MÜNCHEN (BLK) – Der historische Roman „Das Vermächtnis der Seherin“ von Christoph Lode ist im Dezember 2008 bei Page & Turner erschienen.
Klappentext: Frankreich im 13. Jahrhundert: Die jüdische Gauklerin Rahel zieht mit einer Truppe von Spielleuten durch das Land. Das Leben ist hart, denn wandernde Prediger hetzen die Christen gegen ihre jüdischen Nachbarn und das fahrende Volk auf. Eines Tages schließt sich ihnen die geheimnisvolle Wahrsagerin Madora an. Von ihr erfährt Rahel, dass ihre Mutter, die vor vielen Jahren bei einem Judenpogrom ums Leben kam, eine mächtige Seherin war und dem Geheimbund von En Dor angehörte. Rahel hatte als Kind von ihrer Mutter eine alte Weise gelernt, aber erst durch Madora wird ihr die Bedeutung des Liedes klar: In den Gesang sind verschlüsselte Hinweise eingeflochten, die zum Heiligtum des Geheimbunds führen, dem Schrein von En Dor, der eine magische Wirkung haben soll. Madora möchte den Schrein mit allen Mitteln in ihren Besitz bringen, um drohendes Unheil von den Juden abzuwenden. Denn auch Guillaume de Rampillon, Erzdiakon von Paris und eingeschworener Feind des jüdischen Volkes, ist auf der Suche nach dem Heiligtum. Und so beginnt ein gefährlicher Wettlauf durch Frankreich und die winterlichen Alpen. Aber kann Rahel Madora wirklich trauen?
Christoph Lode, geboren 1977, ist in Hochspeyer bei Kaiserslautern aufgewachsen und lebt heute mit seiner Frau in Mannheim. Er studierte in Ludwigshafen am Rhein und arbeitet hauptberuflich in einer psychiatrischen Klinik bei Heidelberg. Mit „Der Gesandte des Papstes“ feierte er ein grandioses Debüt. (mir)
Leseprobe:
©Page & Turner©
Rouen
Jüdisches Jahr 5017
Anno Domini 1256
Das Mädchen kauerte in der Fensternische und beobachtete die brüllen de Menge vor Ben Ephraims Haus.
Dutzende von Menschen standen dicht an dicht auf der Straße, und immer noch strömten von der Pforte des Judenviertels neue herbei. Bei den meisten handelte es sich um Händler und Handwerker aus der Rue St-Romain, aber es waren auch Leute darunter, die Rahel noch nie gesehen hatte: Tagelöhner mit verhärmten Gesichtern, sauber und schlicht gekleidete Hausknechte und Mägde aus den Patrizierhäusern der Oberstadt, sogar zwei Mönche hatten sich dem Menschenauflauf angeschlossen. Sie alle drängten sich vor dem Gebäude zusammen, zertrampelten den Schnee zu Matsch und brüllten ihre Wut heraus.
Rahel legte sich auf den Bauch, kroch in der Nische so weit nach vorne, dass der eisige Wind ihre Nase kitzelte und ihr schwarzes Haar zerzauste, und legte das Kinn auf die Arme. So etwas war im Viertel noch nie geschehen. Sie war fest entschlossen, nichts zu verpassen.
Es war ein gewöhnlicher Morgen gewesen, bis Louis, der Schuster, plötzlich mit seinen vier Söhnen vor dem Haus auf der anderen Straßenseite erschienen war und geschrien hatte, Ben Ephraim solle heraus kommen. Der Geldverleiher hatte ihn zum Teufel gewünscht und die Tür und alle Fensterläden zugeschlagen. Daraufhin war der Schuster verschwunden, aber wenig später kam er mit den anderen Handwerkern der Rue St-Romain und deren Söhnen und Lehrlingen zurück, die ebenfalls wütend auf Ben Ephraim waren. Während Rahel noch darüber nachdachte, was Ben Ephraim getan haben könnte, das so viele Leute verärgert hatte, wurde die Menge immer größer. Offenbar war nicht nur die Rue St-Romain zornig auf den Geldverleiher, sondern die halbe Stadt.
Rahel mochte Ben Ephraim. Er war ein freundlicher älterer Mann, der einmal in der Woche zu Besuch kam und ihr stets Honiggebäck mit brachte. Es war schwer vorzustellen, dass er etwas tat, das andere Menschen in Wut versetzte. Sie hatte ihre Mutter gefragt, aber keine Antwort bekommen. Das Haus war seit zwei Tagen voller Menschen: Leute, die ihr über den Kopf strichen und sagten, sie sei groß geworden seit dem letzten Mal, obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte, auch nur einen von ihnen schon einmal gesehen zu haben. Von morgens bis abends saßen sie mit ihrer Mutter hinter verschlossenen Türen und redeten über Dinge, die eine Sechsjährige nichts angingen. Und auch wenn ihre Mutter einmal nicht mit den Fremden zusammen saß, hatte sie so schrecklich viel zu tun, dass sie für Rahels Fragen keine Zeit hatte. Inzwischen war Rahel davon überzeugt, dass man sie vergessen hatte. Es machte ihr nichts aus. Solange Mutter und Mirjam und alle anderen beschäftigt waren, schrieb ihr niemand vor, was sie tun sollte. Warum Louis und die an deren Christen so zornig auf Ben Ephraim waren, fand sie schon selbst he raus. Wenn sie etwas wirklich wissen wollte, fand sie es immer heraus.
Der Lärm der Menge ließ nicht nach. Jemand schrie, Ben Ephraim sei ein gottloser Teufel, woraufhin Dutzende die Fäuste in Richtung der verrammelten Tür schüttelten. Ben Ephraim war nicht zu sehen, und mit klopfendem Herzen hoffte Rahel, dass er klug genug war, in seinem Haus zu bleiben.
©Page & Turner©
Literaturangaben:
LODE, CHRISTOPH: Das Vermächtnis der Seherin. Page & Turner, München 2008. 448 S., 19,95 €.
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