Von Klaus Hammer
Im Sommer 1829 beendete der erst 19jährige Chopin sein Studium am Warschauer Konservatorium mit Erfolg. In sein Abschlusszeugnis trug der Direktor des Konservatoriums, Professor Elsner, folgende handschriftliche Bemerkung ein: „Chopin, Frédéric. Besondere Begabung: Musikalisches Genie“. Bereits am nächsten Tag brach Chopin zu seiner ersten Reise nach Wien auf, um sich in der Stadt Mozarts, Beethovens und Schuberts musikalisch weiterzubilden und neue Kontakte zu knüpfen. Er sollte nur noch einmal nach Polen zurückkehren, bevor er dann sein Heimatland endgültig verließ und die zweite Hälfte seines Lebens – er wurde ja nur 39 Jahre alt – in Paris verbrachte. Obwohl Chopin als Pianist in seinem Leben nur etwa 30 öffentliche Konzerte gab, gilt er bis zum heutigen Tage als der Klavierkomponist schlechthin. Vor allem aber: Fast vom ersten Opus an erschien Chopin als fertiger und eigenständiger Komponist. Er änderte seinen Kompositionsstil im Laufe seines Lebens nur geringfügig. Typisch für seine Werke ist die charakteristische Melodik. Das Zusammenführen von Tragik, Melancholie und Dramatik – oft auf engstem Raum – macht seine besondere Stärke aus.
Die Musik, die Chopin komponierte, kam immer aus seinem Inneren. Obwohl er eine Neigung zur Melancholie und zum Schwermut hatte, war er keineswegs nur der verträumte und sensible Romantiker, den viele in ihm sehen. Er war nicht nur der Komponist zärtlicher Nocturnes, sondern ebenso der Schöpfer vor Leidenschaft und Dramatik bebender Werke wie der Ballade g-moll op.23, den Scherzi h-moll op. 20 und cis-moll op. 39, der Polonaise As-Dur, op. 53 oder der Revolutionsetüde op. 10 Nr. 12. Auch das Schicksal, die Geschichte und die Folklore seines Heimatlandes beeinflussten seine Kompositionen. Motive und Themen, insbesondere der typische Rhythmus der Tänze Polens, Mazurka und Krakowiak, finden sich in zahlreichen seiner Kompositionen wieder. Und seine Polonaisen, Balladen sowie einige seiner Etüden bezeugen seine ausgesprochen patriotische Gesinnung.
Christoph Rueger, Professor für Musiktheorie und Tonsatz an der Universität der Künste in Berlin und Autor von Biografien über Johann Sebastian Bach und Franz Liszt, legt jetzt, zum 200. Geburtstag des Komponisten eine Neubearbeitung seiner Chopin-Biographie vor, die schnörkellos und zielbewusst Annäherungen an den Komponisten, seine Zeit und sein Lebenswerk sucht. Das biographische Feld ist bei diesem Komponisten gut bestellt. Hier kann sich Rueger auf gut abgesichertes Material stützen (merkwürdigerweise fehlen allerdings die fundamentalen Werke von Mieczylaw Tomaszewski und Tadeusz A. Zielinski in seinem Literaturverzeichnis). In der Bewertung der Musik Chopins geht er seine eigenen Wege. Rueger hat sein Buch in zwei parallel laufende Teile aufgeteilt, in einen biographischen und einen musikalischen. Der musikalische Teil stellt alle Werke Chopins vor, und zwar chronologisch geordnet, so dass man die Entwicklung des Chopin-Stils klar nachvollziehen kann.
Geboren wurde Fryderyk Chopin am 1. März 1810 in Zelazowa Wola, einem kleinen Ort in der Nähe von Warschau. Sein Vater war Franzose, seine Mutter Polin. Mühelos erlernte der Junge das Klavierspiel, und schon sehr früh war er in ganz Polen als Wunderkind bekannt. 1818, mit 8 Jahren, gab Chopin sein erstes öffentliches Konzert. Das Konzert fand im Warschauer Palast des Fürsten Antoni Radziwill statt. Die Zuhörer waren von den Fähigkeiten des jungen Pianisten begeistert. Die Warschauer Zeitungen berichteten regelmäßig von dem kleinen Jungen mit der großen Begabung und bezeichneten ihn als den „Mozart der Polen“. Oft wurde er anlässlich offizieller oder privater Anlässe eingeladen, um den Gästen vorzuspielen.
