupt gehen heute Gefahren gar nicht mehr so sehr von Staaten aus als von Finanzmärkten und fundamentalistischen Predigern“, sagte der 70-jährige Weizsäcker in Stuttgart. „Manche Freitagspredigt im Iran oder Sonntagspredigt im amerikanischen Bibelgürtel ist ein Aufruf zum Hass gegen ‚die Ungläubigen’, - und das kann ganz schnell in Kriegshetze umschlagen.“

Der Atomgipfel in Washington habe die Welt ein Stück sicherer gemacht, ist Weizsäcker überzeugt. „Ja, in einem generellen Trend wachsender Unsicherheit war das ein guter Schritt.“ Ihn beunruhige jedoch die Rolle der USA seit dem Ende des Kalten Kriegs. „Durch die wachsende Unbeliebtheit der USA nicht nur in der arabischen Welt ist ein schwer zu stabilisierendes Staatengefüge entstanden mit Konfliktherden, wo ein fremder Einmarsch die Sache oft nur noch schlimmer macht.“

Der Gipfel habe nicht mehr als freiwillige Maßnahmen erreichen können. „Freiwilligkeit ist in diesem Fall schlicht das Einzige, was überhaupt machbar ist“, sagte der Friedensaktivist und SPD-Politiker. Eine effektive, internationale Kontrolle könne nur von einer den USA und Russland übergeordneten, mit Muskeln bewehrten Instanz ausgeübt werden. „Diese gibt es nicht. Insofern gibt es nur Freiwilligkeit“, sagte Weizsäcker.

Der Umweltautor hält jedoch die „Mentalität der radikalen Maximierung der Erträge“ durch Finanzinvestoren für eine große Gefahr. „Die Balance zwischen öffentlich und privat ist aus den Fugen geraten.“ Heftige Kritik übte er an Unternehmen wie dem Saatgutkonzern Monsanto in den USA. „Die holen sich Pflanzengene aus aller Welt, rekombinieren sie gentechnisch und patentieren das Produkt. Man nennt das auch Biopiraterie.“ Weizsäcker warnte: „Raubzüge sind Konfliktherde. Es ist schwer abzusehen, ob und wann so etwas einmal zu einem Weltenbrand führen kann.“ (dpa/dan)


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