1822 wusste Chopins Klavierlehrer Albert Zywny keinen Rat: Sein hochbegabter Schüler, obwohl erst 12 Jahre alt, war ihm bereits „über den Kopf gewachsen“. Joseph Elsner, nicht nur Komponist, Geiger und Kapellmeister, sondern auch Direktor des Warschauer Konservatoriums und Leiter der städtischen Oper, sollte ihn von jetzt an unterrichten. Seine Tätigkeit erstreckte sich jedoch fast ausschließlich auf Musiktheorie, Kompositionsunterricht sowie Kontrapunkt- und Harmonielehre. Klavierunterricht erteilte er seinem neuen Schüler so gut wie keinen. Chopin hatte somit nur einen einzigen Klavierlehrer, Albert Zywny, gehabt.
1825 spielte Chopin dem russischen Zaren Alexander I. vor. Der begeisterte Zar schenkte ihm als Anerkennung einen wertvollen Brillantring. Und im gleichen Jahr hielt Chopin sein erstes gedrucktes Werk in Händen! Das Rondo in c-moll wurde als sein op. 1 veröffentlicht.
1827 komponierte Chopin seine erste Sonate (c-moll, op. 4), die er seinem Lehrer Joseph Elsner widmete. Die Sonate zeichnet sich noch nicht durch die für Chopin später so typische Melodik und Harmonisierung aus. Als Student am Konservatorium fuhr Chopin während der Ferien entweder aufs Land oder reiste in das benachbarte Ausland. Nur selten ließ er eine Gelegenheit ungenutzt, umherziehenden jüdischen Straßenmusikern oder polnischen Folkloregruppen zuzuhören oder sogar mit ihnen zu musizieren. Motive und Rhythmen der traditionellen polnischen Tanzmusik, Mazurka, Krakowiak und Polonaise, übernahm er später in seine eigenen Kompositionen.
1829 verliebte sich Chopin das erste Mal. Die Dame seines Herzens hieß Konstancja Gladkowska, war Sängerin und studierte ebenfalls am Warschauer Konservatorium. Die Gefühle, die Chopin für sie empfand, inspirierten ihn zur Komposition des Walzers Des-Dur, op. 70 Nr. 3 sowie zum Adagio des Klavierkonzertes Nr. 2, f-moll, op. 21. Chopins Liebe blieb – wie noch oft in seinem Leben – unerfüllt und platonisch, schreibt Rueger.
Während seines ersten Aufenthaltes in Wien 1829 gab Chopin im Wiener Opernhaus, dem „Kärntnertor-Theater“ zwei Konzerte, für die er aber kein Honorar erhielt. Die Wiener Kritik lobte seinen eleganten Anschlag und den Verzicht auf die damals üblichen rhetorischen Übertreibungen, würdigte seine Improvisationskunst, erwähnte seine neuen Kompositionsideen – bemängelte aber sein zu leises Spiel.
Im Alter von nur 20 Jahren hatte Chopin bereits einen großen Teil seiner bedeutendsten Werke komponiert, darunter auch seine beiden Konzerte für Klavier und Orchester. Mit 21 Jahren verließ er seine Heimat, um in Paris als Pianist, Komponist und Klavierlehrer zu arbeiten. „Geh, mach den Namen Polens berühmt. Hier werden wir die Dinge schon regeln!“ hatten die Freunde ihm mit auf den Weg gegeben.
Die Nachricht vom Ausbruch des Warschauer Freiheitsaufstandes, die Chopin Anfang Dezember 1830 in Wien erreicht hatte, begeisterte ihn, den glühenden Patrioten, so sehr, dass er sofort nach Hause zurückfahren wollte. Doch sein Freund Titus Woyciechowski überzeugte ihn, dass es nicht nur für ihn, sondern auch für die Daheimgebliebenen besser wäre, seinen Auslandsaufenthalt fortzusetzen. Chopin verließ im Juli 1831 Wien und spielte am 28. August im Saal des Philharmonischen Vereins in München den 1. Satz seines e-moll Konzertes sowie eine Fantasie über polnische Themen. In Stuttgart erfuhr er, dass der polnische Freiheitsaufstand blutig niedergeschlagen wurde und dass die Russen Warschau eingenommen hatten. Seine tiefe Erschütterung und Verunsicherung vertraute er einem Notizbuch an, dem man später die Bezeichnung „Stuttgarter Tagebuch“ gab. Die tragischen Ereignisse in Warschau verarbeitete er musikalisch: Bereits in Stuttgart begann er mit der Komposition seiner berühmten „Revolutions-Etüde“ op.10 Nr. 12.
Am 14. September 1831 traf Chopin in Paris ein. Zunächst hatte er es hier sehr schwer, die erhofften Konzertangebote blieben aus. Er verkehrte überwiegend in polnischen Emigrantenzirkeln. Einer ihrer geistigen Führer war der Lyriker Adam Mickiewicz, mit dem sich Chopin rasch anfreundete. Doch auch in anderen Kreisen fand er Freunde – Heinrich Heine gehörte dazu, ebenfalls Emigrant in Paris. Die Verständigung zwischen beiden funktionierte erstaunlich gut: halb durch Worte, halb durch Musik. Durch Empfehlungen einflussreicher polnischer Emigranten, insbesondere durch die guten Beziehungen des Fürsten Adam Czartoryski gelang es Chopin, ein Debütkonzert zu organisieren. Es fand am 26. Februar 1832 im Konzertsaal des Klavierfabrikanten Camille Peyel statt. Chopin spielte an diesem Abend sein e-moll Klavierkonzert und seine Variationen über Themen aus Mozart-Opern. Man lobte sein elegantes und brillantes Spiel, kritisierte aber – genau wie seinerzeit in Wien – fehlendes Volumen. Seine Kompositionen hätten „Seele“ und wiesen neue „Gedanken“ auf, es fehlten aber die Verknüpfungen der einzelnen Phrasen, so dass es sich mehr um Fantasien als um Kompositionen im klassischen Sinne handeln würde.
Aufgrund seines erfolgreichen Konzertdebüts bekam Chopin Kontakt zu einigen wichtigen Musikverlegern, die ihm anboten, seine Kompositionen zu erwerben und in ganz Europa zu verlegen. Außerdem ermunterte man ihn, möglichst bald weitere neue Werke zu komponieren.
Beflügelt durch seinen Erfolg schien Chopin seine Angst vor öffentlichen Auftritten für kurze Zeit vergessen zu haben. Er bemühte sich, auf einem noch bedeutenderen Podium konzertieren zu können. Vor dem Publikum des Pariser Konservatoriums trat er erfolgreich als Solist in seinem e-moll Klavierkonzert auf. Es war wohl einem Zufall zu verdanken, dass sich Chopin im Jahre 1832 endgültig in Paris beruflich etablieren konnte. Während eines Spaziergangs auf einem der Pariser Boulevards begegnete er Valentin Radziwill, dem aus Polen emigrierten Sohn des Fürsten Antoni Radziwill, und der lud ihn zu einer Gesellschaft im Hause des Baron Rothschild ein. Als er dort gebeten wurde, sich an den Flügel zu setzen, entwickelte sich alles andere fast wie von allein. Chopin blieb regelmäßiger und gern gesehener Gast im Hause des Baron Rothschild. Und als die Frau des Barons auch noch bei ihm Unterricht nahm, brauchte er sich um neue Schüler nicht mehr zu bemühen. Er war jetzt 24 Jahre alt und in Paris so bekannt, dass er von den besten Kreisen des französischen Adels hofiert und verehrt wurde, und zwar nicht nur aufgrund seiner musikalischen Begabung, sondern weil er in jeder Hinsicht eine besondere Erscheinung war. Das Besondere seiner Persönlichkeit und seiner Individualität – Rueger beschreibt das eindringlich - war so hervorragend wie seine Musik. „Mühelos adoptiert Chopin Paris als Wahlheimat, und mühelos adoptiert ihn die Pariser Gesellschaft als einen der ihren“, so Rueger.
Verheiratet war Chopin nie. 1835 hatte er sich in Dresden in die 16jährige Tochter Maria des Grafen Wodzinski verliebt. Doch die Verlobung wurde auf Wunsch der Brauteltern gelöst. Möglicherweise kannten diese den schlechten Gesundheitszustand Chopins. Vielleicht befürchteten sie aber auch, dass ihre Tochter „unter ihrem Stande“ heiraten könnte.
Chopin war 26 Jahre alt, als er im Oktober 1836 das erste Mal der damals in ganz Europa bekannten Schriftstellerin George Sand begegnete. Die Dame gefiel ihm absolut nicht. Doch George Sand, deren Leben und Schaffen Rueger ausführlich beschreibt, war fest entschlossen, den berühmten polnischen „Tastenzauberer“ zu erobern. Im November 1838 reiste der 28jährige Chopin zusammen mit der 6 Jahre älteren George Sand, seiner „Morgenröte“, die er „als Chance für Neubeginn und Kräftigung begreift“, so Rueger, und ihren beiden Kindern Maurice und Solange nach Mallorca. Die Reise sollte Chopins Erholung dienen, wurde ihm aber zu einer „lebensbedrohenden Falle“ (Rueger). Chopin hatte starke Hustenanfälle und es ging ihm körperlich sehr schlecht. Die Vier zogen nach Valldemossa um, in ein ruhig gelegenes romantisches Kartäuser-Kloster, wo Chopin endlich zum Arbeiten kam. Unter anderem beschäftigte er sich mit den Préludes op. 28, der Ballade F-Dur op. 38, dem Scherzo cis-moll op. 39, den Polonaisen A-Dur und c-moll op. 40, der Mazurka e-moll aus op. 41 und der Nocturne g-moll op.37 Nr. 1. Als sich dann aber die Krankheit Chopins dramatisch verschärfte, beschloss man, die Insel so schnell wie möglich zu verlassen. Die Heimreise ging dann nicht nach Paris, sondern nach Nohant, dem etwa 300 km südlich von Paris gelegenen schlossähnlichen Landsitz von George Sand.
Von 1839 bis 1846 sollte nun Chopin jeden Sommer zusammen mit George Sand und ihren Kindern in Nohant verbringen. Hier hatte er ideale Möglichkeiten, sich seiner kompositorischen Arbeit zu widmen. Das war auch der Grund, weshalb hier die meisten Werke entstanden oder fertig gestellt wurden, die er in diesem Lebensabschnitt komponiert hatte. Neben einigen anderen Werken vollendete er in Nohant auch die Sonaten b-moll op. 35 und h-moll op. 58. Der Landsitz war zudem in jedem Sommer voller interessanter Gäste. Dazu gehörten die Sängerin Pauline Viardot, der Maler Eugène Delacroix, die Schriftsteller Honoré de Balzac, Alexandre Dumas, Auguste Flaubert und Iwan Turgenjew sowie Chopins Kollege Franz Liszt. Das übrige Jahr, also die Zeit von November bis Juni, lebte Chopin überwiegend in Paris. Hier fand er jedoch kaum noch Zeit und Muße zum Komponieren. Vormittags und nachmittags unterrichtete er, die Abende verbrachte er fast immer in der Oper, im Theater oder in einem Konzert. Und abgeschlossen wurde der Tag meistens auf einer eleganten Soirée in einem der vornehmen Pariser Salons.
Nach 6jähriger Konzertpause entschloss sich der mittlerweile 31jährige Chopin, dem Drängen seiner Umgebung zu folgen und wieder ein öffentliches Konzert zu geben. Da er mittlerweile seit mehreren Jahren nicht mehr als Solist in einem großen Saal konzertiert hatte, sondern immer nur in einem kleinen privaten Kreis, hatte er gerade vor diesem Konzert mehr Angst als je zuvor. Das Konzert am 26. April 1841 im „Salle Pleyel“ wurde ein kultureller und gesellschaftliches Ereignis ersten Ranges und für Chopin wohl sein größter Triumph als Pianist. Er spielte einige seiner Préludes, die Ballade F-Dur, das Scherzo cis-moll, mehrere Mazurken sowie verschiedene Nocturnes und Etüden. In der Zeitschrift „France Musicale“ hieß es: „ …Chopin ist Pianist aus Überzeugung. Er komponiert für sich selbst…Hören Sie ihm zu, wie er träumt, wie er weint, wie er sanftvoller Zärtlichkeit und Melancholie singt; wie vollkommen er die lieblichsten und erhabensten Gefühle ausdrückt. – Chopin ist ein Pianist des Gefühls par excellence. Man kann ebenfalls sagen, dass Chopin eine neue Schule es Klavierspiels und des Komponierens geschaffen hat“.
1847 kam es zum Bruch zwischen Chopin und George Sand und zum Ende der fast neunjährigen Freundschaft. Rueger macht dafür „die Diskrepanzen in den politischen und sozialen Anschauungen der beiden“ verantwortlich: Chopin sei „letztlich ein Vertreter des Ancien régime“ gewesen, während die Sand „die Prinzipien von Demokratie und Gleichheit aller Menschen und das der Religionsfreiheit“ verfochten habe. Und an anderer Stelle fügt Rueger hinzu: „Ein Patriot war Chopin immer gewesen, ein Demokrat nie“. Aber auch die Persönlichkeiten der beiden und ihre Einstellungen zu allen Fragen des Lebens waren zu verschieden. George Sand war eine mächtige Lebensmaschine – vor ihre schriftstellerische Arbeit gespannt wie der Ackergaul vor dem Pflug. Ihre Energie konnte Gespenster verscheuchen. Chopins Aufmerksamkeit war dagegen nach innen gerichtet, aber nur auf sein eigenes Innere. George Sand formulierte dies so: „Seine Seele ist ganz Poesie und Musik, und er kann keinen Widerspruch gegen sein eigenes Denken ertragen. Nur das ihm Wesensgleiche versteht er oder will es verstehen“.
„Chopin ist ohne George Sand entwurzelt und kühlt seelisch – und körperlich – völlig aus“ – so der lapidare Kommentar von Christoph Rueger. Insbesondere finanzielle Gründe zwangen Chopin im Jahre 1848 noch einmal auf das ungeliebte Konzertpodium. Es sollte sein letztes öffentliches Konzert in Paris sein. Nur ein ausgewähltes Publikum erhielt Eintrittskarten; dazu gehörten Mitglieder der königlichen Familie und des Adels sowie bekannte Künstler und Freunde des Komponisten.
Vom April bis November 1848 folgte Chopin einer Einladung seiner Schülerin Jane Stirling, Tochter eines vermögenden schottischen Bankiers, eine Konzertreise nach England und Schottland zu unternehmen. Trotz seines schlechten Gesundheitszustandes gab er Hauskonzerte in London, u.a. auch in Anwesenheit der englischen Königin Victoria, und öffentliche Klavierabende in Manchester, Glasgow, Edinburgh und abschließend auch in London.
Als er wieder in Paris eintraf, war er so krank, dass er kaum noch seine Wohnung verlassen konnte. Vermutlich litt er bereits seit seiner Jugend an einer fortschreitenden kavernösen Lungentuberkulose. Als Folge dieser Erkrankung kam noch kurz vor seinem Tode eine Kehlkopf- und Dünndarmtuberkulose hinzu und Ödeme in den Beinen deuteten auf eine Schwächung der rechten Herzkammer hin. Seine in Warschau lebende Schwester Ludwika bat er zu sich nach Paris. Auf Wunsch des Todkranken eilte die in Nizza lebende, aus Polen stammende Sängerin Gräfin Delfina Potocki herbei und sang an seinem Krankenbett, sich selbst auf dem Klavier begleitend. Am 17. Oktober 1849 starb Chopin an Herzversagen, verursacht durch die extreme Herz- und Kreislaufbelastung aufgrund der Tuberkulose.
Nach der Trauerfeier in der Kirche La Madeleine wurde er auf dem Pariser Friedhof Père-Lachaise unter großer Anteilnahme der Bevölkerung beigesetzt. Doch sein Herz nahm Chopins Schwester – dem Wunsch des Verstorbenen entsprechend – mit nach Warschau. Seit 1850 ruht das Herz Chopins in der Heilig-Kreuz-Kirche in Warschau, nur wenige Meter von Chopins letzter Wohnung in Polen entfernt. Chopin, der Schöpfer von Polonaisen und Mazurken, war in seiner Musik und in seiner Gesinnung ein Leben lang polnischer Patriot geblieben. Sein Herz sollte deshalb zurück in seine Heimatstadt Warschau.
Chopin hat bekanntlich keine Opern, keine reinen Orchesterwerke, kaum Kammermusik und nur wenige Lieder komponiert. Klavierkonzerte, also Kompositionen für Klavier und Orchester, hat Chopin ebenfalls nur zwei komponiert, und Kritiker behaupten, dass in beiden Konzerten das Orchester eine zu untergeordnete Rolle spiele. Für beide Klavierkonzerte hat Chopin außerdem Varianten für Streichquintett anstelle des Orchesters komponiert und in dieser Formation auch öfter als Solist mitgewirkt.
Im zweiten Teil seiner Chopin-Biographie untersucht Rueger das Werk des Komponisten selbst: die klassischen Formen (Konzerte und Konzertantes, Klaviertrio, Sonaten, Rondeaux, Variationen), die Etüden und Préludes, die Scherzi und Balladen, die Polonaisen und Mazurken, die Walzer, Nocturnes, Impromptus und die wichtigsten Einzelstücke. Zweifellos lagen der Schwerpunkt und die Stärke von Chopins Arbeit in der so genannten „kleinen Form“. Besonders in den Mazurken legte er seine ganze Ausdruckskraft, um seiner melancholischen Traurigkeit, dem so genannten „Zal“ eine musikalische Gestalt zu geben. Dieses, in eine andere Sprache nicht übersetzbare polnische Wort „Zal“ (es bedeutet nicht nur „Leid“ allein) steht sozusagen als geheimes Vorzeichen vor allem, was Chopin geschaffen hat. Es schließt alle Gemütslagen und Stimmungen wie Traurigkeit, Melancholie, Sehnsucht, Wehmut, Schmerz, Sorge, Kummer, Verlust, Unruhe und Reue ein.
Doch auch die Nocturnes sind Meisterwerke ersten Ranges. Ihre Belcanto-Melodien sind für ihre Schönheit berühmt, ihre Harmonik ist raffiniert und ihr Rhythmus ist zwar an einen Takt gebunden, aber dennoch relativ frei. Ihre Interpretation erfordert deshalb ein besonders ausgeprägtes Einfühlungsvermögen und große Sensibilität. Die Nocturnes gehen von der Stille aus und kehren zu ihr zurück. In ihrer Klanggestaltung soll das Intime und Poetische zum Ausdruck gebracht werden, ohne sentimental zu werden.
Was meinte Robert Schumann wohl, als er davon sprach, dass es sich bei der Musik Chopins um „unter Blumen eingesenkte Kanonen“ handelt? Unabhängig vom Einfluss seiner eigenen, tief empfundenen Gefühlswelt, war Chopin auch als Komponist Patriot: Seine erste Komposition war eine Polonaise (Polonaise g-moll) und sein letztes Werk war eine Mazurka (Mazurka op. 68 Nr. 4). Für seine patriotische Haltung steht außerdem das heroische Idiom in den Polonaisen, in einigen Etüden und in den Préludes sowie die dramatisch-mysteriöse in den Balladen und Scherzi.
Für Rueger liegt Chopins musik- und kunsthistorische Bedeutung aber auch darin, dass er der Musik neue Elemente zugeführt hat und neue Mittel fand, um Stimmungen und Empfindungen sowie deren feinste Schattierungen musikalisch, insbesondere pianistisch auszudrücken, die vor seiner Zeit noch dem Bereich des Unausgesprochenen und Unaussprechbaren angehörten. Christoph Ruegers Chopin-Biographie ist Zeitzeugnis, Komponisten-Porträt, Lesebuch, Leitfaden, Musik-Führer, Werk-Kommentar wie Nachschlagewerk – alles in einem.
Von Franz Liszt, dem Freund, Kollegen und ersten Biographen Chopins, stammen folgende bemerkenswerte Zeilen: „Nie drängte er einem anderen seinen Willen auf; nie suchte er den Geist eines anderen zu beherrschen oder zu ersticken. Nie vergewaltigte er ein fremdes Herz, nie griff er erobernd in das Schicksal eines anderen ein. Er beanspruchte nichts und verschmähte es, etwas zu fordern. Wie Tasso könnte man sagen: ‚Ich ersehnte viel, erhoffte wenig, begehrte nichts’“.
Literaturangabe:
RUEGER, CHRISTOPH: Frédéric Chopin. Seine Musik – sein Leben. Überarbeitete Neuausgabe. Parthas Verlag, Berlin 2009. 316 S. mit 15 Abb., 19,80 €.
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